Bildung

Zwei Schulen – zwei Wege zur Integration

Hunderte Flüchtlingskinder in Bergedorf, kaum Asylbewerber in Blankenese. Wie Pädagogen mit unterschiedlichen Konzepten versuchen, Schülern den Start zu erleichtern

Blankenese/Bergedorf.  Rund 30 Kilometer Luftlinie und etwa eine Stunde Autofahrt trennen die Arbeitsplätze von Christian Gefert und Thimo Witting. Der eine leitet das Marion Dönhoff Gymnasium in Blankenese, der andere die Stadtteilschule Bergedorf. Nicht nur die Standorte sind sehr unterschiedlich, sondern auch die Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen. Während es in Blankenese bislang keine Notunterkunft gibt und Direktor Gefert relativ frei entscheiden kann, ob er an seinem Gymnasium Flüchtlingskinder beschult, bieten die zahlreichen Unterkünfte in Bergedorf bis zu 3600 Asyl­bewerbern Platz. Witting bleibt als Leiter einer Stadtteilschule keine Wahl.

„An der Flüchtlingsfrage wird das Bildungsdilemma unserer Stadt deutlich“, sagt Witting. Insgesamt 1500 Schüler zählt die Stadtteilschule Bergedorf, jeder Vierte (26 Prozent) hat einen Migrationshintergrund. Im November 2015 kamen die ersten Flüchtlingskinder an die Schule. Zum Beginn des neuen Schuljahrs wurde eine neue Klasse eingerichtet, eine weitere soll im Herbst folgen. Keine leichte Aufgabe für die Kollegen der Stadtteilschule, die bereits zahlreiche Aufgaben zu bewältigen haben – unter anderem die Inklusion von Kindern mit Behinderung.

In Hamburgs Westen sieht die Welt ganz anders aus. In Blankenese wehrten sich Anwohner erfolgreich gegen den Bau eines Pavillondorfs für Flüchtlinge am Björnsonweg, wo gerade einmal 190 Bewohner untergebracht werden sollten. Es wäre die erste im großbürger­lichen Villenviertel gewesen. Daraus wird vorerst nichts. Christian Gefert wollte deshalb ein Zeichen setzen. Lehrer, Schüler und Eltern am Blankeneser Marion Dönhoff Gymnasium zogen mit: So wurde an der Schule eine internationale Vorbereitungsklasse eingerichtet, obwohl es hier keine Flüchtlingsunterkunft gibt. Damit ist sie in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit. Denn die Vorbereitungsklassen für Flüchtlingskinder sind an Hamburgs Gymnasien nun wirklich nicht die Regel. Laut Schulaufsicht hat von den 60 Gymnasien bislang weniger als ein Drittel solche Klassen geschafft. Bei Stadtteilschulen liegt der Anteil deutlich höher. Zudem wurden jeweils wesentlich mehr Klassen eingerichtet.

„Ich nehme wahr, dass wir uns als Gymnasien mit dieser Sache schwerer tun“, sagt Gefert, der ein sehr positives Fazit für seine Lehreinrichtung zieht. „Für unsere Schule ist die zentrale Vorbereitungsklasse eine Bereicherung“, sagt er. Denn über Integration zu sprechen oder sie zu leben sei ein großer Unterschied. Zudem werde Kultur vermittelt, und zwar in beide Richtungen. Gefert ist stolz auf die Hilfsbereitschaft an seiner Schule, die vom kommenden Jahr an etwa 890 Schüler zählt. „Es gab nicht eine kritische Stimme. Ich hatte mich auf ganz was anderes eingestellt.“

In Bergedorf machten die Pädagogen aus der Not eine Tugend. Sie entwickelten ein eigenes Konzept mit Vorbildcharakter. Im Unterschied zu anderen Hamburger Schulen werden in Bergedorf die zugewanderten Kinder nach einer zweiwöchigen Kennlernphase sofort in den Regelunterricht integriert. Nur einmal am Tag geht es für eine Doppelstunde Intensiv-Deutsch in die „Willkommensklasse“, ansonsten werden die Neulinge voll in den allgemeinen Unterrichtstag integriert. Es gibt somit keine separate Klasse für die Neuankömmlinge. Stattdessen erhöhte sich die Zahl der Schüler im Klassenverband von durchschnittlich 23 um ein bis zwei. Dadurch wurden finanzielle Mittel frei, die die Schule in eine neue Stelle investierte.

Salma Dostyar arbeitet an der Bergedorfer Stadtteilschule nun als Kulturvermittlerin. Sie spricht sieben Sprachen, kennt alle Neulinge und deren Eltern, ihre Geschichte, Traumata und Einstellungen. „Sie ist eine große Stütze“, sagt Witting. „Unser Ziel ist es zum Beispiel, 95 Prozent der Eltern zum Elternabend zu bringen. Dank ihrer Hilfe ist uns das bislang auch fast immer gelungen.“ Mit Dostyars Unterstützung verstehen die Lehrer die Probleme der Kinder und Eltern besser; umgekehrt vermittelt sie die Anforderungen von Schule und Gesellschaft an die Neuankömmlinge. Das löst viele Sprach- und Verständnisprobleme.

Witting hält wenig von den in Hamburg eingerichteten einjährigen Vorbereitungsklassen, vor allem an Gymnasien. Er kritisiert: „Das verlagert das Problem nur kurzzeitig. Am Ende werden die Schüler sowieso größtenteils an den Stadtteilschulen landen.“ Davon geht auch Gefert aus. Er schätzt, dass von den 15 Schülern in der Vorbereitungsklasse höchstens zwei am Gymnasium bleiben. Für die anderen führt er Gespräche mit der Stadtteilschule Blankenese. Glücklich findet er die Situation nicht. Er versteht, warum sich andere Schulleiter deshalb weigern, Vorbereitungsklassen an Gymnasien zu schaffen.

So groß die Unterschiede sind: Einig sind sich die beiden Schulleiter in ihrer Sorge darüber, dass mittlerweile fast 60 Prozent der Eltern das Gymnasium bevorzugen. „Das zweigliedrige Bildungssystem stößt an seine Grenzen. Wir stecken in einem Dilemma“, sagt Witting. Während er über die Einheitsschule nachdenkt, setzt Gefert auf mehr Profilierung und gezielte Maßnahmen auch in der Integrationsfrage. Man müsse den Schulen mehr zuhören und gemeinsam Lösungen suchen, sagt Witting. „Bildung ist schließlich der Punkt, wo Integration gelingt oder misslingt.“