hannover

Säugling im Koffer entdeckt

Neben dem Kind lagen Knochen einer Babyleiche – vermeintliche Mutter in Haft

hannover. Ein grausames Verbrechen schockiert Hannover: In einem Koffer in der Wohnung eines 19-Jährigen wurde ein Säugling entdeckt – und neben ihm Knochen einer Babyleiche. Der Säugling wurde ins Krankenhaus gebracht und ist nicht in Lebensgefahr, die vermeintliche Mutter wurde festgenommen. Am Freitag erließ ein Richter Haftbefehl gegen die 22-jährige Frau.

Bereits Donnerstagmittag hatte der 19-Jährige Rettungskräfte in den Stadtteil Vahrenwald gerufen, als er das Baby in einem Koffer in seiner Wohnung entdeckt hatte. Es wird vermutet, dass es sich bei den Knochen um die Überreste eines Geschwisterchens des geretteten Mädchens handelt.

Die mutmaßliche Mutter war nicht in der Wohnung, als das kleine Mädchen entdeckt wurde. Sie wurde kurz darauf an ihrem Arbeitsplatz festgenommen. Sie macht, so hieß es, wie ihr Lebensgefährte gerade eine Ausbildung. In ihrer Vernehmung durch Kriminalbeamte machte die Frau keine Aussage. Der 19-Jährige, der das Mädchen entdeckt hatte, blieb auf freien Fuß. Er konnte offenbar glaubhaft versichern, dass er vorher nichts von dem Kind geahnt hatte. Offenbar hatte seine Freundin, die als fülliger beschrieben wird, eine Schwangerschaft verbergen können. Auch die Nachbarschaft in dem Haus, in das das Pärchen erst vor wenigen Monaten mit ihrem Hund eingezogen war, hatte weder etwas von der Schwangerschaft, noch von der Geburt mitbekommen.

Über die Hintergründe der Tat und etwaige Motive der Mutter ist bislang nichts bekannt. Die Polizei gab bis Freitagabend keine weiteren Einzelheiten bekannt.

Dass Frauen, die ein Kind getötet haben oder sterben ließen, zu Mehrfachtäterinnen werden, ist durchaus kein Einzelfall. Vor zwei Jahren etwa entdeckte die Polizei im Hamburger Hauptbahnhof die Leichen zweier Babys. Die toten Säuglinge, die keine Zwillinge waren, lagen eingewickelt in Plastik in einem Koffer, der in einem Schließfach deponiert war. Die damals als Mutter festgenommene Frau war der Polizei bereits bekannt. Schon 2011 war gegen sie ermittelt worden, nachdem ein von ihr geborener Säugling tot auf einem Friedhof gefunden wurde. Die Frau hatte behauptet, dass er bereits tot auf die Welt gekommen war. Das konnte, bedingt durch den Verwesungszustand des Babys, nicht widerlegt werden.

In Wallenfels in Oberfranken entdeckte die Polizei vor knapp einem Jahr die sterblichen Überreste von gleich acht Babys in einem Haus. Die Mutter wurde später wegen Totschlags in vier Fällen zu 14 Jahren Haft verurteilt.

In Siegen waren es die Leichen zweier Babys, die im August 2014 in einer Kühltruhe entdeckt wurden. Die Mutter hatte später ausgesagt, dass sie von den Geburten „überrascht“ worden sei. Weil sie die Kinder nicht aktiv tötete und aussagte, dass sie nach kurzer Zeit von selbst gestorben seien, wurde sie wegen versuchten Totschlags verurteilt. Ausschlaggebend war auch in dem Fall, dass keine Todesursache mehr festgestellt werden konnte.

Auch im aktuellen Fall dürfte es schwierig werden, bei einem skelettierten Säugling herauszufinden, ob das Kind eine Totgeburt war. So käme als Tatvorwurf ein versuchtes Tötungsdelikt in Betracht. Gerichtsmediziner untersuchen derzeit die Überreste. Ein Ergebnis wurde noch nicht bekannt.

In Hamburg wurde 2000 nach dem Fund von vier Babyleichen im Jahr zuvor eine der beiden bundesweit ersten sogenannten Babyklappen eingerichtet. In ihr kann ein neugeborenes Kind anonym abgelegt werden. Dabei wird zeitversetzt ein stiller Alarm ausgelöst, der der Mutter die Möglichkeit gibt, unerkannt zu verschwinden, während ihr Kind in einem Wärmebettchen liegt.

Dass durch Babyklappen Kindstötungen verhindert werden, bezweifeln Experten. Seit der Einrichtung von Babyklappen, von denen es heute rund 100 in ganz Deutschland gibt, ist die Zahl der Kindstötungen oder Aussetzungen, es sind etwa 30 im Jahr, nicht zurückgegangen. Eine Ursache für das Verhalten der Mütter konnte nie wissenschaftlich ergründet werden. In der Regel töteten die Mütter, die aus allen sozialen Schichten und verschiedenen Altersgruppen stammten, ihre Kinder aktiv oder passiv unmittelbar nach der Geburt. In so gut wie allen Fällen wurde die Schwangerschaft vorher verdrängt oder verheimlicht. Geborene Kinder werden nicht angenommen oder als „Sache“ angesehen.

2007 wurde in Hamburg im Stadtteil Osdorf ein kurz zuvor geborenes Baby in einer Tüte aus der zehnten Etage eines Hochhauses geworfen. Es starb durch den Sturz. Die Mutter bezichtigte zunächst ihren verschwundenen Freund der Tat. Später wurde gegen sie Haftbefehl erlassen.

Das Strafrecht wertet die Tötung eines Kindes während oder unmittelbar nach der Geburt besonders. In der Regel werden Frauen, denen so eine Tat nachgewiesen wurde, wegen Totschlags verurteilt – dabei wird davon ausgegangen, dass sie sich in einem psychischen Ausnahmezustand befanden