Hamburg

Eine Stadt sucht ein Kind

„Hamburg ist eigentlich ein Dorf“, das ist ein Satz, den man ziemlich oft hört in unserer Millionenstadt. Wie viel Wahrheit in dieser Aussage steckt, zeigt folgende Geschichte.

Es war vor einigen Wochen bei einem Straßenfest in einem Boom-Stadtteil. Eine völlig verzweifelte Frau suchte ihren kleinen Sohn, den sie soeben im Gewühl verloren hatte („gerade war er noch da!“). Der Junge hieß Felix, die Mutter Anna. In solchen Fällen sind die angeblich so kühlen Hamburger immer wahnsinnig hilfsbereit – zu Recht, denn ein verschwundenes Kind ist ein Albtraum. Im Nu war eine große Gruppe gebildet, die nach Felix Ausschau halten wollte. Alle Himmelsrichtungen wurden angepeilt, ein Treffpunkt für die hoffentlich glückliche Rückgabe ausgemacht. Auch die genaue Felix-Beschreibung hatte sich jeder eingebläut – blonde Locken, grünes T-Shirt 1,10 Meter groß. Zehntausende waren hier auf den Beinen – keine leichte Aufgabe also.

In den nachfolgenden 20 Minuten schien ich den unglücklichen Felix mindestens dreimal entdeckt und so gut wie gerettet zu haben. Blonde Locken hier, grünes T-Shirt da. War das nicht eben Felix in dem dunklen Auto? Leider nein. Ein Kind weint in der Ferne – Felix? Nein, ein Mädchen, höchstens ein Jahr alt. Aber wie das so ist: Irgendwann werden auch die kühnsten Helfer müde oder abgelenkt, und schließlich gibt man sich der Hoffnung hin, dass es mittlerweile die große, erhoffte Familienzusammenführung gegeben hat.

Und nun der Beweis für Hamburgs dörflichen Charakter: Eine Stunde später winkte mich eine mir völlig unbekannte Frau mit strahlendem Lächeln zu sich, worüber ich mich natürlich immer sehr freue. Noch erfreulicher war ihre Nachricht: „Du hast doch auch mitgesucht. Felix ist gefunden. Viele Grüße von Anna, und sag’s auch den anderen.“ Tja, na gut. Gerne sag ich’s den anderen, falls ich sie mal irgendwann im Gewusel der Weltstadt Hamburg wiedererkenne.