Modegeschäfte

Schwacher Sommer für den Hamburger Handel

Seit Ende 2015 ist sie
Hamburgs Einzelhandels-Chefin:
Brigitte Nolte ist mit
den Umsätzen des Handels
nicht zufrieden

Seit Ende 2015 ist sie Hamburgs Einzelhandels-Chefin: Brigitte Nolte ist mit den Umsätzen des Handels nicht zufrieden

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Hamburger Modegeschäfte litten bisher unter schlechtem Wetter – und hoffen nun auf die nächsten Tage.

Hamburg.  Eigentlich ist das Sommergeschäft vorbei, schon seit Wochen. Viele Einzelhändler haben die Sommersachen längst aus den Regalen geräumt, um Platz für die neue Herbstkollektion zu schaffen. Genau davon profitieren jetzt die Geschäfte, die noch einen Restbestand an reduzierten Sommersachen haben. Denn die Nachfrage nach leichten Kleidern, kurzen Hosen und Sommershirts ist derzeit groß: „Angesichts des guten Wetters kaufen viele Kunden in diesen Tagen wieder reduzierte Sommersachen“, sagt Katja Hünnekens, Sprecherin für die Unternehmensgruppe P&C Hamburg. Die Häuser seien zwar schon auf Herbst eingestellt und die Herbstkollektion bereits gut verkauft worden. Trotzdem laufe der „Sommerschluss-Verkauf“ noch weiter. „Den SSV, wie wir ihn früher kannten, gibt es nicht mehr. Er dauert heute nicht mehr nur zwei Wochen – sondern richtet sich vielmehr nach den Temperaturen – und nach der Nachfrage der Kunden.“

Die hohen Temperaturen sind zwar gut fürs Geschäft – kommen für die meisten Einzelhändler aber zu spät. „Angesichts des durchwachsenen Wetters im Sommer waren die Händler gezwungen, die Waren zum Ende der Saison mit Rabatten von bis zu 70 Prozent anzubieten, um überhaupt Absatz zu machen“, sagt Brigitte Nolte, Geschäftsführerin des Einzelhandelsverbandes Hamburg. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sei das jedoch fatal gewesen. „Je größer die Reduzierung ist, um so schlechter ist es für die Händler.“

Textil-Umsätze liegenunter denen des Vorjahres

Die Bilanz des Sommerschluss-Verkaufs ist deshalb unter den Erwartungen. „Wir hatten uns im Vorfeld mehr vom SSV erhofft“, sagt etwa Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland. Dabei hätte die Branche einen guten Saisonabschluss brauchen können – vor allem der Textil- und Schuhfachhandel. Denn das erste Halbjahr 2016 ist in diesem Segment nur durchwachsen verlaufen. Nach ersten Hochrechnungen gehen die Fachverbände davon aus, dass die Umsätze im Textil- und Schuheinzelhandel in den ersten sechs Monaten unter dem Vorjahr liegen. Dennoch rechnet der Handelsverband Deutschland für 2016 insgesamt mit einem Umsatzplus von zwei Prozent.

Die Gründe sind steigende Löhne, die die Kaufkraft stärken sowie niedrige Zinsen. Hinzu kommen günstige Energiepreise und drei zusätzliche Verkaufstage, weil Feiertage auf Sonntage wegfallen und der Februar 29 Tage hatte. Wachstumstreiber ist wie schon im Vorjahr der Onlinehandel. Im stationären Handel verzeichnet vor allem die Möbelbranche Zuwächse.

Der Einzelhandelsverband Hamburg geht davon aus, dass die Umsätze von zuletzt 12,5 Milliarden in diesem Jahr auf 12,8 Milliarden steigen werden. Rund zwei Milliarden Euro werden allein in der Innenstadt generiert.

Mit dem Anstieg setzt sich bundesweit ein Trend der vergangenen Jahre fort. Seit 2009 sind nämlich die Umsätze im Einzelhandel von 418,9 Milliarden auf 472,4 Milliarden im Jahr 2015 angestiegen. „Der Einzelhandel ist mit der Entwicklung insgesamt zufrieden. Entscheidend dazu beigetragen haben die sehr günstigen gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, insbesondere der Anstieg der Erwerbstätigkeit, steigende Einkommen und niedrige Zinsen“, sagt Stefan Genth.

Trotzdem: Der Wettbewerb ist groß, der Konkurrenzkampf hart. Und das spiegel sich auch in den Rabatten wieder. Seit die Saisonabschlussverkäufe, die auf zwölf Werktage begrenzt waren, 2004 offiziell abgeschafft wurden, lösen sich die Rabattaktionen immer mehr von Terminen und Jahreszeiten. Preisnachlässe gibt es nicht mehr nur während der alten Schlussverkaufszeiten zum Ende einer Saison, sondern während des gesamten Jahres – in Form von Schlussverkäufen, Saisoneröffnungsrabatten, Mid Season Sale, Mehrwertsteuer-Ermäßigungen oder Reduzierungen zur Fußball-WM. „Man hat den Eindruck, dass es immer und überall Rabatte gibt“, sagt Axel Augustin, Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Textileinzelhandels, und warnt vor den Folgen: „Rabatte sind eine Droge für Kunden und Handel. Der Handel macht so zwar oft Mehrumsätze, aber dann leider keine Erträge. Davon kommt man nicht mehr weg.“ Irgendwann wolle niemand mehr den regulären Preis bezahlen, wenn er ständig und überall Reduzierungen bekommt.

Warnung vor zu vielen neuen Einkaufsflächen

Angesichts der jetzt schon angespannten Situation warnt Brigitte Nolte davor, zu viele neue Einkaufsflächen in Hamburg zu genehmigen. „Das erzeugt nur Leerstand“, so die Einzelhandels-Chefin. „Durch die Digitalisierung passiert Handel auch im Netz – und entsprechend weniger stationäre Verkaufsflächen werden benötigt.“ Besonders das geplante Einkaufszentrum im Überseequartier bereitet der Expertin Sorgen. „Wenn mit einem Schlag 68.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche entstehen, werden naturgemäß Umsätze aus anderen Stadtteilen abgezogen.“

Denn auch wenn die Bevölkerungszahl bis in die 2020er-Jahre nach einer Prognose des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts auf rund 1,85 Millionen ansteigen wird – „die Kaufkraft wächst nicht in gleichem Verhältnis wie die Verkaufsfläche“, warnt Brigitte Nolte.

Bundesweit ist die Verkaufsfläche im Einzelhandel allein seit 2003 von 114 Millionen Quadratmetern auf zuletzt 123,7 Millionen Quadratmeter angestiegen. Experten weisen jedoch darauf hin, dass diese Zunahme nicht mit einer wachsenden Zahl an Geschäften gleichzusetzen sei. Grund für den Anstieg sei auch, dass heute mehr Fläche benötigt werde, um Waren ansprechend zu präsentieren.

In der Hamburger City verfügt der Einzelhandel laut des Makler- und Beratungsunternehmens Comfort im Jahr 2015 über knapp 2,8 Millionen Quadratmeter. Der innerstädtische Verkaufsflächenanteil lag bei rund zwölf Prozent. Damit weise die Hansestadt von allen deutschen Top-Einkaufsstädten – abgesehen von der Hauptstadt Berlin – den niedrigsten Anteil an innerstädtischer Verkaufs­fläche auf.