Kunstrasenplatz in Altona

Forscher warnen vor Verlust der „Ruheoasen“ in Hamburg

Seit der FC Teutonia
05 einen Kunstrasenplatz
hat, darf
dieser nur noch
eingeschränkt
genutzt werden

Seit der FC Teutonia 05 einen Kunstrasenplatz hat, darf dieser nur noch eingeschränkt genutzt werden

Foto: Klaus Bodig / HA

Im Streit um den Fußballplatz von Teutonia 05 erklärt das Amt eine Lärmschutzwand für „nicht darstellbar“.

Hamburg.  Immer mehr Fluglärmbeschwerden, Protest gegen Stadtteilfeste, Straßenlärm und Groß-Events. Und jetzt soll der Bürger auch noch Sportlärm durch „testosterongesteuerte Fußballer“, so ein Leser in seiner gestrigen Zuschrift an das Abendblatt, erdulden? Immer mehr „Lärmbetroffene“ sagen Nein dazu. So muss der besagte Fußballverein Teutonia 05 in Altona nach einer Anwohnerbeschwerde jetzt massive Nutzungseinschränkungen für seinen neuen Kunstrasenplatz hinnehmen.

Aber die Stadt, sagen die Experten der „Inter-Noise“ in Hamburg, ist gar nicht lauter geworden. Der laufende Kongress der 1700 Wissenschaftler und Experten aus 62 Ländern beschäftigt sich noch bis Donnerstag einschließlich mit Fragen des Lärms und seiner Reduzierung. „Allerdings gibt es wesentlich mehr Lärmquellen, die auch immer seltener verstummen“, sagt Otto von Estorff, Professor für Akustik an der TU Harburg und Organisator der „Inter-Noise“, die Hamburg trotz starker internationaler Konkurrenz für die Stadt gewinnen konnte. Der Dauerlärm sei das Problem.

„Es gibt immer weniger Ruheoasen, und der Mensch wird so immer dünnhäutiger. Die Belastung ist definitiv gestiegen“, sagt Estorff. „Das Leben hat sich bis tief in die Privatsphäre hinein industrialisiert.“ Er verweist auf die immer zahlreicheren Haushaltsgeräte in der Küche, auf Staubsauger, Laubbläser und Heimwerker-Geräte.

Generelle Lockerung der Grenzwerte wollen Wissenschaftler nicht

Die wachsenden Probleme mit den Sportstätten führte er auch auf den Wohnungsbau zurück, der aufgrund des großen Drucks am Markt immer näher an die Sportplätze heranrücke. Dass mit der Sanierung der Plätze automatisch auch der „Altanlagen-Bonus“ von 5 db (A) verloren gehe und die Anlage strengeren Grenzwerten unterliege, wollten er und Christian Popp von „Lärmkontor“ aber nicht hinnehmen. „So etwas muss immer im Einzelfall geklärt werden.“

Eine generelle Lockerung der Grenzwerte, wie sie der Sport gern hätte, wollen die Wissenschaftler nicht. Zweck der einst von Hamburg in den 1960er-Jahren initiierten Lärmschutzverordnung sei es ja, vor den gesundheitlichen Risiken des Lärms zu schützen. „Allerdings sind die damals im Gesetz vorgesehenen Ruhezeiten zwischen 6 und 8 bzw. von 13 bis 15 Uhr am Sonntag wohl nicht mehr zeitgemäß“, sagte Popp.

Beim für den Hamburger Sportstättenbau zuständigen Bezirksamt Mitte hieß es, ein Lärmschutz auf der neuen Altonaer Teutonia-Anlage sei „technisch und wirtschaftlich nicht darstellbar“. Da in unmittelbarer Umgebung zumeist vier- bis fünfgeschossige Mehrfamilienhäuser stünden, müssten die Lärmschutzwände astronomische Höhen erreichen. Das Amt setze auf Gespräche. Zudem sei bei allen Einschränkungen auch klar, dass der neue Kunstrasen unter dem Strich immer noch eine deutliche Verbesserung gegenüber dem alten Platz darstelle, hieß es aus dem Bezirk Mitte. Mit dem neuen Platz könne man ganzjährig durchgehend Spiel- und Trainingszeiten anbieten. Nichts müsse mehr wetterbedingt ausfallen. Das habe man erreichen wollen.

Die Sportler hoffen trotzdem auf mehr. Seit gut zwei Jahren arbeitet das Bundesumweltministerium an einer neuen Regelung der Grenzwerte in der 18. Bundes-Immissionsschutz-Verordnung (BImschV). Demnach soll bei einer Sanierung von Altanlagen, die in der Regel mit dem Ersatz des Naturrasens durch einen mehr als doppelt so lange bespielbaren Kunstrasen verbunden ist, der „Altanlagen-Bonus“ generell bleiben. Der Fahrplan sehe vor, den Entwurf nach der laufenden Abstimmung mit den anderen Ministerien im Oktober in den Bundestag zu geben und im November zu verabschieden, hieß es beim Hamburger Sportbund.