Angekommen in Hamburg

Laufsteg-Trainer Jorge Gonzalez: „Ich liebe dieses Land“

Jorge Gonzalez lebt in Eppendorf

Jorge Gonzalez lebt in Eppendorf

Foto: Ingo Röhrbein

In der Interviewreihe sprechen Zugewanderte über ihre Grenzgänge zwischen den Kulturen. Heute: der Kubaner Jorge Gonzalez.

Hamburg. Jorge Gonzalez ist ein Paradiesvogel – ein ziemlich erfolgreicher. Der gebürtige Kubaner war Model und Schauspieler, Laufsteg-Trainer und Modedesigner, bevor er an der Seite von Heidi Klum bei „Germany’s Next Topmodel“ bekannt wurde. Seit 2013 ist er Jurymitglied der Tanzsendung „Let’s Dance“. Ein Gespräch über Kuba, die samtene Revolution und Hamburger Frauen.

Wenn Sie das Wort Heimat hören, woran denken Sie dann spontan?

Jorge Gonzalez: Ich denke an meine Familie, Sonne, laute Musik, lachende Menschen. Alles ist laut, ein Gefühl voller Lebensfreude. Das sind kubanische Bilder – das ist noch meine Heimat.

Die haben Sie vor mehr als drei Jahrzehnten – im Alter von 17 Jahren – verlassen. Warum?

Ich wollte immer nach Europa, reisen, die Welt entdecken. Und ich wollte mein zweites Ich nicht länger verheimlichen. Ich habe früh gespürt, dass ich homo­sexuell bin.

Wie alt waren Sie da?

Ungefähr vier Jahre alt. Damals fing ich schon an, die Schuhe meiner Großmutter anzuziehen, mit ihrem Make-up zu spielen. Ich habe mich lieber an meine Cousinen gehalten, Jungsspielzeug war langweilig – die anderen Jungs mochten Baseball, ich nicht. Ich habe ganz früh gemerkt, dass ich andere Vorlieben habe.

Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?

Ich habe es ihnen erst viel später erzählt. Homosexualität galt als Schande und ich wollte meine Familie schützen. Kuba war damals kein gutes Land für Schwule. Ich habe früher oft auf der Straße gehört: „Lieber einen kriminellen Sohn als einen homosexuellen.“

War Europa für Sie der Notausgang?

Ich habe Europa immer gemocht. Vielleicht liegt es daran, dass meine Tante Franz Kafka geliebt hat und mir viele Geschichten erzählt hat. Und ich habe von meiner Oma viel über Mode gelernt – ich wollte nach Paris, nach Rom.

Sie haben auf einem Elite-Internat gebüffelt, um die Chance auf ein Studium im Ausland zu bekommen ...

Ja, ich war immer ehrgeizig. Ich war ein guter Schüler und weil ich nach Europa wollte, habe ich mich besonders angestrengt. Die Besten kommen mit elf Jahren ins Internat – deshalb habe ich mit neun Jahren abends extra Unterricht genommen. Und wiederum die Besten durften im Ausland studieren. Ich habe es geschafft. Mit 17 Jahren durfte ich nach Europa.

Sie träumten von Rom, Paris – und landeten in Bratislava. Das klingt eher enttäuschend.

Nein, das war ein Traum. Ich kam aus einem kubanischen Dorf, isoliert von der Welt. Da war die Tschechoslowakei die große weite Welt. Ich wollte ja in dieses Land – schließlich musste es ein sozialistisches Land sein. Als ich 1985 mit dem Zug von Prag nach Bratislava fuhr, habe ich mich gefühlt wie bei einer Reise in die Zukunft.

Sie haben dann Nuklearökologie studiert. Was ist das für ein Fach?

Wir waren Experten für Radioaktivität und die Folgen der Strahlung – die Absolventen konnten in Atomkraftwerken genauso wie in Krankenhäusern arbeiten, überall wo Radioaktivität besteht.

Da muss der GAU in Tschernobyl 1986 für Sie einschneidend gewesen sein.

Oh ja. Die Kubaner haben zu der Zeit ein baugleiches Atomkraftwerk mit russischen Ingenieuren errichtet – es wurde aber zum Glück nie zu Ende gebaut und ist bis heute eine Ruine.

Ihr Leben hätte Sie also durchaus in ein Atomkraftwerk und nicht auf den Laufsteg führen können?

Ja. Mode war immer meine Passion, aber das Studium war das Ticket nach Europa. Wir bekamen damals in Kuba eine Lis­te mit Studienfächern vorgelegt, auf der wir unsere Wünsche ankreuzen konnten: Nuklearökologie kam mir interessant vor.

Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn 1989 die Mauer nicht gefallen wäre?

Ich glaube, gar nicht so anders. Ich wäre auf jeden Fall in Europa geblieben. Ich habe damals in einem Wohnheim mit internationalen Studenten aus Griechenland, Afghanistan, Polen und aus Lateinamerika gelebt – und da habe ich viele unterschiedliche Mentalitäten, Religionen und Sprachen kennengelernt.

Wie haben Sie die samtene Revolution in der Tschechoslowakei erlebt?

Das war ein sehr intensives Jahr. Das war ein Jahr des Aufbruchs, ich erinnere mich an unglaublich emotionale Wochen – zumal mir als Kubaner natürlich jede Teilnahme an Demonstrationen verboten war. Ständig wurden wir von Mitarbeitern der Botschaft kontrolliert. Und schließlich entschied die kubanische Regierung, dass die Tschechoslowakei kein Bruderstaat mehr ist. Da wurde uns klar, dass wir die Tschechoslowakei bald verlassen müssen.

Stattdessen sind Sie tanzen gegangen. Und das auch noch für Coca-Cola – den Erzfeind.

Ja, Coca-Cola suchte im Spätherbst für den ersten Werbespot Lambada-Tänzer. Weil der Werbeclip erst im Sommer ausgestrahlt werden sollte, habe ich mich beworben. Dummerweise lief der Spot aber schon nach zwei Wochen. Und schon kamen die Botschaftsmitarbeiter wieder und haben mir den Termin der Ausreise genannt. Darum habe ich einen Asylantrag gestellt. Ich war der erste Asylbewerber des Landes und stand groß in den Zeitungen – deshalb musste ich untertauchen und mich bei Freunden verstecken. Das war eine sehr schwierige Zeit, weil ich dadurch nicht mehr nach Kuba reisen durfte und fast zwei Jahre keinen Kontakt mit meiner Familie hatte.

Warum sind Sie dann nach Deutschland gegangen?

Ich habe nach 1990 immer wieder Europa bereist, war in Paris, Madrid, Rom und kam auch häufiger nach Deutschland, das erste Mal übrigens nach Garmisch-Partenkirchen. Ich habe mich in einen Deutschen verliebt.

Konnten Sie schon die Sprache?

Nein, ich sprach überhaupt kein Deutsch. Ich habe es dann auf der Straße gelernt – das war wohl ein Fehler. Mein erster Satz war „Mein Name ist Jorge. Ich bin 25 Jahre alt und ich komme aus Kuba.“ Den Rest habe ich vor Ort gelernt. Ich musste mich dann entscheiden, ob ich mein schönes Leben in Prag weiterlebe oder mich in den Kapitalismus traue; von klein auf hatte ich gehört, wie schlimm der Imperialismus ist – da wollte ich einmal nachschauen und bin 1994 nach Deutschland gezogen. Für das Land hat vieles gesprochen: Die Kultur, die wirtschaftliche Stärke und die Toleranz haben mir gefallen. Und der Charakter der Menschen hat mich gereizt – Italien oder Spanien waren wie Kuba, nur mit mehr Essen. Die Deutschen aber haben eine ganz andere Mentalität. Das hat mich neugierig gemacht – ich dachte, hier kann ich noch viel lernen.

War der Anfang schwer?

Eigentlich nicht. Ich bekam viel Unterstützung von Freunden von mir. Ich habe mich in die Arbeit gestürzt und Mentalität und Sprache aufgesaugt. Ich weiß noch, wie die Leute am Anfang verwundert auf mein lautes Lachen reagiert haben oder dass ich alle Menschen ständig mit einem fröhlichen Hola begrüßt haben. Ich habe aber nie das Gefühl bekommen, nicht willkommen zu sein. Ich habe versucht zu verstehen, warum die Menschen so zurückhaltend und leise sind und mich etwas angepasst und die positiven Dinge beider Kulturen verbunden.

Und, sind Sie jetzt ein Deutscher?

Nein, ich bin ein Cocktail. Ich bewundere die vielen guten Sachen, die es hier gibt, ich liebe das Land und meine Perle Hamburg. Und ich mag die Mentalität, Gründlichkeit, Disziplin, die Abmachungen per Handschlag. Andere Sachen gefallen mir weniger – etwas mehr Lebensfreude könnte den Deutschen nicht schaden. Es gibt aber keine perfekte Welt.

Seit 2011 sind sie deutscher Staatsbürger ...

Das war mir sehr wichtig, Ich habe mich entschieden, hierzubleiben, die Staatsbürgerschaft war dann das Bekenntnis dazuzugehören, zu den Werten des Landes zu stehen. Und Sie glauben gar nicht, was die Farbe des Reisepasses in der Welt verändert. Früher mit dem blauen Pass aus Kuba musste ich mich in jeder Reihe hinten anstellen, man wurde wie ein Terrorist angeschaut. Der deutsche Pass macht dich zu einer Person, er macht frei. Deutschland ist jetzt mein Zuhause – auch wenn Kuba immer meine Heimat bleiben wird.

Wie war die Einbürgerungsfeier – hatte die Glamour?

Nein, leider nein. Überhaupt nicht, aber ich war so glücklich, da hat mich das nicht weiter gestört.

Die Rolle als Catwalk-Trainer in der Casting-Show „Germany’s Next Topmodel“ hat Sie berühmt gemacht. Wie wichtig war diese Sendung für Sie?

Das war besser als ein Lottogewinn. Der Erfolg hat mir gezeigt, was ich schaffen kann. Ich hatte schon zuvor mit meiner Agentur einiges erreicht, aber das haben die Menschen nicht direkt wahrgenommen. Nun war es anders: Ich war auf einmal bekannt. Es ist ein tolles Gefühl, als kleiner Junge aus einem kubanischen Dorf in Deutschland so weit zu kommen. Wir sind so verschieden, und die Menschen akzeptieren mich so wie ich bin.

Nun sitzen Sie in der Jury von „Let’s Dance“ und arbeiten in weiteren TV-Produktionen – macht Fernsehen glücklich?

„Let’s Dance“ ist eine tolle Show, die mich jedes Jahr immer wieder aufs Neue begeistert. Ich kann dort meine Liebe zur Musik und zum Tanz ausdrücken und finde es schön zu sehen, was Tanzen bei den Menschen bewirken kann. Es ist echt und voller Emotionen und das spüren auch die Zuschauer zu Hause, ich denke schon, dass es glücklicher macht.

Mit dem besonderen Blick eines Kubaners auf die Deutschen: Wie bewegen wir uns, was macht uns aus?

Ich sage immer: Wie du gehst, so gehst du auch durchs Leben. Das Leben ist ein Laufsteg, und auf dem Laufsteg lernst du fürs Leben. In High Heels bekommt man eine andere Körperhaltung und es stärkt auch die innere Haltung, beides ist wichtig. Manche deutsche Frauen wurden sehr zurückhaltend erzogen: nicht auffallen, keine zu kurzen Röcke, nicht zu viel Schminke, lach nicht so viel! Aber die Frauen wollen viel lieber explodieren. Und das gefällt doch Männern wie Frauen.

Sind Hamburger Frauen etwas Besonderes?

Ja, in Hamburg sind die Frauen sehr zurückhaltend, aber sehr chic. Generell sind die deutschen Frauen sehr schön, aber sie verstecken sich zu viel. Mein Vater schwärmt immer von den vielen schönen Frauen hier: Die Haare, die blauen Augen, schöne Haut – aber viele möchten einfach nicht auffallen.

Hat sich das in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Ja, die neue Generation ist offener, sie ist lauter und freier. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Schatten des Krieges kürzer werden. Das finde ich gut. Nur manche sind mir persönlich zu früh – ich mag keine 13-jährigen Chicas in High Heels. Die sollen warten, bis sie 15, 16 Jahre alt sind.

Was ist für Sie Schönheit?

Ein Model muss erst einmal gut aussehen: Statur, Maße, gute Zähne, schöne Haare, gut laufen. Aber äußerliche Schönheit allein ist nicht alles, zu einer besonderen Ausstrahlung gehören auch Intelligenz und innere Werte dazu. Ich bewundere Frauen mit Talent und Ausstrahlung, wie zum Beispiel die Schauspielerinnen Tilda Swinton oder Meryl Streep, die nicht einer klassischen Schönheit entsprechen. Mein großes Vorbild war immer meine Oma Juana. Sie trug immer eine frische Orchidee im Haar und ging nie ohne High Heels vor die Tür.

Wie sieht man als Zuwanderer die Flüchtlingswelle – mit der Hoffnung auf eine Bereicherung oder mit Sorge?

Deutschland ist doch schon lange kosmopolitisch, es wurde nur nicht viel darüber geredet. Unser Deutschland ist gemischt, gehen Sie einmal mit offenen Augen durch die Straßen. In der Flüchtlingskrise musste Deutschland als starkes Land in Europa eine Führungsposition übernehmen. Ich finde das gut. Ich hätte wahrscheinlich nie meine Heimat verlassen, wenn für mich damals auf Kuba eine andere Situation geherrscht hätte. Aber klar ist auch: Deutschland kann nicht die ganze Welt retten.

Die Kanzlerin sagt: Wir schaffen das ...

Ich hoffe es, aber wir brauchen eine stärkere Infrastruktur bei der Integration der Menschen. Dazu zählen vor allem das Erlernen unserer Sprache und das Angebot an Bildung. Darüber können sie unsere Gesellschaft und Mentalität besser verstehen und sich Chancen erarbeiten. Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Integration ist, dass die Menschen psychologisch betreut werden, da die Geschehnisse in den Kriegsgebieten und die Strapazen der Flucht verarbeitet werden müssen.

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