Neuer Roman

"Wie mein Opa die ,Hindenburg‘-Explosion überlebte"

Die „Hindenburg“ explodierte am 6. Mai 1937. Möglicher Grund: Eine
statische Ladung durch ein Gewitter entzündete die Wasserstofffüllung

Die „Hindenburg“ explodierte am 6. Mai 1937. Möglicher Grund: Eine statische Ladung durch ein Gewitter entzündete die Wasserstofffüllung

Foto: Wunderlich Verlag

Maiken Nielsen aus Ottensen hat einen Roman über ihren Großvater geschrieben, der vor fast 80 Jahren Offizier an Bord war.

Hamburg. Es gibt Bilder und Filmaufnahmen, die kennt fast jeder. Die Fotos von der Explosion der „Hindenburg“ und die schwarz-weißen Filmaufnahmen, die zeigen, wie der Zeppelin bei der Landung im amerikanischen Lakehurst bei New York plötzlich in Flammen aufgeht, gehören dazu. 36 Menschen kamen damals ums Leben. Für Maiken Nielsen ist das Zeppelin-Unglück mehr als diese Aufnahmen, denn es ist eng mir ihr verbunden: Ihr Großvater war damals am 6. Mai 1937 mit an Bord. Er überlebte die Katastrophe. Jetzt hat seine Enkelin einen Roman über ihren Opa und über die Ära der Luftschiffe geschrieben.

„Das hier“, sagt Maiken Nielsen beim Gespräch in ihrer Ottenser Küche, „ist der Große.“ Sie meint ihren Roman „Und unter uns die Welt.“ Ihre übrigen 18 Bücher seien zur Übung gewesen, sagt sie und lacht. Die Geschichte über den jungen Sylter Christian Nielsen, der zur See fährt und vom Fliegen träumt, ist ihr Herzens- und Lebensprojekt. Ist es doch auch die Geschichte ihrer Familie.

Opa Christian, 1910 auf Sylt geboren, ist Matrose und war anscheinend ein Mann mit mehreren Leben: Mit 18 war er bereits mit einem Chile-Segler vor Kap Hoorn gekentert. Er überlebte und segelte auf der „Orion“, der damals größten Luxusyacht, um die Welt. Er wurde Navigator und ging 56-mal auf Fahrt mit dem Luftschiff „Graf Zeppelin“ auf der Route Frankfurt–Rio de Janeiro. Die 57. Fahrt sollte seine Schicksalsfahrt werden: „Er wurde erst im letzten Moment als 3. Offizier auf die „Hindenburg“ eingewechselt“, sagt seine Enkelin, „weil sein Kollege zu einer Schulung berufen wurde.“ Die Fahrt mit der 237 Meter langen „Hindenburg“ war seine erste und einzige. Christian Nielsen überlebte die Katastrophe nicht nur, sondern rettete auch Passagiere vor dem Flammentod und kam als Held nach Hamburg, heiratete Maria Siemsen aus Övelgönne und bekam mit ihr einen Sohn: Rink, Maiken Nielsens Vater. 20 Jahre lang hat sie sich immer wieder mit der Geschichte der Zeppeline und dem Leben ihres Großvaters beschäftigt und sich lange Zeit gar nicht getraut, das Buch zu schreiben.

„Familiengeschichten sind schwierig, ich wollte weder jemandem auf die Füße treten noch meinen Großvater glorifizieren.“ Vor sieben Jahren ging es richtig an die Arbeit. Die 51 Jahre alte NDR-Redakteurin hat im Internet recherchiert, in alten Ausgaben der „New York Times“ geforscht, sie hat mit dem amerikanischen Luftschiffexperten Patrick Russell korrespondiert, ist ins Sylt-Archiv gefahren. Alles, um das Leben ihres Großvaters zu erforschen und um die Ära der Zeppeline und die Ereignisse im Leben ihres Großvaters realistisch darstellen zu können.

Die Namen von Kapitänen, Offizieren, Reedern und Persönlichkeiten der damaligen Zeit wie Hugo Eckener, der Zeppeline baute und lenkte, spult die Autorin herunter, als seien es alte Bekannte. So intensiv waren die Arbeiten am Roman. Die Liebesgeschichte zwischen Christian Nielsen und der Amerikanerin Lil ist allerdings Fiktion.

Christian Nielsen sprang aus dem brennenden Luftschiff

Sie weiß genau, wer sich zur Zeit des Unglücks an welcher Stelle an Bord befand. „Mein Großvater hatte Dienst am Kartentisch, das Glockensignal zur Landung war bereits ertönt, die Taue heruntergelassen, und Lakehurst war schon in Sicht. Nach der Explosion kippte das Luftschiff sofort nach hinten.“ Maiken Nielsen las in alten Verhörprotokollen der Amerikaner, dass Christian Nielsen aus zehn Metern Höhe aus dem brennenden Luftschiff gesprungen war. Als Seemann wusste er, in welche Richtung er springen musste, um den Flammen zu entkommen. Auch Vater Rink hat bei der Recherche geholfen und mit einem damaligen Offizierskollegen seines Vaters gesprochen. Und immer war da diese Frage: Wer war ihr Großvater wirklich? Maiken Nielsen hat Glück, dass es so viele alte Dokumente gibt: Als ihr Vater ihr Tagebücher und den letzten Brief des Großvaters gab, war es um sie geschehen. „Ich bin aus allen Wolken gefallen, dass er die einfach herausgerückt hat.“ Ihre Großmutter Maria dagegen sei immer reserviert gewesen, habe nicht über ihren Mann gesprochen, der 1939 als Luftaufklärer irgendwo in Spanien verschwand und einen Abschiedsbrief hinterlassen hatte. „Als ich den gelesen habe, hatte ich Gänsehaut“, sagt Maiken Nielsen.

Sie sei bei der Arbeit zu dem Buch wie im Fieber gewesen. Sie ersteigerte auch das Bordtagebuch der „Orion“, mit der Opa Christian um die Welt gesegelt war. Wenn sie von Christian Nielsen und von der Zeit zwischen den Weltkriegen erzählt, ist noch ein bisschen von diesem Fieber zu spüren. „Die 20er-, 30er- und 40er-Jahre fand ich schon als Teenager faszinierend“, sagt Nielsen, die selbst auch eine ziemlich spannende Kindheit hatte: Als Kind fuhr sie drei bis sechs Monate pro Jahr mit ihrem Vater, der Kapitän war, zur See. Die Grundschule in Schnelsen hatte sie dafür beurlaubt.

Sie lernte an Bord Sprachen und hatte mit Holger, dem Sohn des Chefingenieurs, einen tollen Spielgefährten. Eigentlich wollte sie Funkerin werden, studierte dann aber Italienisch, Französisch, Englisch und Dänisch, lebte lange Zeit in der Provence und hat eine heute 22 Jahre alte Tochter. Trotz der Lavendelfelder und des mediterranen Klimas hatte sie aber Sehnsucht nach Hamburg.

Buch: „Und unter uns die Welt“, Maiken Nielsen, 448 S., 19,95 Euro. Lesung: Heute, 19.30 Uhr bei „Stories“, Straßenbahnring 17, 5 Euro