Hamburg

Vogelparadies Ohlsdorf

Studie der Umweltbehörde: Auf dem Friedhof gibt es über 50 Brutvogelarten – wichtiger Rückzugsraum für gefährdete Arten

Hamburg. Nun ist es amtlich: Der Parkfriedhof Ohlsdorf ist ein wahres Vogelparadies. Zwischen März und Juli dieses Jahres hat die Umweltbehörde den Bestand an Brutvögeln auf dieser größten innerstädtischen Grünfläche erheben lassen. Ergebnis: Mehr als 50 unterschiedliche Brutvogelarten wurden gesichtet. Darunter sind auch acht, die in der Roten Liste der gefährdeten Brutvogelarten geführt werden, nämlich Eisvogel, Grauschnäpper, Grün- und Mittelspecht, Teichralle, Waldkauz, Waldohreule und Wendehals.

Am stärksten vertreten ist die Amsel, von der die Vogelkundler 428 sogenannte „Revierpaare“ auf dem Friedhofsgelände zählten, also Pärchen, die in einem eigenen Revier ihre Brut heranziehen. Auf Platz 2 folgt das Rotkehlchen (367 Revierpaare), danach Zaunkönig (295), Kohlmeise (265), Blaumeise (247), Heckenbraunelle und Singdrossel (je 189 Revierpaare).

Jeweils nur ein Paar gibt es von Eisvogel, Kolkrabe, Straßentaube, Waldkauz und Waldohreule. Besonders erfreut sind die Naturkundler darüber, dass auf dem Friedhof nun auch Uhu-Paare siedeln. Denn Uhus galten als aus Hamburg verschwunden. Es ist aber nicht ganz sicher, ob es sich um zwei oder sogar drei Paare handelt.

„Auch der anspruchsvolle Mittelspecht konnte in zwei der Altholzinseln zum ersten Mal auf dem Friedhof entdeckt werden“, so Behördensprecher Jan Dube. „Die Art bewohnt normalerweise ältere, gerne auch feuchte Eichenwälder. Wichtig sind alte grobborkige Bäume, die man nicht selten auf dem Friedhof findet.“ In Hamburg sei der Mittelspecht sonst nur am Stadtrand zu finden, etwa im Wohldorfer Wald.

„Insgesamt weist der Ohlsdorfer Friedhof mit seinen teils störungsarmen, waldartigen Flächen und den vielfältigen Kleinstrukturen wie Hecken, Gebüschen, Dickichten und Altholzinseln hohe bis sehr hohe Brutvogeldichten auf“, so Dube. Das Artenspek­trum setze sich „neben typischen Arten der Parks und Gärten aus anspruchsvolleren Waldarten, etwa dem Waldkauz, der Waldohreule und Spechten sowie Vögeln der Gewässer (Graugans, Teichralle, Eisvogel)“ zusammen. „Die Ergebnisse der Zählung zeigen, dass der Ohlsdorfer Friedhof eine wahre Arten-Oase mitten in unserer Stadt ist“, sagt Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). „Zum Beispiel können Besucher dort seltene Vögel wie Uhus oder den bunten Eisvogel beobachten. Das Gelände bietet mit seinen verschiedenen grünen Nischen und Naturräumen auch gefährdeten Vogelarten einen Rückzugsort.“

Dies unterstreiche die wichtige Rolle, die der Parkfriedhof im Biotopverbund in der Stadt spiele. „Der Friedhof Ohlsdorf ist in unserer immer enger bebauten Stadt eine der wertvollsten Grünflächen“, so Kerstan. „Diese Einzigartigkeit wollen wir erhalten und den Friedhof gleichzeitig noch attraktiver machen, auch für Erholungssuchende oder Nachbarn. Ideen dafür haben wir im Rahmen des Projekt Ohlsdorf 2050 gesammelt.“

Interessanterweise gar nicht als Brüter in Ohlsdorf vertreten ist der Spatz (Haussperling). „Der Haussperling wurde vereinzelt am Südwestrand des Friedhofs bei der Nahrungssuche beobachtet“, heißt es aus der Umweltbehörde. „Vermutlich brütete er in den angrenzenden Wohngebieten.“

Der 1877 eröffnete Friedhof Ohlsdorf ist mit einer Größe von 381 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt. Weil die Nachfrage nach Grabflächen seit Jahren sinkt, hatte die Umweltbehörde die Hamburger aufgefordert, im Rahmen des Projektes „Ohlsdorf 2050“ Vorschläge zur Nutzung frei werdender Flächen zu machen.

Klar ist: Der Parkfriedhof soll in seinen Grenzen unangetastet und „ein Ort des Gedenkens mit Raum für Trauer, ein Gedächtnis der Stadt Hamburg und ein bedeutender Naturraum“ bleiben, so der Senat.

Erste Zwischenergebnisse der Bürger-Befragung sind bereits im Internet unter hamburg.de/ohlsdorf2050 zu finden. Die vollständige Auswertung der Vorschläge zur Zukunft des Parkfriedhofs soll in den kommenden Monaten präsentiert werden.

Ursache für die nötige Umgestaltung sind die Bevölkerungsentwicklung und die stärkere Nutzung der Urnenbeisetzung. Seit 1995 gibt es als Folge zurückgehender Sterbefälle 22 Prozent weniger Bestattungen. Zugleich ist der Anteil der Sargbeisetzungen von 40 auf fast 25 Prozent zurückgegangen. Zwei von drei Bestattungen sind mittlerweile Urnenbeisetzungen. Durch diese Entwicklung werden große Flächen frei, die künftig nicht mehr für Friedhofszwecke genutzt werden.