Hamburg

Der Hüter des Glücksspiels

24 Stunden Hamburg Jeweils 60 Minuten begleitet das Abendblatt einen Hamburger am Arbeitsplatz. Letzter Teil, 23 bis 24 Uhr: Croupier Sören Decker

Der Mann mit dem kahlen Schädel fingert drei 500-Euro-Scheine aus der Innentasche seines Jacketts, wirft sie auf den Roulettetisch und bittet um 30 Jetons zu 50 Euro. Er platziert die Chips in kleinen Türmchen auf die 23, die 24, die 28 und die 30. Der Roulettekessel dreht sich, wie ein Flummi springt die weiße Kugelstoffkugel hin und her. Liegen bleibt sie bei der 15. Croupier Sören Decker (26) schiebt mit dem Rechen, Rateau genannt, alle Jetons, die nicht gewonnen haben, zu einem Kollegen, der sie wieder einsortiert – auch die 30 Plastikmünzen des Casinogastes zu seiner Linken. Der verzieht keine Miene, sondern zückt die nächsten purpurroten Scheine. Dieselben Zahlen, der gleiche Verlust, diesmal landet die Kugel auf der Zehn. Binnen zehn Minuten wird der Gast im Casino Esplanade 15.000 Euro verspielen, doch dann kullert die Kugel auf die 23. In nur einem Spiel zockt sich der Spieler zurück ins Glück. Jetons im Wert von 15.750 Euro, das 35-Fache des einzelnen Einsatzes von 450 Euro wechseln den Besitzer.

Doch auch der Gewinn in der Preisklasse eines Kleinwagens sorgt für keinerlei Emotionen. Der Mann lächelt nicht einmal, die Croupiers am Tisch nicken immerhin anerkennend. Eigentlich überraschend, denn Angestellte einer Spielbank sollte ja nicht unbedingt interessiert sein, dass jemand etliche Tausend Euro abräumt. „Da denken Sie falsch“, sagt Decker, „wir Croupiers freuen uns durchaus, wenn eine Pechsträhne endet.“ Zumal wenn der Gewinner wie in diesem Fall so nett ist, Jetons im Wert von 750 Euro zu spendieren. Mit dem in jeder Spielbank üblichen Spruch „Vielen Dank für die Angestellten“ quittiert Decker die großzügige Geste und schiebt die Chips in einen schmalen Schlitz.

Croupiers müssen Meister im Kopfrechnen sein

Mit dem Wort „Trinkgeld“ ist diese Gabe unzureichend umschrieben. Die Spender sichern den Croupiers in Wahrheit ihr Einkommen, in Deutschland werden sie traditionell aus dem sogenannten Tronc bezahlt. Beschäftigungszeit und Rang entscheiden über den Anteil. Die Händler des Glücks spüren daher als Erste, wenn ihre Branche in die Krise rutscht. Mit einem dezent hinter den Roulettetischen platzierten Hinweis sagt die Spielbank die für September geplante Poker-Meisterschaft ab, da man durch die derzeitigen Warnstreiks den „reibungslosen Ablauf der Veranstaltung“ nicht garantieren könne. Der Konflikt zwischen Spielbank und der Gewerkschaft Ver.di ist inzwischen eskaliert, eine Mehrheit der organisierten Mitglieder hat sich für einen unbefristeten Streik ausgesprochen.

Seit Jahren gehen bundesweit die Umsätze beim Roulette sowie bei den Kartenspielen Poker und Blackjack in den Casinos zurück, viele zocken lieber im Internet, zudem hat das Rauchverbot Gäste verschreckt. Decker ist dennoch heilfroh, dass der blaue Dunst aus den Casinos – zumindest weitgehend, in einem abgetrenntem Saal darf noch gequalmt werden – verbannt wurde, obwohl er selbst qualmt: „Hier gab es früher wahre Rauchschwaden, die Luft war teilweise kaum noch zu ertragen.“

Wie viele Croupiers kam der gebürtige Berliner über einen Nebenjob zu seinem Beruf. Bei einem Spaziergang um die Alster entdeckte er als damals gerade 20 Jahre alter Soziologiestudent die damalige Spielbank im inzwischen längst abgerissenen Hotel InterConti. Er bewarb sich um eine Aushilfstätigkeit, wurde sofort von der Casinoatmosphäre infiziert. Der ständige schmale Grat zwischen Sieg und Niederlage fasziniert ihn bis heute: „Für mich ist das nach wie vor ein Traumjob.“

Nach seiner Pause – alle 45 Minuten darf sich jeder Croupier für eine Viertelstunde ausruhen – wechselt Decker an einen amerikanischen Roulettetisch. Während er sich am französischen Tisch mit drei Kollegen die Arbeit teilte, macht er hier den Job fast allein – unterstützt nur von der Chef-Croupière, die erhöht sitzend noch einen weiteren Tisch überwacht. Deckers Job verlangt viel Konzentration. Er muss die Kugel korrekt einwerfen, immer gegen die Laufrichtung des Kessels, Jetons korrigieren, falls sie von den Gästen unklar platziert wurden, das Spiel absagen („nichts geht mehr“) und vor allem die Gewinne auszahlen. Ohne exzellente Kopfrechen-Fähigkeiten würde jeder Croupier scheitern.

Direkt nach Deckers Einstieg am Tisch streiten zwei Gäste um einen Gewinn, jeder behauptet, er habe den Jeton auf die siegreiche Zahl gelegt. Der Croupier entschärft die Situation, bittet seine Chefin um Klärung. Und während im Fußball noch um den Videobeweis gestritten wird, ist er in den Spielbanken längst Realität. Die Chef-Croupière studiert in einem Hinterzimmer die Aufzeichnung, der Konflikt ist nach vier Minuten entschieden.

An Deckers Tisch zocken in dieser Stunde Studenten. Sie spielen vorsichtig, platzieren nur wenige Zwei-Euro-Jetons. Dafür senken sie den Altersschnitt im Saal, die meisten Spieler an diesem Abend sind deutlich älter als 60. „Jugend zockt“ mag gut für das Image des Casinos sein – für die Croupier-Kasse bringt das wenig. Erst nach zehn Minuten wandert ein Fünf-Euro-Jeton in den Tronc. Ohnehin sind die Gäste nicht mehr so spendierfreudig wie einst. Auch aus Unwissenheit, glaubt Decker: „Manche kennen das Tronc-System gar nicht.“ Wie andere Spielbanken garantiert auch das Hamburger Casino Mindestgehälter zwischen 1500 und 3000 Euro, falls der Tronc nicht reicht.

Selbst zocken darf Decker nur in Casinos anderer Städte, im eigenen Laden ist es streng verboten, um jede Manipulation auszuschließen. Und wie ist das mit den im Internet kursierenden Anleitungen, wie man beim Roulette angeblich (fast) immer gewinnt? „Alles Unsinn“, sagt Decker. In den 1980ern war das Kesselgucken populär, mehrere Roulette-Profis behaupteten, sie könnten anhand der Geschwindigkeit der Kugel und des Roulettezylinders berechnen, in welchem Sektor die Kugel landet. Doch die Casinos haben aufgerüstet, die Zylinder in den Kesseln laufen schneller, die Kugeln ebenfalls. Auch von Statistiken hält Decker nichts. Zwar notieren noch immer Gäste die Zahlenfolgen. Doch der Zufall lasse sich nicht austricksen: „Es gab hier auch mal 30 Spiele in Folge Rot.“

Nein, die einzig sichere Methode, kein Geld im Casino zu verlieren, sei, es gar nicht zu betreten. Aber genau das wäre schade: „Ein Abend in der Spielbank kann ganz viel Spaß machen“, sagt Decker. Wenn man denn eine Regel beherrsche: aufhören können, die Gier besiegen. Wer an ewige Glückssträhnen glaube, habe im Casino schon verloren.

Deckers Schicht wird noch bis 4 Uhr morgens dauern, er hat an diesem Abend den Nachtdienst. Aber das macht ihm nichts aus. Denn so hat er tagsüber viel Zeit für sein größtes Glück: Söhnchen Vigo. (Ende der Serie)