Abendblatt-Serie

Was einen Dieb aus Afghanistan zu Straftaten treibt

Polizeieinsatz an einer Unterkunft für Flüchtlinge in Harburg

Polizeieinsatz an einer Unterkunft für Flüchtlinge in Harburg

Foto: TV Newskontor

Yussuf wollte zuerst nur Schutz, nun ist er ein Krimineller. Flüchtlinge werden bei einfachen Delikten sehr oft tatverdächtig.

Das erste Mal war reiner Zufall. „Vielleicht auch ein Omen“, sagt Yussuf, 20, das würde ihm alles leichter machen. Im Roschinskys am Hamburger Berg (St. Pauli) schwankten Körper zur Musik der „Foo Fighters“, bunte Lichter und klebriger Boden, rappelvoll. Yussuf trank ein Bier, eines der ersten in seinem Leben, „da fiel mir das Ding direkt vor die Füße“. Er las das fremde Samsung-Smartphone mit einer Tanzbewegung auf und ging unerkannt. Es war ein gutes Gefühl. Eigentlich mit das beste, seitdem Yussuf in Deutschland ist.

Yussuf, wie er sich nennt, sitzt in einem Café am Rande der Innenstadt. Er schlingt dünne Finger um seine Cola, hibbelt mit einem Knie und spricht vom Leben als Dieb, als wäre es ein Computerspiel. Sagt Sätze wie: „Du guckst dich um, zwei Minuten, dann findest du einen, vorbeischieben, zack“. Oder: „In Bewegung bleiben, dreimal den Laden wechseln, die ohne Türsteher nehmen. Am Ende sechs Handys und zwei Geldbörsen.“ Auch in der Bahn klauen sie, bei den Eingeschlafenen am Morgen, einfache Ziele, so etwas wie der Bonuslevel.

Aus dem Rausch jener Nacht ist eine Sucht geworden. Es gibt ein Foto, das ihn mit drei anderen Flüchtlingen an der Fischauktionshalle zeigt. Karohemden, Haare zu schwarz schimmernden Wellen gegelt, Augenringe vom Gras, Peace-Zeichen. Eine Diebesbande, dem Krieg in Afghanistan entkommen, nun völlig besoffen vom gestohlenen Glück aus deutschen Hosentaschen.

„Ich bin kein Krimineller, ich versuche nur klarzukommen“, sagt Yussuf. Ein Polizeibeamter sagt, das sei keine gültige Erklärung. „Auch Flüchtlinge verstehen die Spielregeln in Hamburg, aber einige wollen sich einfach nicht dar­an halten.“

Mehr als 90 Prozent der Flüchtlinge in Hamburg sind unbescholten. In Bereichen wie Diebstahl und Körperverletzung sind dennoch seit Jahresbeginn bis zu 12 Prozent der Tatverdächtigen Asylbewerber. Die Stadt muss damit umgehen, dass auch Yussuf Teil der Flüchtlinge ist. Und sich fragen, ob Menschen wie er nur ein vorübergehendes oder ein ernstes Problem darstellen.

Yussuf träumt eigentlich von einem Studium – nun stiehlt er

Es war nie sein Plan, so zu werden, sagt Yussuf. Auch deshalb hat er auf Vermittlung eines ehemaligen Mitbewohners zugestimmt, mit einem Journalisten zu reden. „Ich komme aus Kabul, das ist mehr ein Loch als eine Stadt“, zerschunden von Jahrzehnten des Krieges und gesichert von einer korrupten Regierung, die sich an die Macht klammere, so beschreibt es Yussuf. „Meine Familie hat mich mit meinem älteren Bruder losgeschickt“. Sie sollten ein besseres Leben aufbauen und Geld in die Heimat senden. Yussuf hat weitere Geschwister. „Ich will Wirtschaft studieren“, sagt er, sein Englisch klingt geschliffen.

Yussuf und sein Bruder landeten in einer der großen Erstaufnahmen der Stadt. Eigentlich begann es schon da, im Herbst 2015, nicht erst Monate später im Roschinskys. „Es gab ständig jemanden der geklaut hat, dann Geschrei, Anschuldigungen, manchmal Schlägereien, bis die Polizei kam“, sagt Yussuf. Nach Angaben der Innenbehörde werden Asylbewerber besonders häufig durch Körperverletzung auffällig – und etwa die Hälfte der Taten ereignete sich unter Flüchtlingen.

Er habe in dieser Zeit gelernt, dass man Allianzen brauche, sagt Yussuf. Verbündete im Camp, die bleiben, wenn die Polizei nach einer lauten Ansage abrückte. „Ich wollte eigentlich keinen Stress und nichts Schlechtes machen, aber das wurde immer schwerer“. Es dauerte fünf Wochen bis zum ersten Gespräch über sein Asyl, sieben Monate bis zum zweiten. „Wir sind in der Zeit eine Clique geworden, wollten bloß raus, sind dann mal öfter auf den Kiez gegangen. Wir hatten das Gefühl, dass wir selbst etwas machen müssen, um glücklich zu werden. Und dass uns die Polizei nur in den Camps halten wollte, unfrei“.

Mit den Mädchen in den Bars klappte nicht viel, Sprachbarriere, komische Blicke. Also fingen Yussuf und seine Freunde an, auf die Bewegungen der Betrunkenen zu achten. Erste Versuche, die Handys aus Taschen und Jacken herauszuziehen. Dann Wettbewerbe. „Es ist auch so ein Ding unter uns, wer am geschicktesten ist. Große Tricks und Maschen brauchen wir nicht“.

Aber ein Ventil. „Dir platzt der Kopf, wenn du nur in der Unterkunft sitzt“, sagt Yussuf. Andere gingen los und seien aggressiv – das kann er verstehen. Andere vergriffen sich an Frauen – sie ekeln ihn an. „Nur weil die noch nie eine Frau ohne Schleier gesehen haben, verachtet uns halb Deutschland“, glaubt Yussuf.

Yussuf ist gut im Stehlen, dass hat er schnell gemerkt. Wenn er davon spricht, schwingt etwas Stolz mit. Eine Zeit lang gehen er und seine Freunde einmal die Woche los. Dann zweimal, sonst ist nichts zu tun. Yussuf fühlt sich nicht mehr nutzlos. Ob er je an die Opfer denke? Er setzt das Cola-Glas ab und reibt sich den Bartstreifen, zum ersten Mal zornig. „Kann sich nicht jeder sofort ein neues leisten? Komm schon, Mann“.

Einige Flüchtlinge begehen meist einfache Delikte

Reich werden von seinen Touren höchstens andere, nicht Yussuf. Er kennt da inzwischen jemanden, der die Handys abnimmt, für meist 60 bis 90 Euro. Ein Bruchteil des Kaufwerts. „Trotzdem eine Menge Geld, wenn man ansonsten nicht arbeiten darf“, sagt er. Mehr als die Hälfte schickt er über einen Laden am Steindamm in St. Georg nach Afghanistan. Er telefoniert ungern mit der Familie, dann muss er sich winden, um nicht zu lügen. „Die haben wirklich gar keine Ahnung, wie unser Leben hier aussieht.“

Yussuf hat nun einen Asyltitel erhalten, die zweitschlechteste Stufe, befristet auf sechs Monate, Verlängerung möglich. Unter seinen Freunden sind zwei, die noch immer auf eine Entscheidung warten.

Flüchtlinge werden am häufigsten straffällig, bevor über ihren Asylantrag entschieden wurde. Asylbewerber machen zwischen 60 und 90 Prozent der Tatverdächtigen aus, anerkannte Flüchtlinge und Geduldete den Rest. Das führt bei einigen Polizisten zu der Hoffnung, dass die Zahl der Straftaten absehbar sinkt, wenn die Asylbewerber die prekäre Phase überwunden haben.

Nach einer Abendblatt-Auswertung deuten die bisherigen Statistiken, die der CDU-Abgeordnete Dennis Gladiator monatlich abfragt, seit dem Frühjahr auf eine konstante bis leicht rückläufige Kriminalität hin. „Gesicherte Aussagen werden wir Anfang nächsten Jahres treffen können. Insgesamt begehen die Flüchtlinge nach unserem Eindruck aber nicht exorbitant häufig Straftaten“, sagt Polizeisprecher Timo Zill. Die Gesamtstatistik wird durch Delikte wie Schwarzfahren getrieben (siehe Grafik oben). Hinweise auf Flüchtlinge im organisierten Verbrechen gibt es nicht.

Yussuf sagt, sie hätten sich ein bisschen von den Drogendealern auf St. Pauli abgeguckt – etwa, Verstecke anzulegen und die Handys nach jedem Diebstahl dort hinzubringen. Zweimal wurden seine Freunde trotzdem gefasst. „Dummer Modus Operandi, aber ihnen ist nicht viel passiert“, sagt Yussuf. Die Flüchtlinge tauchen mutmaßlich auch deshalb häufiger in den Statistiken auf, da sie keine professionellen Täter sind. „Die Osteuropäer spielen im Vergleich in der Weltliga“, sagt ein Polizeibeamter.

Die Bande geht seltener los, Yussuf versucht, ein besseres Leben zu bekommen. „Ich muss noch sechs Wochen warten, dann beginnt mein Sprachkurs.“ Es ist jetzt, als spreche ein anderer Yussuf. Er wohnt nicht mehr in einer Unterkunft, so viel verrät er, „aber das muss reichen“. Seine Kumpels hängen am Jungfernstieg ab, ziehen um die Häuser. „Dafür bin ich nicht hergekommen, sie sind anders als ich“. Über seinen Bruder will er nicht sprechen. Und nicht sagen, ob er einen Plan hat, ob er etwas bereut. Die Wissenschaft ist uneins in der Frage, ob Flüchtlinge nach der Zeit in den Unterkünften weniger Straftaten begehen. „Es liegt nahe, dass viele Taten situationsgeschuldet sind“, sagt Rafael Behr, Professor an der Akademie der Polizei.

Einige Tage nach dem Treffen mit Yussuf wird im Präsidium ein Lagebild verschickt. Darin heißt es, die Kriminalität entspreche den Erfahrungen der Flüchtlingskrise in den 1990ern. Yussuf verschwindet im Strom der Innenstadt. Zum Abschied hat er gesagt: „Schreib bitte, dass ich kein böser Mensch bin“.

Flüchtlinge als Ziel von Islamisten

Die blaue Schrift an der Pinnwand im Büro von Irmgard Schrand fällt ins Auge. „Das ist von mir“, sagt sie. Eine Definition des großen Wortes „Prävention“: Eine Aufgabe für alle, über Jahrzehnte. Irmgard Schrand ist Islamwissenschaftlerin im Dienst der Polizei. Sie soll mit dafür sorgen, dass Flüchtlinge nicht dem Wahn von Islamisten verfallen.

In mindestens zehn Fällen haben Islamisten bereits versucht, Kontakt zu Flüchtlingen in den Unterkünften aufzunehmen. Häufiger treten sie hilfsbereit auf, laden zum Fußballspielen ein, zu Grillfesten. „Die Islamisten können auch außerhalb der Unterkünfte mit Flüchtlingen in Kontakt treten. Dieses Geschehen ist schwierig zu erfassen“, sagt Torsten Voß, Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, dem Abendblatt.

Irmgard Schrand sieht die Unterkünfte als zentral an. „Unsere wichtigste Ressource ist Zeit. Wir müssen uns für die Flüchtlinge interessieren, bevor es Dschihadisten tun“. Schrand achtet auf den Umgang mit den Bewohnern. „Die Radikalisierung erfolgt aus einem Mangel an sozialen Bindungen heraus“, sagt Schrand. Ihr Eindruck: In einigen Unterkünften wachsen die Flüchtlinge und ihr Umfeld zusammen, in anderen sind die Flüchtlinge zu sehr auf sich allein gestellt.

Islamisten, aber auch Rechtsextreme versuchen, in die Unterkünfte zu kommen. Seit Juni wurden Arbeitsverbote gegen 92 Sicherheitsleute ausgesprochen. Nach Abendblatt-Informationen gab es Überlegungen, Dolmetscher und weitere Personen zu prüfen – die Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge sollte aber nicht beschädigt werden.

Bislang sind keine Fälle bekannt, in denen Flüchtlinge in die islamistische Szene gerieten. Ob sie überhaupt stärker gefährdet sind, ist umstritten. „Die Mitglieder der salafistischen Szene sind hier sozialisiert, sie kennen das Leben der Flüchtlinge nicht. Da sind wenig Gemeinsamkeiten“, sagt Schrand. Die Szene sei groß, aber ihre Anwerbeversuche kaum professionell. Die Anschläge in Würzburg und Ansbach haben die Behörden aber alarmiert. „Wir müssen wachsam bleiben“, sagt Schrand.

Nach den Festnahmen von drei mutmaßlichen Mitgliedern der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) in Schleswig-Holstein schließen die Behörden weitere Schläferzellen nicht aus. Die Überprüfung aller als Flüchtlinge gemeldeten Personen auf mögliche Terroristen obliegt den Bundesbehörden. „Aufgrund der riesigen Masse geschieht das mit einigem zeitlichen Verzug“, heißt es dazu aus der Innenbehörde. Die Behörden betonen, dass es zur Strategie der Islamisten gehöre, Misstrauen gegenüber Flüchtlingen zu säen. „Wir arbeiten gegen Dschihadisten, unabhängig von ihrer Tarnung“, sagt Voß.