Bundespräsidentenwahl

Margot Käßmanns schnelles Nein verdient Respekt

Margot Käßmann hat die Kandidatur für das höchste Amt im Staat ausgeschlagen

Margot Käßmann hat die Kandidatur für das höchste Amt im Staat ausgeschlagen

Foto: dpa

Beim Blick auf ihre Karriere und ihre Ansichten wird klar, warum Margot Käßmann nicht Bundespräsidentin werden will.

Hamburg. Einen Moment schien es möglich, dass Margot Käßmann für das Amt der Bundespräsidentin kandidieren könnte. Vorgeschlagen von SPD-Chef Sigmar Gabriel, der die Theologin seit Langem kennt, unterstützt von der Linken. Es gibt einiges, was für die 58-Jährige spricht. Aber für sie es gab es mehr Gründe, das Angebot abzulehnen. „Es ehrt mich, dass mein Name im Zusammenhang mit dem höchsten Amt im Staat genannt wird. Allerdings stehe ich für dieses Amt nicht zur Verfügung“, sagte sie wenige Stunden nach den ersten Meldungen am Mittwoch auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes. Weitere Kommentare gab es nicht.

Es ist politisch klug, sich so zu verhalten. Ihr schnelles „Nein“ verdient darüber hinaus aber auch Respekt. Denn Margot Käßmann, heute als Reformationsbotschafterin im Dienst der evangelischen Kirche, hätte es noch mal allen zeigen können, nach ihrem tiefen Fall vor sechs Jahren. Im Februar 2010 war die damalige Hannoversche Landesbischöfin und Ratsversitzende der Evangelischen Kirche mit 1,5 Promille Alkohol am Steuer erwischt worden, danach ziemlich schnörkellos von ihren Ämtern zurückgetreten. Das hatte ihr viel Respekt eingebracht, aber sie auch angreifbar gemacht.

Inzwischen ist sie wieder zurück. Margot Käßmann sagt immer noch, was sie denkt und zwar so, dass es jeder versteht. Wenn man so will, hat sie das mit Martin Luther gemeinsam. Als Reformationsbotschafterin rührt sie die Werbetrommel für das Jubiläum 2017, und hat den wortgewaltigen Kirchenmann in den vergangenen Jahren quasi neu vermessen. Sie ist weltweit unterwegs, ihre Gottesdienste sind voll, ihre Bücher Bestseller. Käßmann, die inzwischen in Berlin lebt, kann ihre Meinung in Zeitungskolumnen und Talkshows kundtun, vom Krieg in Syrien, über das Burka-Verbot bis zur Lungenentzündung von Hillary Clinton. Und das alles, ohne den Druck und das Korsett eines öffentlichen Amts.

Käßmann hat den Machtverlust als Gewinn an Freiheit empfunden

Das klingt nach einer sehr guten Bilanz. Und wie als habe sie das voraussehen können, hatte Käßmann vor fünf Jahren in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt: „Der Verlust der Macht hat bei mir nicht das Gefühl der Ohnmacht ausgelöst, sondern eher das Gefühl von Freiheit.“ Aber schon damals war da noch etwas anderes. Das Gefühl, den Wechsel gestalten zu wollen, „als erste Frau an der Spitze“.

51 Jahre war Margot Käßmann alt, als sie 2009 zur EKD-Vorsitzenden gewählt wurde. Da war sie schon die erste Generalsekretärin des Kirchentags gewesen und seit zehn Jahren Landesbischöfin in Hannover. Die Tochter eines Tankstellen-Besitzers in Marburg galt vielen als Glücksfall für das Spitzenamt, mit einer lupenreinen Kirchenkarriere, fromm und trotzdem ein streitbarer Geist. Dass die Mutter von vier Töchtern sich kurz zuvor nach 26 Jahren Ehe von ihrem Mann hatte scheiden lassen, tat ihrer Popularität keinen Abbruch. In ihrem Leben als „öffentliche Frau“, in dem das Land sie bei der Joggingtour mit Hund genauso begleiten konnten wie bei ihrer Krebsdiagnose, war sie auch mit dem Scheitern ihrer Ehe offen umgegangen.

Eine Powerfrau, aber auch eine, die die gleichen Probleme hat wie Hunderttausende andere auch. Der erste echte Gegenwind kam Anfang 2010, als die erste Frau der evangelischen Kirche in ihrer Neujahrspredigt den Einsatz der Bundeswehr im Afghanistan kritisierte. „Nichts ist gut in Afghanistan“, dieser Satz verärgerte die Politik, irritierte viele. Sie sei überrascht über die Heftigkeit der Reaktionen auf ihre Person, hat sie danach ungewohnt dünnhäutig gesagt. Wie sehr ihr die öffentliche Kritik zugesetzt hatte, war ihr anzusehen. Aber sie hat auch immer wieder betont, dass sie sich nicht ändern wolle. „Wenn ich anfangen würde, jeden Satz darauf zu prüfen, ob er Ecken und Kanten hat, dann würde ich auch ein Stück von mir selbst verlieren.“

Für nicht wenige ist sie eine moralische Instanz

Solche Sätze hört man inzwischen nicht mehr von Käßmann. Man kann das Demut nennen, auch vor der Institution Kirche, für die sie immer ganz persönlich steht, und deren Glaubwürdigkeit sie mit ihrem unbedachten Verhalten am Autosteuer in jener Februarnacht beschädigt hatte. Auch wenn sie damals, kurz nach der Trunkenheitsfahrt, zunächst noch versucht hatte, das Bekanntwerden zu verhindern und in Interviews die Fassade zu wahren, ihr Rücktritt zwei Tage später gilt inzwischen als beispielhaft. Genauso wie Debatte, die sich danach um die Belastungen eines Lebens in einem öffentlichen Amt, um den Stress und die Gefahr des Scheiterns geführt wurde.

Nicht für wenige im Land ist die brillante Predigerin eine moralische Instanz, so etwas wie das Gewissen der Nation. Es gibt aber auch die anderen, die genau das nicht wollen. Sicher ist, dass Käßmann polarisiert. „Klartext-Frau“ hat Bild-Herausgeber Kai Diekmann sie bei der Übergabe des „Estrongo Nachama Preis für Toleranz und Zivilcourage“ unlängst genannt. In dem Punkt ist sie sich treu geblieben – und hat einen schnellen Schlussstrich unter die sich anbahnende Debatte gezogen. „Niemand ist Opfer in diesen Positionen“, ist einer der Sätze der Theologin aus dieser Zeit. „Jeder hat die Freiheit zu sagen, ich übernehme gern Verantwortung, aber es gibt auch eine Grenze.“ Genau das hat sie jetzt gemacht.