Hamburg

Gelungene Premiere der „Sonnenallee“ am Altonaer Theater

Die Schauspieler Tom Semmler und Jasmin Wagner spielen eine Szene

Die Schauspieler Tom Semmler und Jasmin Wagner spielen eine Szene

Foto: dpa

Regisseur Peter Dehler gibt dem Hamburger Publikum mit der Bühnenadaption von „Sonnenallee“ Nachhilfe in Sachen DDR-Alltag.

Hamburg. Die Rolling Stones retten Wuschel das Leben. Doch für den blonden Jungen (Mats Kampen) ist dieses Glück ein kaum zu fassendes Unglück. Denn die verirrte Kugel aus der Waffe eines Volkspolizisten hat zwar sei Herz verfehlt, aber die Vinyl-Schallplatte von „Exile On Main Street“ zerstört, die er unter seiner Jacke trug. „Das war ein Doppelalbum, original verpackt“, sagt er mit Tränen in den Augen. 50 Westmark hat er dafür bezahlt, in den 70er-Jahren in der DDR eine riesige Stange Geld.

Popmusik aus dem Westen ist Mangelware und „verboaden“, wie der Abschnittsbevollmächtigte (Volker Zack Michalowski) mit sächsischem Akzent und wichtiger Miene verkündet. Doch irgendwie kommen die Jugendlichen vom kürzeren Ende der Sonnenallee an die begehrte Westmusik: durch zwielichtige Plattendealer oder – natürlich verboadene – Mitschnitte von Radiosendungen aus dem Westen. In den Gedanken der DDR-Jugendlichen Micha, Mario und Wuschel dreht sich alles um die coolen Songs von der anderen Seite von Mauer: um Wonderlands Hit „Moscow“, um die Doors, die Stones, Black Sabbath und Tausende anderer Bands, die Freiheit und Liebe besingen.

Singspiel mit Band und Schauspielern hinterm Mikro

Regisseur Peter Dehler inszeniert Thomas Brussigs Roman „ Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ am Altonaer Theater als Singspiel mit einer Band auf der Bühne und Schauspielern, die sich immer wieder im Chor oder als Solisten hinter die Mikros stellen. Auch Szenen aus Leander Haussmanns Film finden sich in Dehlers Inszenierung wieder wie der von Haussmann kreierte „Sonnenallee“ -Tanz, bei dem Micha und seine Kumpels zu T.Rex’ „Get It On“ eine schmissige Choreografie zeigen. Als durchgehendes Thema taucht Citys Lied „Am Fenster“ auf, von der DDR-Band als 17minütige Version mit einem langen Geigensolo bei Konzerten gespielt, von den DDR-Behörden als Plattenaufnahmne jedoch zuerst, genau, „verboaden“ .

Glossar im Programmheft erklärt die wichtigen DDR- Begriffe

Der Regisseur, Jahrgang 1963, und in Leipzig geboren und aufgewachsen, kennt die DDR aus dem Effeff. Dehler macht sich lustig über all die absurden Vorschriften und Regeln, die es in der DDR gab, und darüber, wie die Bürger sie unterlaufen und umgangen haben. Michas Mutter (Elena Meißner) kauft das Neue Deutschland, hängt zu Jahrestagen brav die Ost-Fahne aus dem Fenster und ermahnt ihren Mann (Torsten Michael Krogh) es mit den „Eingaben“ nicht zu übertreiben – Eingaben waren die einzige Möglichkeit der Bevölkerung sich über Behördenwillkür zu beschweren. Systemkonform lebt die Familie Kuppisch nicht, sie arrangiert sich. Dehler gibt dem Hamburger Publikum mit „Sonnenallee“ Nachhilfe in Sachen DDR-Alltag. Ein Glossar im kostenlosen Programmheft erklärt die wichtigen Begriffe aus dieser vergangenen Zeit, die 1989 mit der Wende auf den Müllplatz der Geschichte ging.

Ensemble und Band funktionieren tadellos

Dehlers Übersetzung von Roman und Film für das Theater funktioniert, weil er die Lebensfreude seiner jungen Figuren auf die Bühne bringt. Micha (Jonas Anders), die von ihm verehrte Miriam (Stella Roberts), Mario (Tom Semmler) und Wuschel machen das Beste aus ihrem Leben im Schatten der Mauer. Sie wollen Spaß, sie verlieben sich und sie sind Meister der Improvisation. Marios malende Freundin (Jasmin Wagner) kritisiert zwar, dass die Grundfarbe in der Sonnenallee grau sei, in der nächsten Szene schmieren sich die jungen Leute eben Farbe ins Gesicht und feiern eine wilde Party – Unterschiede zwischen Ost und West gibt es nicht, besoffen ist besoffen, das muss auch Micha bei seinem ersten Absturz feststellen. Das gesamte Ensemble und die dreiköpfige Band (Leitung Johan Carlson) funktionieren tadellos und spielen und singen mit wirklicher Leidenschaft.

Mit minimalen Umbauten ändert sich die Szenerie, nur eine Treppenstufe trennt Band von der Spielfläche im Vordergrund. Dadurch schafft Dehler, der auch für Textfassung und Bühne verantwortlich zeichnet, Tempo. Zwei hereingefahrene Türen verwandeln den Platz auf der Straße in eine Drei-Raum-Wohnung, eine Discokugel macht daraus einen Jugendclub. Am Ende des zweieinhalbstündigen Abends springt das begeisterte Publikum von den Sitzen, bejubelt Musiker und Schauspieler und bekommt eine ausführliche musikalische Zugaben mit AC/DCs „Highway To Hell“, „ Get It On“, Rio Reisers „Zauberland“ und noch mal Citys „Am Fenster“ . Pop scheint im Altonaer Theater bestens zu funktionieren. Nach dem Beatles-Musical „Backbeat“ hat es mit der „Sonnenallee“ den nächsten Kracher im Programm.

Am kürzeren Ende der Sonnenallee nächste Vorstellungen ab 15.9., Altonaer Theater (S Altona), Musemstraße 17, Karten ab 19 Euro unter 39905870, www.altonaer-theater.de