Hamburger Hochbahn

Bahn fahren bald wie in Singapur

U 5 in Hamburg wird erste Linie in Deutschland mit Glaswänden vor den Gleisen. Waggons breiter als bisher

Hamburg.  Automatische Glas­türen vor den Gleisen und fahrerlose Züge – was in Metropolen wie Singapur und Dubai schon Realität ist, könnte in Deutschland eine kleine Revolution im Nahverkehr bedeuten. Denn Hamburg wäre mit dem Bau der neuen Linie U5 die erste Stadt in Deutschland mit sogenannten Sicherheitsschleusen am Bahnsteig.

Erstmals hat die Stadt in ihrem Transparenzportal zahlreiche Einzelheiten zum Bau der neuen U-Bahn-Linie veröffentlicht. In der knapp 100 Seiten langen Untersuchung zur Machbarkeit stellt die Hochbahn mehrere Varianten zu Streckenverlauf und Bauweise vor. Deutlich werden dabei auch Hürden, die für das Milliardenprojekt genommen werden müssen, und die daraus resultierende Kostensteigerung.

Die U-Bahnen sollen vollautomatisch und damit fahrerlos unterwegs sein. „Glastüren fungieren als Sicherheitsschleuse zwischen dem Fahrgastbereich und dem automatisch ein- und ausfahrenden Zug“, heißt es in dem Dokument. Erst wenn ein eingefahrener Zug zum Stillstand gekommen ist, würden die Bahnsteigtüren zum Aus- und Einsteigen zeitgleich mit den Zugtüren geöffnet und nach der Abfertigung wieder geschlossen werden.

Insgesamt können die neuen U-Bahnen rund einen halben Meter breiter werden als die bislang in Hamburg eingesetzten Modelle. Sie würden damit eine höhere Achslast und mehr Platz für Fahrgäste bieten. Wesent­licher Nachteil sei nach Ansicht der Planer, dass die Fahrzeuge dann „aufgrund ihrer Abmessungen nicht mehr auf den Bestandsstrecken fahren könnten“. Die neuen Züge könnten damit auch nicht für Instandhaltungsarbeiten in die Hauptwerkstatt nach Barmbek übergeführt werden. Die Infrastruktur auf den bestehenden U-Bahn-Linien sei nicht darauf ausgerichtet.

Verlaufen soll der erste Abschnitt der U 5, der Teilabschnitt Ost, nach aktuellen Planungen zwischen Bramfeld und der City Nord, einzelne Haltestellen sind voraussichtlich Steilshoop, Elligersweg, Rübenkamp und Sengelmannstraße. Vorläufige Endstation der sieben Kilometer langen Strecke wäre der New-York-Ring in der City Nord, wo Zehntausende Menschen arbeiten, die ihren Arbeitsplatz dann schneller als bislang erreichen sollen. In Zukunft soll die neue U-Bahn-Linie ganz in den Hamburger Westen führen. Ab City Nord soll die Trasse weiter durch die Innenstadt, über Siemersplatz und schließlich bis nach Osdorf führen.

Naturgemäß müssen für den Ausbau des Bahnnetzes auch die Kapazitäten der Hochbahn mitwachsen. Für nicht im Betrieb befindliche U-Bahnen sind künftig mehr Gleise zum Abstellen notwendig. Auch hier schlagen die Planer ein in Hamburg neues Modell vor: Ein Doppelstock-Tunnel mit bis zu sechs Gleisen pro Geschoss zwischen den Haltestellen Sengelmannstraße und New-York-Ring könnte als unter­irdischer Zugparkplatz dienen. Die tatsächliche Dimension müsse in der vertiefenden Planungsphase noch fest­gelegt werden. Doch neue Ideen bergen auch neue Risiken. Bautechnische Schwierigkeiten könnten bei dem ganzen Bauprojekt durch „nicht umfänglich erprobte bzw. unter den gegebenen Randbedingungen bisher noch nicht ausgeführte Bauverfahren oder durch die gestaffelte Ausführung von komplexen Spezialtiefbau- und Tunnelbauverfahren auftreten“, heißt es in der Untersuchung.

Bevor aber Ende 2021 überhaupt mit dem Bau der U 5 begonnen werden kann, muss die Stadt sich zunächst mit Privatgrundbesitzern einigen. Denn die geplante Trasse berührt teilweise auch nicht öffentliche Flächen. „Hierdurch ergeben sich unvermeidlich Inanspruchnahmen von Privatgrund entweder bauzeitlich für Baustelleneinrichtungsflächen, Verkehrsprovisorien oder aber dauerhaft durch Baukörper bzw. die Unterfahrung der Grundstücke“, heißt es unter Punkt 5.1.6.

Möglich seien etwa, dass Haltestellen oder Gehwege auf Privateigentum gebaut werden müssten. Je nach Bauvariante müsste die Hochbahn zwischen 33.800 und 79.300 Quadratmeter Privateigentum in Anspruch nehmen. „Für die Belastung der Privatgrundstücke mit Grunddienstbarkeiten werden Entschädigungen zu zahlen sein“, formulieren die Planer. Hierdurch ergibt sich auch eine Steigerung der bisher berechneten Kosten. „Die Kosten für den Grunderwerb sind im Rahmen dieser Machbarkeitsuntersuchung nicht berücksichtigt worden und müssen bei der Budgetfindung bauherrenseitig noch einkalkuliert werden.“

Gesprächsbedarf hat die Stadt auch mit dem Denkmalschutzamt. Für den Bau des ersten Abschnitts müssen laut Untersuchung drei geschützte Fußgängerbrücken am Überseering oberhalb des Trassenverlaufs abgerissen werden. Darüber hinaus ist Kritik auch von Anwohnern zu erwarten, denn an der Nordseite der Haltestelle Sengelmannstraße sollen zwei Lärmschutzwände weichen, ebenso wie ein Verkaufspavillon in der Fußgängerzone an der Haltestelle Steilshoop. Bei ersten Infoabenden im Sommer verfolgten Bewohner der betroffenen Stadt­teile den Ausführungen der Planer gespannt. Sie befürchten an mehreren Streckenpunkten eine erhöhte Lärmbelästigung durch Bauarbeiten und Bahnbetrieb.

Für den Ausbau des U-Bahn-Netzes in den nächsten Jahrzehnten – dies betrifft etwa auch die Verlängerung der Linie U4 – hat die Hochbahn deshalb eine eigenständige Stabsstelle mit acht Mitarbeitern zur Beteiligung der Anwohner gebildet. Bis Hamburg aber die Bagger und Kräne für das nächste Großbauprojekt auffahren kann, sind noch einige bürokratische Hürden zu nehmen: Die Ergebnisse erster Probebohrungen sollen nun erst mal in die Vorentwurfsplanung einfließen, bevor das Bauprojekt im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens genehmigt werden kann.

Die Machbarkeitsuntersuchung in voller Länge zum Herunterladen auf abendblatt.de