Initiative

Wellcome heißt Neugeborene willkommen

Mutter Nicole Rinck mit Sohn Jonas und der Ehrenamtlichen Christiane Bruns

Mutter Nicole Rinck mit Sohn Jonas und der Ehrenamtlichen Christiane Bruns

Foto: Carlotta Sauer / HA

Ehrenamtliche unterstützen im ersten Jahr nach der Geburt Familien in Harburg und im Landkreis. Die Initiative sucht nach weiteren Unterstützern

Neugraben.  Im Flur hängen Kinderfotos, im Wohnzimmer liegt Spielzeug. Mobiles hängen an der Decke. In diesem Haus bestimmt ein Kleinkind das Geschehen, das ist sofort zu erkennen. Es klingelt an der Tür. Ein Kinderwagen wird hereingeschoben. Nicht von der Mutter, sondern von Christiane Bruns. Christiane Bruns (66) ist nicht die Großmutter des sechs Monate alten Jonas, der im Wagen liegt, und auch nicht seine Patin oder Nachbarin. Seit fünf Monaten arbeitet sie ehrenamtlich bei Familie Rinck aus Neugraben und kümmert sich liebevoll mit um die Kinder.

Vermittelt wurde diese ehrenamtliche Tätigkeit durch die Initiative Wellcome, die 2002 von der Sozialpädagogin Rose Volz-Schmidt in Hamburg gegründet wurde. Geleitet von dem Gedanken „Kindern geht es gut, wenn es den Eltern gut geht“ kümmert sich Wellcome im ersten Jahr nach der Geburt um die Eltern von Neugeborenen. Erfahrene Ehrenamtliche betreuen ein- bis zweimal wöchentlich die Kinder und schenken den Eltern etwas sehr Kostbares-Zeit für sich selbst. Inzwischen gibt es allein deutschlandweit mehr als 260 Standorte. Zudem ist die Organisation in Österreich und in der Schweiz vertreten. Seit 2004 existiert dieses Prinzip der „modernen Nachbarschaftshilfe“ auch in Harburg und im Landkreis. Hier wird es von der Evangelischen Familienbildung koordiniert.

Mit den Worten „Wie machen Sie das bloß immer? Bei mir schläft er nie so schnell ein“, begrüßt Nicole Rinck (42) lächelnd ihre ehrenamtliche Helferin.

An diesem Tag war die Rentnerin bereits zwei Stunden mit dem kleinen Jonas spazieren. Zweimal in der Woche kommt die gelernte Apothekerin zu Familie Rinck. Sie fährt das Kleinkind zu flexiblen Uhrzeiten spazieren, spielt mit ihm oder liest ihm etwas vor. Sie schenkt der Familie die Zeit, die man in dem ersten Jahr nach der Geburt braucht, um den normalen Familien-Wahnsinn bewältigen zu können.

„Wir Frauen sind so viel. Beste Freundinnen, Ehefrauen. Aber als Mutter ist man dann erstrangig wirklich nur Mutter. Dieser Einschnitt ist das Bedeutendste, was vielen in ihrem Leben passiert“, sagt Teresa Wiesalla (31), Ehrenamtskoordinatorin bei Wellcome in Harburg. Das kann Nicole Rinck bestätigen. „Einfach mal in Ruhe duschen!“, die später im Marketing tätige Erzieherin muss lachen, als sie erzählt, was sie in den kleinen Ruhepausen macht, die ihr durch die Ehrenamtliche vergönnt werden. Als Mutter sei sie gedanklich jeden Moment bei ihren Kindern. Seit März habe sie nicht mehr als drei Stunden am Stück geschlafen. „Diese kleinen Auszeiten, die Frau Bruns mir ermöglicht, sind unbezahlbar“, sagt Rinck dankbar und streicht ihrem Sohn über die hellblaue Mütze.

Das stimmt natürlich nur im übertragenen Sinn. Zehn Euro Vermittlungsgebühr zahlen die Familien an Wellcome, pro Stunde fallen fünf Euro an. Dieser Betrag kann aber sogar bis zu einem Euro stündlich ermäßigt werden. Denn Wellcome betreut – gerade in Harburg – auch viele sozial schwache Familien. „Unser Kundenklientel ist stark abhängig vom Stadtteil. Wir haben finanziell schwache, aber zum Beispiel auch Familien, in denen beide Elternteile Ärzte sind“, sagt Teresa Wiesalla.

Neue Ehrenamtliche werden dringend gesucht

Wellcome – das ist nicht falsch geschrieben, sondern eine Mischung aus dem englischen Willkommen und Wellness, also Entspannung. Von entspannten Eltern sollen die Kinder willkommen geheißen werden. Aber nicht nur von ihnen, sondern auch von ihren Geschwistern. „Beim zweiten Kind entfällt die Unsicherheit, was einen erwartet. Doch muss man jetzt seine Aufmerksamkeit teilen und trotzdem jedem von ihnen gerecht werden“, erklärt Wiesalla, studierte Ergotherapeutin und selber Mutter von zwei Kindern. Auch hier kann die Ehrenamtliche helfen. Jonas’ älterer Bruder Noah (2) sei anfänglich sehr eifersüchtig gewesen. Doch während Frau Bruns sich um seinen kleinen Bruder kümmert, hat seine Mutter wieder für ihn Zeit. Oder die Ehrenamtliche kümmert sich allein an Noah. Die engagierte Rentnerin, die ab und zu immer noch als Apothekerin arbeitet, hatte selbst als Mutter sehr viel Unterstützung von ihrer Familie. Davon möchte sie etwas zurückgeben: „Zu sehen, wie Kinder groß werden und daran teilzuhaben, ist etwas ganz Besonderes. Ich habe ein bisschen Zeit und Zuneigung zu verschenken und freue mich, auf wie viel Dankbarkeit meine Hilfe stößt.“

Alle Freiwilligen stellen sich im Auswahlgespräch bei der Ehrenamtskoordinatorin Wiesalla vor. Erfahrungen mit Kindern, persönlich oder beruflich, sind Voraussetzung. Wenn eine passende Familie gefunden wurde, erfolgt ein Kennenlernen, bei dem beide Seiten entscheiden, ob sie miteinander arbeiten möchten. Bei Nicole Rinck und Christiane Bruns sei es „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen.

Die Initiative hat sich bewährt gemacht. Mehrfach ausgezeichnet, unter Anderem mit dem Kinderschutzpreis der Hanse-Merkur 2006, konnte Wellcome im vergangenen Jahr 4766 Familien betreuen. Damit dieser Erfolg anhält, werden in Harburg und im Landkreis – besonders direkt in Harburg, Neugraben und in Rönneburg/Over – neue Ehrenamtliche gesucht. Derzeit betreuen acht Ehrenamtliche zehn Familien. Sieben weitere Familien stehen bereits auf der Warteliste. Auch Männer sind herzlich willkommen. Alle Ehrenamtlichen sind durch Wellcome versichert. Fahrtkosten werden erstattet.

Interessierte können sich unter 040/519000964 oder unter hamburg.harburg@wellcome-online.de melden.