Hamburg

Der große Geburtstag der Stiftung Phönikks

Silke Rost und ihr Sohn Leo wurden beide von Phönikks betreut. Die Stiftung half ihnen, den Krebstod des Vaters und Ehemannes zu verarbeiten

Silke Rost und ihr Sohn Leo wurden beide von Phönikks betreut. Die Stiftung half ihnen, den Krebstod des Vaters und Ehemannes zu verarbeiten

Foto: Andreas Laible / HA

Seit 30 Jahren hilft die Institution Eltern und Kindern, die von Krebs betroffen sind, mit Beratung und Therapien. Jetzt wird gefeiert.

Hamburg.  Im Flur lehnt ein Skateboard an der Treppe, im Wohnzimmer stehen rote Ledersofas vor dem Kamin. Über den Esstisch guckt von einem großen Foto ein Mann, der fröhlich und gesund wirkt. Aber Lutz Walde-Rost ist im Januar 2015 gestorben, an einem Gehirntumor. Silke Rost erinnert sich noch, wie ihr Mann im Sommer 2013 eines morgens in der Küche zu Boden fiel und sie zuerst dachte, er habe einen Schlaganfall. Die Diagnose war dann niederschmetternd. Der 70-Jährige kam aus dem Krankenhaus im Rollstuhl zurück und wurde noch anderthalb Jahre lang zu Hause gepflegt, sein Bett stand im Wohnzimmer. Da, wo jetzt seine Frau und sein Sohn Leonard auf dem Sofa sitzen und abwechselnd erzählen.

„Eine Kollegin hat mir damals empfohlen, Kontakt mit der Stiftung Phönikks aufzunehmen“, sagt Silke Rost. Die Stiftung an der Kleinen Reichen­straße ist die einzige in Deutschland, die von Krebs betroffenen Familien eine Betreuung anbietet. Morgen feiert die Hamburger Institution ihr 30-jähriges Bestehen: mit einer großen Feier im Atrium der HanseMerkur.

Silke Rost hatte noch nie psychologische Hilfe in Anspruch genommen und ahnte nicht, wie bald sie nötig werden sollte. Denn der Tumor veränderte das Leben der gesamten Familie. Und jedes Familienmitglied reagierte anders darauf. Leo, damals 14, hatte ein sehr enges Verhältnis zu seinem Vater gehabt. Für Teenager ist es wie ein Schock, den Vater plötzlich in einer völlig anderen Rolle zu erleben, ihn Stück für Stück zu verlieren. „Ich hab mich irgendwie distanziert, weil es leichter fiel“, sagt Leo. Er habe sich „zurückgenommen und stattdessen meine Lehrer bis aufs Blut gereizt“. Erst im Hospiz, als der Vater noch wache Momente hatte, gab es eine letzte und schöne Begegnung. Silke Rost sorgte sich um ihren Sohn. „Wie kann man einem Kind erklären, welche Verwandlung ein Mensch durch die Krankheit erlebt? Nicht nur der Zustand und das Erscheinungsbild ändern sich, sondern auch der Charakter. Das brennt sich ein.“

Bei Phönikks fand Silke Rost eine einfühlsame Therapeutin

Leo sprach damals auf die Gesprächs­angebote bei Phönikks wenig an. Wichtiger war für ihn offenbar der gute Kontakt zu dem jungen polnischen Pfleger seines Vaters, der zu einem „guten Freund“ geworden ist. Anders seine Mutter: Silke Rost stellte bald fest, dass sie für sich selbst Hilfe brauchte. Bei Phönikks fand sie eine Therapeutin, die sie ein Jahr lang einfühlsam und mit großer Geduld unterstützte, auch nach dem Tod ihres Mannes. „Es hat mir gutgetan, mein Herz ausschütten zu können. Heute weiß ich, dass die letzte Zeit mit meinem Mann sehr wichtig und gut war. Ich war aber verunsichert, ob Leo seinen sterbenden Vater sehen wollte. Die Therapeutin beruhigte mich: Wenn er nicht möchte, ist es auch gut. Sie hat mir geholfen, mich neu zu sortieren.“

Im Mai 2016 wandten sich die Rosts allerdings wieder an die Stiftung: Leos Schulleistungen sanken rapide, er hatte häufig Magenkrämpfe. „Der neue Alltag war leichter zu akzeptieren als die Tatsache, dass mein Vater nie wiederkommen würde“, sagt Leo. „Ich wusste nicht, was will ich mal machen? Bin ich dazu fähig?“ An den Punkt geraten fast alle Jugendliche, und normalerweise suchen sie Rat bei den Vätern. Der Verlust des Vaters schien Leo buchstäblich auf den Magen zu schlagen.

Aber diesmal – zwei Jahre nach dem Tod des Vaters – fand er bei Phönikks eine Gesprächspartnerin, mit der er sich gut verstand. „Wir sind noch nicht durch, aber es nimmt Struktur an“, sagt er. Fest steht inzwischen, dass er die 11. Klasse wiederholen wird. Und das empfindet er als große Entlastung. Er spielt Schlagzeug, improvisiert Jazz auf dem Klavier und schreibt seit einem halben Jahr seine eigenen Rap-Texte. „Hat mir auch geholfen“, sagt er und grinst.

Trauer, Verzweiflung und ihre Bewältigung suchen sich manchmal seltsame Wege. Das weiß kaum jemand besser als Christl Bremer, die Gründerin der Stiftung Phönikks. Die heute 72-Jährige erkrankte im Alter von 17 Jahren selbst an Krebs und verlor durch die Krankheit beide Eltern. Als das Magazin „Stern“ in den 1980er-Jahren zu einer großen Aktion zugunsten der Deutschen Krebshilfe aufrief, fragte sie sich als Ehefrau des „Stern“-Chefredakteurs Heiner Bremer: „Wieso fließt das Geld immer in Gerätemedizin und Forschung, warum nicht in Nachsorgeeinrichtungen? Die fehlen den Menschen.“ Beim „Stern“ und bei Rudolf Augstein fand sie schnell Verständnis, sagt sie. „Aber die Öffentlichkeit wurde erst überzeugt, als die Schauspielerin Ellen Schwiers und ihre Tochter Ulla Jacob gemeinsam auf einer Bühne auftraten und über den Krebstod ihres Sohnes und Bruders sprachen.“ Christl Bremer wollte eine Beratung für Menschen – vor allem Kinder –, deren Familien durch Krebs völlig auf den Kopf gestellt wurden. Sie gab nicht auf, bis am 15. Oktober 1986 die Stiftung Phönikks gegründet wurde. Nach langen Kämpfen war die Deutsche Krebshilfe 1988 bereit, das Projekt mit 800.000 D-Mark zu unterstützen.

„Niemand hat damals an die Familien gedacht“, sagt Christl Bremer. „Am UKE gab es zwar im Ansatz eine psychologische Betreuung für krebskranke Kinder. Aber die ganze Familie reagiert auf eine Erkrankung, egal, ob die Mutter, der Vater oder ein Kind betroffen ist, und braucht psychologische Unterstützung. Mit diesem Gedanken waren wir Pioniere. Es hat zig Jahre gedauert, bis wir nicht mehr belächelt wurden.“

In den 80ern war Krebs noch ein Schreckbild – und ein Tabu. Christl Bremer und ihr Team sind immer wieder in Schulklassen gegangen, um mit Kindern und Lehrern über das Thema Krebs und seine familiären Folgen zu sprechen. Die können vielfältig sein. Mal führt der Tod des Vaters zur Verarmung. Mal wird die Restfamilie ganz neu justiert. „Viele fühlen sich dabei alleingelassen. Freunde wenden sich irgendwann ab, Angehörige verstehen nicht, warum jemand nach drei Jahren immer noch trauert“, sagt Christl Bremer, die vor einem Jahr die Geschäftsführung der Stiftung abgegeben hat, aber noch im Vorstand mitarbeitet.

Dass Angehörige von Krebspatienten eine Langzeitbetreuung brauchen oder nach Jahren wiederkommen, ist für Silke Meier ganz normal. Die Psychotherapeutin bietet bei Phönikks Einzel- oder Gruppengespräche an. „Das Besondere bei unserer Arbeit ist: Unsere Klienten sind eigentlich psychisch gesund, aber in einer schweren Krisensituation. Ihre Belastungen müssen im Zusammenhang mit der Krankheit bearbeitet werden.“ Wird die Chemotherapie Erfolg haben? Wird der Krebs wiederkommen? Warum trauert mein Kind scheinbar gar nicht? Auf solche Fragen ist keine Familie vorbereitet. Und oft kommen alte Ängste wieder, wenn man an neuen Schwellen des Lebens steht – und dann mit Macht.

Der Sohn hat Leukämie, seine Mutter verliert ihren Job

Auch Jeanette Quellmalz fand bei Phönikks Unterstützung. Ihr Sohn Paul Jaron, heute sieben Jahre alt, erkrankte mit zweieinhalb Jahren an Leukämie. Als junge Ärztin wollte sie erst „nicht akzeptieren, dass ich Probleme hatte“, sagt sie. Ende 2012, bei einer Reha ihres Sohnes auf Sylt, ließ es sich aber nicht mehr wegreden: Sie hatte inzwischen ihren Job verloren, war getrennt, das Kind litt unter Nebenwirkungen, das Verhältnis war schwierig geworden. „Kleine Kinder verstehen nicht, was mit ihnen passiert, warum man sie da hinschleppt, wo es wehtut“, sagt sie. „Einerseits durfte ich nie von meinem Sohn weggehen, andererseits hat er auch geschimpft ,ich hasse dich.‘“

Inzwischen haben Mutter wie Sohn dort eine Therapie gemacht, seit Dezember nimmt Paul erneut an einer Musiktherapie teil. Das hat ihm geholfen, mit der Angst vor einer Wiederkehr der Krankheit besser fertigzuwerden, sagt Jeanette Quellmalz. „Er ist jetzt in der zweiten Klasse. Es geht ihm gut.“

Krebskranken Kindern bietet Phönikks eine spezielle psychoonkologische Betreuung an. Denn Krebs kann tückisch sein, sagt die Therapeutin Silke Meier. „Das Kind fragt sich: warum ich? Es ist wichtig, die Kraftquellen und das Selbstwertgefühl zu stärken.“

Krebs kann passieren. Aber er muss nicht das ganze Leben einer Familie beherrschen.