DLRG

Wie Flüchtlinge in Hamburg schwimmen lernen

Weil in diesem Jahr schon vier Migranten in Hamburg ertranken, sind die Kurse besonders wichtig. Ein Ortstermin bei der DLRG.

Hamburg.  Die letzten Meter muss er sichtlich kämpfen. Shiragha pustet und keucht. Am Ende der Bahn zieht er sich mit den Armen an den Beckenrand, legt den Kopf ab. Ganz perfekt lief das noch nicht. Weil er die Technik noch nicht richtig beherrscht, kostet ihn das Schwimmen noch viel Kraft. Aber das ist jetzt erst mal egal. Der 17-jährige Shiragha, den hier alle nur „Shiri“ nennen, hat die 25-Meter-Bahn geschafft. Und das nicht zum ersten Mal. Neulich, bei er Abnahme fürs Seepferdchen-Abzeichen, hat es auch schon geklappt. „Darauf bin ich sehr stolz“, sagt er.

Shiri kommt aus Afghanistan und lebt seit rund einem Jahr in Deutschland. Hier, im Bäderland Billstedt, nimmt er mit neun anderen Flüchtlingen an einem Schwimmkurs der DLRG-Wandsbek teil. „In meiner Heimat gibt es zwar auch Schwimmbäder, aber richtig schwimmen kann da fast keiner. Die planschen irgendwie im Wasser rum, aber mit Schwimmen hat das wenig zu tun“, sagt er. Die Flucht führte ihn – wie so viele andere auch – mit einem Boot über das Mittelmeer. „Wir waren fast 70 Menschen auf dem kleinen Boot, und da habe ich große Angst gehabt, weil ich nicht schwimmen konnte.“ In Hamburg angekommen, haben ihm dann Betreuer von den Schwimmkursen für Flüchtlinge erzählt. Er musste nicht lange überlegen. „Richtig schwimmen zu lernen ist jetzt mein großes Ziel. Ich finde, dass das jeder können muss“, sagt er.

Aber der Weg bis zum sicheren Schwimmen ist noch weit. Shiris Bewegungen sind noch nicht rund, oft sehen sie eher nach Paddeln als nach glatten Schwimmzügen aus. So fehlt ihm oft der Schwung, und am Ende einer Bahn ist er dann völlig erschöpft.

Anja Kleinschmidt und Michael Aldag leiten den Flüchtlingskurs ehrenamtlich. „Viele der Flüchtlinge überschätzen sich und denken, dass sie schon schwimmen können. Und dann springen sie ins Wasser, und nach ein paar Metern haben sie keine Kraft mehr, weil sie die Technik nie gelernt haben.

Wie gefährlich das sein kann, hat sich in diesem Jahr auch in Hamburg gezeigt. Vier Flüchtlinge sind in den vergangenen Monaten ertrunken. Zwei von ihnen im Allermöher See, zwei in der Elbe. Zuletzt war es ein 19-jähriger Afghane, der Ende August beim Baden am Elbstrand in Höhe der Strandperle ertrank.

Fünf kostenlose Schwimmkurse

Die DLRG hat während der Sommerferien zusätzlich zum bestehenden Angebot fünf kostenlose Schwimmkurse für Flüchtlinge in Altona, Billstedt, Wandsbek, Farmsen und Bergedorf durchgeführt, die sofort ausgebucht waren. Die Stadt hatte für derartige Angebote 5000 Euro zusätzlich bereitgestellt. Wann die nächsten Kurse angeboten werden können, ist noch unklar. „Wir sind da gerade in den Planungen und in Gesprächen mit dem Landessportamt“, so DLRG-Präsident Heiko Mählmann. „Das hängt von den finanziellen Mitteln, der Bereitschaft der Ehrenamtlichen und von den Schwimmzeiten ab, die wir in den Bädern bekommen. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir bald neue Kurse anbieten können.“

Auch Shiris Trainerin Anja Kleinschmidt hofft, dass sie die Kurse fortführen können – auch wenn es sich nicht immer einfach gestaltet hat.

„Einige Teilnehmer waren sehr unzuverlässig, erschienen nicht zu den Kursen oder verhielten sich frech gegenüber den Ausbilderinnen, weil sie sich von Frauen nichts sagen lassen wollen. Die mussten den Kurs dann verlassen.“

In Shiris Gruppe aber gab es keine Probleme. Die jungen Männer, die meisten von ihnen aus Afghanistan, sind eifrig und machen gute Fortschritte. Shiri verzichtet für den Schwimmkurs sogar auf das Fußballtraining, das er so liebt. „Aber zu schwimmen ist jetzt erst mal wichtiger“, sagt er. In seiner Flüchtlingsunterkunft und in der Schule versucht er auch andere Flüchtlinge dazu zu bewegen, her zu kommen. Besonders bei den Mädchen und Frauen sei das aber schwer. „Die wollen das nicht, weil sie dann kein Kopftuch tragen können. Das kann ich nicht verstehen. Es ist doch überlebenswichtig, dass man schwimmen kann.“

Shiri ist hoch motiviert – und obwohl er gerade erst sein Seepferdchen geschafft hat, würde er die nächsten Abzeichen am liebsten direkt überspringen und sofort das Rettungsschwimmabzeichenmachen. „Ich möchte gerne zu den Rettungsbooten auf der Alster und da mithelfen“, sagt er. Aber eins nach dem anderen. Erst mal ist jetzt das Bronze-Abzeichen dran. Dafür muss er mindestens 200 Meter in höchstens 15 Minuten schwimmen – ohne abzusetzen. „Ich schaffe aber im Moment erst höchstens zwei Bahnen, ohne eine Pause zu machen“, sagt Shiri. „Ich muss noch sehr viel üben.“ Aber erst mal ist er auch schon auf das Seepferdchen stolz . Auch wenn er das Abzeichen noch nicht überreicht bekommen hat. Ob er sich das dann auf die Badehose nähen möchte? Bei der Frage muss Shiri laut lachen. „Nein“, sagt er. „Man hat mir doch schon erzählt, dass das nur was für kleine Kinder ist.“