Hamburg

Der Mann hinter der Maske

24 Stunden Hamburg 60 Minuten begleitet das Abendblatt einen Hamburger an seinem Arbeitsplatz. Teil 23: 22–23 Uhr, mit Lars Hertrampf im Operettenhaus

Die schwere Tür des Bühneneingangs am Stage Operettenhaus wird schwungvoll aufgestoßen. Heraus kommt eine Schar von Musicaldarstellern. Geschminkt sind alle, kostümiert nur wenige. Jetzt ist Pause, Zeit, Luft zu schnappen. Der erste Akt von „Liebe stirbt nie“, dem Nachfolger von „Phantom der Oper“, ist über die Bühne gegangen, gesungen, getanzt. Es ist kurz vor 22 Uhr, die Luft warm, aber nicht mehr so stickig wie noch am Nachmittag.

Die Tür fällt mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Im Inneren des Operettenhauses, hinter der Bühne, ist die Luft noch aufgeheizt. Es ist ruhig und dunkel. Fast ist nicht zu sehen, wo es langgeht; nur die Beleuchtung am Boden weist den Weg. Die Bretter, die die Welt bedeuten, knarzen bei jedem Schritt in Richtung der Sammelmaske. Hier spielt sich während der Vorstellung fast so viel ab wie auf der Bühne selbst; hier werden im Laufe des Musicals unzählige Bärte geklebt und 120 Echthaarperücken auf die Köpfe der Darsteller gesetzt. Dann kann es stressig werden für die Maskenbildner. Vor allem bei den Massenszenen im ersten Akt – wenn ein großer Teil des 37 Köpfe starken Ensembles gleichzeitig auf der Bühne steht und vorher frisiert werden muss.

Gerade aber ist es nicht hektisch. Im Gegenteil. Auch Lars Hertrampf wirkt entspannt. Der 41-Jährige sitzt im hinteren Teil des Raums mit den vielen Bärten, Perücken und ausgeleuchteten Spiegeln, ist ganz versunken in seine Arbeit. Gerade malt der Maskenchef Wunden auf zuvor geklebte Glatzen. Sie sind Maßanfertigungen, passen genau auf den Kopf von Gardar Thor Cortes, der in „Liebe stirbt nie“ das Phantom spielt. Neben der Glatze trägt der Darsteller außerdem mehrere Haarteile und eine Perücke. Dann natürlich die Maske. Es ist 22.05 Uhr, eben hat es zum Pausenende geläutet. Der zweite Akt beginnt.

Im Hintergrund läuft die Musik von Andrew Lloyd Webber

„Liebe stirbt nie“ ist Hertrampfs fünfte Stage-Produktion. Am Theater des Westens hat er die Ausbildung zum Maskenbildner gemacht. Gelernter Friseur war er da schon. „Ich wusste schon mit 14 Jahren, dass ich Maskenbildner werden will“, sagt Hertrampf, pinselt noch einige Male über die Glatze, dann ist sie fertig. Zum Einsatz kommen wird sie in der morgigen Show.

Heute trägt das Phantom seine Maske längst. Dennoch muss vor dem zweiten Akt noch ein letzter Check gemacht werden. Sitzt denn auch alles? Es ist 22.15 Uhr; runter vom Drehstuhl und rein in die Garderobe des Hauptdarstellers. Die ist genauso schlicht gehalten wie die Sammelmaske; klein und ohne Tageslicht, mit einem gut ausgeleuchteten Spiegel, dazu gibt es hier ein Sofa sowie eine eigene Dusche.

Hertrampfs Handgriffe sind routiniert und zackig. Vier Shows pro Woche mache er seit Oktober vergangenen Jahres, arbeite alternativ im Tagesdienst. Das erzählt er, während er ein letztes Mal an Gardar Thor Cortes nestelt. Natürlich sei das Team mittlerweile eingespielt. „Dennoch fiebere ich immer noch mit. Nur nervös und aufgeregt, das bin ich nicht mehr.“ Ein paar knappe Wortwechsel zwischen Maskenchef und Hauptdarsteller, schon muss der wieder auf die Bühne. Vielleicht drei Minuten sind da vergangen.

Die zwei schweren Türen, die den privaten Garderobenbereich von der Sammelmaske trennen, fallen leise ins Schloss. Längst ist Lars Hertrampf wieder in dem Raum direkt hinter der Bühne angekommen. Noch ist die Show nicht vorbei – im Gegenteil. Gerade singen das Phantom und Raoul, sein Nebenbuhler. Die Nummer „Devil Take the Hindmost“ tönt durch die Boxen in der Sammelmaske. So können sich die Darsteller orientieren und wissen, wann sie wieder auf die Bühne müssen. Die Maske füllt sich, die nächste Musiknummer wird vom gesamten Ensemble bestritten. Viele Blicke in den Spiegel, ein Darsteller muss Lippenstift nachziehen, ein anderer die Perücke richten. Wieder ein anderer trägt sein Kostüm noch nicht, er muss erst später auf die Bühne. Es sei alles ganz entspannt sagt er, lacht, läuft weiter. Hektisch wirkt es nicht, aber lebendig. Unterschiedliche Sprachen tönen durch den Raum, im Hintergrund läuft immer noch die Musik von Andrew Lloyd Webber.

Zu diesem Zeitpunkt ist Hertrampf in der Regel weniger gefragt, zumindest nicht bei den Darstellern. „Die schminken sich selber, wir sind für die Perücken zuständig.“ Am Tag wurden diese gewaschen und auffrisiert, vor Show­beginn den Darstellern dann aufgesetzt. Im zweiten Akt hingegen bereitet Lars Hertrampf Masken und Materialien für die kommende Show vor. Dabei bleibt Zeit, Fragen zu beantworten. Hängt einem die Musik nicht irgendwann zu den Ohren raus? „Es gibt Produktionen, da ist das so“, sagt Hertrampf­. Er grinst. „Ich mag das Genre aber sehr gerne, ich liebe Andrew Lloyd Webber.“ Mit „Cats“ fing die Liebe damals an. Und sie dauert an, stirbt nie …

Was den Job so besonders macht? „Ich mag die Arbeit mit den Darstellern. Ich lerne einfach unglaublich viele interessante Menschen kennen.“ Es sei mehr, als Haare zu kämmen – man müsse zuhören können, auch mal trösten. Wenn die Familie fehle, zum Beispiel. „Was wir hier machen, ist sehr intim.“

Apropos intim. Wieder geht es in die Garderobe des Phantom-Darstellers. Es ist 22.55 Uhr, der Schlussapplaus ist gerade verklungen. Die Zuschauer verlassen den Saal, die Darsteller die Bühne. Gardar Thor Cortes hat stark geschwitzt unter seinem schweren, schwarzen Kostüm und der Maske. Erst atmet er durch, dann legt der isländische Tenor einen Teil seines Kostüms ab. Jetzt kann Maskenchef Hertrampf sein Gesicht säubern und ihm die Glatze abziehen. Das Gummi-Latex-Gemisch klebt zwar, lässt sich dennoch gut vom Kopf entfernen. Hinter der Bühne findet der letzte Akt erst jetzt statt: Während die Darsteller ihre Arbeit getan haben und nach Hause entschwinden können, müssen die Maskenbildner jetzt noch aufräumen. Ein kurzes Stöhnen aus Hertrampfs Mund. „Ich bin einfach kein Aufräummensch.“ Er lacht. Aber: Nützt ja nix, also schnell die Pinsel auswaschen und die Perücken grob säubern. Der Rest kann bis morgen warten. Die schwere Tür des Bühneneingangs fällt ein letztes Mal ins Schloss.