Fischereihafen-Restaurant

Wie Rüdiger Kowalke um sein Leben kämpfte

Rüdiger Kowalke
an der Elbe. Das
Fischereihafen-Restaurant
ist sein
Leben

Rüdiger Kowalke an der Elbe. Das Fischereihafen-Restaurant ist sein Leben

Foto: Michael Rauhe / HA

Als Hamburgs „Fisch-Papst“ umsorgt er seine prominenten Gäste. Aber Rüdiger Kowalke musste auch gesundheitliche Schläge einstecken.

Hamburg. Der 13. Juli 2016 ist ein grauer Sommertag. Aber das interessiert Rüdiger Kowalke nicht. In der Garage steht sein neuer Mercedes. Die Premierenfahrt ist für den Abend geplant, wenn sein Freund, der Entertainer Jörg Knör, im Schmidtchen auf der Reeperbahn sein neues Programm „Filou! Mit Show durchs Leben“ vorstellen wird. „Ich lasse noch mal den Hund raus“, hört ihn Ehefrau Susanne rufen. Dann wird es still.

Kowalke will kurz darauf die Unterlagen des Autos in das Elbloft der Altbauvilla in Blankenese bringen. Doch dort oben kommt er nicht an. „Ich war auf dem Weg zum Fahrstuhl und weiß von einer Sekunde auf die andere nichts mehr. Ohne Vorankündigung riss es mir den Boden unter den Füßen weg. Aufgewacht bin ich erst nach einer Viertelstunde, als der Krankenwagen vorfuhr.“

Keine drei Monate später. Rüdiger Kowalke sieht aus wie Rüdiger Kowalke. Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte mit Streifen, die Haare akkurat nach hinten gekämmt, charmantes Lächeln, so kennen ihn die Gäste des Fischereihafen-Restaurants seit Jahrzehnten. Nichts deutet mehr auf die vergangenen, so schweren Monate hin. „Wollen wir eine Kleinigkeit essen? Ich habe nur wenig gefrühstückt“, sagt Kowalke und wartet die Antwort gar nicht erst ab, während er auf einen gedeckten Tisch zusteuert – vorbei an Stammgästen, Geschäftsleuten und Touristen im schon zur frühen Mittagsstunde gut gefüllten Gourmettempel an der Großen Elbstraße.

„Grundsätzlich war 2016 nicht mein Jahr“, bilanziert der bekannteste Gastronom Hamburgs knapp. Wie der sonst so launige Geschichtenerzähler diesen Satz herausbringt, leise, fast raunend, lässt das Drama hinter den kargen Worten erahnen. Nach einiger Bedenkzeit hat sich Kowalke entschieden, darüber zu sprechen. Eine tränenreiche, mitleidsvolle Krankengeschichte, nein, die wäre allerdings nicht in seinem Sinne. Anderen Menschen Mut zu machen, den Kampf anzunehmen und positiv zu bleiben, auch wenn es manchmal noch so schwer fällt, ja, dieses Signal möchte der 68-Jährige sehr gerne aussenden.

Also los, in der Kurzversion. Ende des vergangenen Jahres stellt Kowalkes Hausarzt Auffälligkeiten im Blut fest – Blasenkrebs. Es folgen zwei Operationen im März, beim zweiten Eingriff steht sein Leben auf der Kippe. Sein Freund Professor Wolfgang Teichmann, schon seit fünf Jahren im Ruhestand, trommelt nach Mitternacht ein OP-Team zusammen – innere Blutungen. „Es ging um Stunden. Wolfgang habe ich zu verdanken, dass ich heute noch hier bin.“

Reha verläuft planmäßig

Aufatmen, als feststeht, dass keine Chemotherapie, keine Bestrahlungen notwendig sind. Die Reha verläuft planmäßig. Als Susanne und er glauben, das Schlimmste sei überstanden, erleidet er am 13. Juli den oben geschilderten Anfall. „Halb kardiologisch bedingt, halb epileptisch“, gibt Kowalke vereinfacht die Diagnose der Ärzte in der Alsterdorfer Klinik wieder.

Übel gestürzt war er damals, brach sich das linke Schulterblatt und knackste sich die Rückenwirbel Nummer acht und elf an, die heute noch schmerzen. Ein implantiertes Kombi-Gerät überwacht seitdem sein Herz. Der Herzschrittmacher gibt elektrische Impulse, wenn sein Herz zu langsam schlägt, der Defibrillator unterbricht krankhafte Formen von zu schnellem Herzschlag. Als Kowalke damals zusammenbrach, pochte sein Herz 200-mal pro Minute.

Kaum zu glauben, dass Kowalke im September bei der Fischereihafen-Golftrophy zugunsten der Uwe-Seeler-Stiftung am ersten Abschlag stand und das Turnier mit dem traditionellen Startschuss eröffnete. Noch im Krankenbett hatte er die Gruppen-Einteilung vorgenommen, fleißig telefoniert und Sonderwünsche entgegengenommen. Bei der Premiere der neuen Saison im Hansa Theater am Steindamm am 6. Oktober begrüßte er im Foyer die Gäste. Seit der Wiederbelebung des Traditionshauses vor neun Jahren verwöhnt sein Team die Besucher kulinarisch. Ein Küsschen hier, ein Plausch dort. Wie immer.

Leben auf der Überholspur

Also alles gut? Noch nicht. Kowalke schiebt ein Stück Räucheraalfilet mit Rührei auf seine Gabel. Er spüre, dass sein Körper älter geworden und noch geschwächt sei. Sein geliebtes Golfspielen? Ja, das geht schon wieder. Aber insgesamt fehle die Spannkraft. „Ich bin noch nicht so belastbar und brauche noch mal 14 Tage Hilfe.“ In einer Privatklinik zwischen München und Garmisch will sich Kowalke nun von Spezialisten untersuchen und aufpäppeln lassen. Denn das Vertrauen in den Körper zurückzugewinnen, funktioniert nicht auf Knopfdruck.

Kowalke blickt auf ein Leben auf der Überholspur zurück. Seine Kreativität als Geschäftsführer, die Auslastung des Kaltenkirchener Hofs mit seinen 60 Betten zu erhöhen, fiel schnell auf. „Ich organisierte Fischwochen, Wildwochen, Kegel- und Weihnachtsbälle, reiste zu Firmen nach Holland, Dänemark und Schweden, um für das Hotel zu werben.“ Auch deshalb stach er mit gerade mal 33 Jahren die 100 anderen Bewerber aus, die ebenfalls das Fischereihafen-Restaurant pachten wollten. Ein damals her­untergekommener Laden. „Als ich an einem Freitag gegen 19 Uhr mit meiner damaligen Frau hereinkam, spielten die gelangweilten Kellner Backgammon. Auf der Speisekarte gab es Wild, Geflügel, Fleisch – und ein bisschen Fisch. Das völlig falsche Konzept.“ In der Straße flanierten Bordsteinschwalben. Nicht 20 oder 30, nein über 200 Prostituierte gingen ihrem Gewerbe nach.

Kowalkes Ex-Frau empfand die Szenerie als abstoßend, doch er erkannte: „Das hier ist goldener Boden.“ Mit geliehenem Geld von Lieferanten, rund 80.000 Mark, legte Kowalke los und lud alsbald alle Concierges der wichtigsten Hotels der Hansestadt zum Essen ein. Eine kluge Marketingmaßnahme. „30 bis 35 Prozent des abendlichen Publikums kommen noch heute aus den Hamburger Hotels.“

Durchbruch kam 1982

Von „null auf hundert“ sei das Restaurant innerhalb von zwei Jahren nach oben geschossen. Der Durchbruch kam 1982. Stardirigent Leonard Bernstein gab in der Stadt ein Konzert und wollte mit seinem Orchester und etlichen Ehrengästen, darunter Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, gegen Mitternacht noch tafeln. Kowalke erkannte sofort die einmalige Chance und schlug ein. Am nächsten Tag schrieben die Zeitungen: „Ein neuer Stern am Hamburger Fischmarkt!“

Ob Musiker, Schauspieler wie Michael Douglas, Politiker wie Helmut Kohl und Angela Merkel oder Prinzenpaare wie Diana und Charles – sie alle nahmen schon bei Kowalke Platz, mal mit Blitzlichtgewitter, mal ganz privat. „Ich war ständig präsent, habe immer alles gegeben, man konnte sich auf mich verlassen.“ Und wenn die Müdigkeit in ihm aufstieg, bestellte er einen ordentlichen Mokka und ein, zwei Cola. „Wenn es mir nicht gut ging, dachte ich: Vielleicht sollte ich ein Glas Champagner trinken.“ Als „Fisch-Papst“, so tauften ihn die Medien, wurde er deutschlandweit bekannt, auch durch eine American-Express-Kampagne.

Mit 40 dann der erste Einschlag. Augeninfarkt, hervorgerufen durch eine verkalkte Herzklappe. Die Ärzte kämpften vergeblich um sein rechtes Auge. „Das war schon eine riesige Umstellung, wenn Sie nur noch mono statt stereo sehen.“ Seitdem bestellt er nur noch Autos mit automatischer Parkhilfe, sein wichtigstes Extra.

Der berühmte Herzspezialist Professor Roland Hetzer setzte ihm in Berlin eine künstliche Klappe ein. „Drei Wochen Reha in der Curschmann-Klinik in Timmendorf, schon war ich wieder hier. Gefühlt habe ich mich nur kurz geschüttelt“, erinnert sich Kowalke. 1997 überschrieb er seinem Sohn Dirk das Restaurant mit seinen heute 67 Mitarbeitern, blieb aber weiter präsent.

Kowalke surfte wieder auf der Erfolgswelle, auch privat. Im Fischereihafen-Restaurant – wo sonst – lernte er seine Susanne kennen, die dort mit ihrer Mutter speiste. Noch am selben Abend lud er sie ein, Silvester mit ihm und einigen Freunden in Spanien zu feiern. Die Überfalltaktik ging nicht auf – Susanne war noch verheiratet – aber nach dem nächsten zufälligen Treffen beim Friseur funkte es endgültig. Heirat 1999.

Heilungschance nur bei rund 20 Prozent

Aus dem Gleichgewicht geriet Kowalkes Leben mit einem Schlag 2009, als ein Krebs zwischen Gallengang und Leber diagnostiziert wurde. Die Heilungschance hätte nur bei rund 20 Prozent gelegen, sagt er. „Elf Stunden dauerte damals in der Berliner Charité die Operation, 80 Prozent der Leber mussten entfernt werden“, erinnert sich Kowalke. Ein Wagnis. Doch das Organ regenerierte gut und beeinträchtigte ihn danach kaum.

Haben ihm die vielen Stunden im Restaurant so viel Kraft geraubt, dass sich die Krankheiten in seinem Körper einnisten konnten? Kowalke überlegt kurz, nimmt einen Schluck Wasser, sagt dann: „Ganz sicher habe ich zu wenig an mich gedacht. Aber für mich ging es nun mal nicht anders als mit Vollgas. Ich brauchte immer meine kleine Bühne, das hat mir Spaß gemacht.“

Fest steht jedoch, dass ihm sein Lokal auch das Leben rettete. Weil er dort auch Top-Ärzte kennenlernte, die ihn in seiner Notlage unterstützten, schnell reagierten. „Ohne Netzwerk hätte ich es schwer gehabt. Bei solchen grenzwertigen Einschlägen benötigst du die geballte Kompetenz von Experten“, ist sich Kowalke seiner privilegierten Stellung bewusst.

Mindestens genauso wichtig sei aber auch gewesen, sich nicht zu verstecken, sondern sein Schicksal teilen zu können, um den Kampfgeist zu wahren. „Du brauchst die volle Unterstützung der Familie, die dich in traurigen Momenten auffängt. Die dich aufmuntert und Kraft gibt, wenn du mental ins Tal abgleitest. Und du brauchst Freunde, mit denen du sehr ehrlich sprechen kannst, die für dich da sind.“ Kontrolle abgeben, sich öffnen – das sagt jemand, der es gewohnt ist, im Geschäft alles bis ins kleinste Detail zu kontrollieren, damit die Qualität stimmt.

Der Kellner serviert gerade ein Ingwersüppchen, als Benjamin Kast um die Ecke lugt. Ihn hat Ehefrau Susanne mit in die Ehe gebracht. Lässig im Arm liegt der vier Wochen alte Enkel von Kowalke. „Henry, der Erste, der absolute Hammer!“, strahlt Opa Rüdiger, der auch zu den 17-jährigen Zwillingen von Dirk, Fiona und Konstantin, ein herzliches Verhältnis pflegt. Als rechte Hand von Dirk Kowalke führt „Benny“ die Familientradition des Lokals weiter. Ehefrau Susanne gilt als gute Seele des Teams.

„Ich werde zwar bald 69. Aber im Kopf bin ich 40“

Rüdiger Kowalke genießt die zwei Stunden als „Gast“ im Fischereihafen-Restaurant. Ohne Händeschütteln und einen kurzen Klönschnack zwischendurch geht es allerdings nicht. Kowalke profitiert dabei von seinem phänomenalen Namensgedächtnis. Dreimal pro Woche kommt er derzeit ins Restaurant, ohne aber aktiv in die Gästebetreuung einzugreifen. Mit seinem Sohn Dirk hat er seit Jahren einen Beratervertrag. Ohne Laufzeitbegrenzung. „Mich komplett zurückzuziehen, wäre ehrlich gesagt eine grauenhafte Vorstellung. Hier in diesen Räumen steckt so viel Herzblut, ein Großteil meines Lebens. Ich liebe dieses Lokal, die Atmosphäre, die Gäste.“ Jemanden aus seinem zweiten Wohnzimmer zu verbannen – undenkbar.

So verwundert es wenig, dass er beim Hauptgang – Seezunge mit Petersilienkartoffeln und Gurkensalat – über die anstehenden Projekte spricht. Auch wenn die Wände in der Oyster-Bar um die Ecke voll mit Erinnerungsfotos mit Prominenten hängen – seine Gedanken gehören der Neugierde, was die Zukunft noch bringt. Einige Erweiterungsarbeiten im Restaurant stehen an. Und klar, für die Seeler-Stiftung will er sich weiter engagieren. Kowalke lacht in diesen Minuten viel, die sonore Stimme wirkt kraftvoll. Der Grandseigneur des Fischereihafen-Restaurants war und ist eben ein Unternehmer. „Ich werde zwar bald 69. Aber im Kopf bin ich 40.“

Kowalke kommt mit zur Treppe. Ein fester Händedruck, dann sagt er zum Abschied: „Wenn ich aus Bayern zurückkomme, bin ich runderneuert. Dann kann ich mit meinen Heideräubern, meinem kleinen Golf-Freundeskreis, wieder montags auf Tour gehen. Ein Zock über fünf Euro pro Loch, darauf freue ich mich.“ Nein, es gibt überhaupt keinen Zweifel bei Rüdiger Kowalke. Was nach dem Leben kommt, muss warten.