Hamburg

Erstes Biberjunges seit 200 Jahren

Atlas der Säugetiere zählt 54 Arten in Hamburg – darunter Fischotter, Wildschweine und Exoten wie Marderhunde

Hamburg. Der grüne Umweltsenator Jens Kerstan bejubelte den Schnappschuss am Dienstag als eine echte Sensation. Erstmals seit 200 Jahren ist auf Hamburger Gebiet wieder ein Biberjunges nachgewiesen worden. Der Babybiber lief Anfang des Monats in eine Fotofalle der Loki Schmidt-Stiftung im Hamburger Osten (Schwarz-Weiß-Foto Mitte). Damit ist klar, dass die seit 2002 wieder in Hamburg gesichteten Tiere, die entlang der Elbe aus dem Osten in die Stadt zurückgekehrt sind, hier auch wieder ihren Nachwuchs großziehen.

Insgesamt hat die Umweltbehörde für den erstmals seit 2002 wieder erstellen „Atlas der Säugetiere Hamburgs“ 54 Säugerarten auf städtischem Gebiet gezählt. Die kleinste ist mit einem Gewicht von gerade einmal fünf Gramm die Mückenfledermaus, die im Wohldorfer Wald lebt – die schwerste die Kegelrobbe, die vor Scharhörn heimisch ist und rund eine Drittel Tonne auf die Waage bringen kann.

Dabei kommen laut Behörde „äußerst seltene Arten vor wie die Haselmaus und die Große Bartfledermaus, Rückkehrer wie Biber und Fischotter und exotische Neuankömmlinge wie Marderhund und Nutria (Sumpf­biber)“. Die Lage der Säugetiere habe sich im Vergleich zur letzten Untersuchung vor 14 Jahren kaum verändert, acht Arten seien weniger gefährdet, acht stärker, alle übrigen seien als unverändert eingestuft worden oder es lägen nicht genug Daten zur Beurteilung vor.

„Trotz immer dichter werdender Bebauung und weiter steigender Bevölkerungszahl bleibt Hamburg artenreich“, sagte Kerstan. „Das ist ein wesentlicher Gradmesser für erfolgreichen Naturschutz. Da die Stadt weiter wachsen soll, legen wir über den Säugetier­atlas hinaus nach durch neue Managementpläne für alle Naturschutzgebiete, durch zahlreiche Einzelmaßnahmen und die Ausweisung von drei neuen Naturschutzgebieten bis 2018.“

Um den Säugetieratlas zu erstellen, habe die Behörde das Stadtgebiet in 243 je vier Quadratkilometer große Quadrate aufgeteilt, in denen über vier Jahre alle Säugetierarten gezählt wurden, so die Umweltbehörde. „Dazu kamen Daten aus zahlreichen anderen Quellen.“ Grundlage der systematischen Erfassung und Beobachtung sei das Bundesnaturschutzgesetz, das eine fortlaufende Ermittlung und Bewertung des Zustands der Natur vorschreibe. „Die Ergebnisse fließen in die Aktualisierung der sogenannten Roten Listen ein. Rote Listen sind Verzeichnisse gefährdeter Tier- und Pflanzenarten.“

Die meisten Säugetierarten lassen sich nach Daten in Wohldorf-Ohlstedt finden mit 38 Säugetierarten pro Quadrant. In den Innenbereichen der Stadt wurden durchschnittlich zehn verschiedene Arten registriert. „Hier stellen die großen Grünanlagen entscheidende Rückzugsräume dar, so wurden auf dem Ohlsdorfer Friedhof bis zu 20 verschiedene Arten pro Quadrant nachgewiesen“, so die Behörde.

Bekannte Tierarten wie Fuchs, Reh und Wildschwein hätten zuletzt verstärkt die Innenstadt erobert und profitierten dabei „vom zunehmend waldartigen Charakter mancher Gärten und Parks“. In Siedlungen, die an Waldbereiche angrenzten, würden Wildschweine zunehmend zum Problem.

Der in Deutschland als gefährdet geltende Feldhase kommt in Hamburg laut der Erhebung „mit stabilen Beständen vor“. Die Hausspitzmaus, die seit 1900 als ausgestorben galt, konnte nun laut Behörde erstmals wieder in Hamburg nachgewiesen werden. „14 Fledermausarten leben in Hamburg – so viele wie nie zuvor. Zahlreiche sind jedoch durch Gebäudesanierungen und die modernen, glatten Fassaden gefährdet.“ Deswegen macht der Senat laut Kerstan beim geförderten Mietwohnungsneubau „zur Bedingung, dass Quartiere, also etwa Nistkästen, für Gebäudebrüter und Fleder- mäuse in die Fassaden eingebaut werden“. Die zurückgekehrten Biber und Fischotter fallen laut Umweltbehörde oft dem Verkehr zum Opfer. Deswegen werde „bei neuen Bauvorhaben an Straßen und Bahnlinien speziell darauf geachtet, otter- und biberfreundliche Gewässerdurchlässe (Bermen) zu gestalten, die auch anderen Arten zugutekommen, die sich entlang der Gewässer bewegen“, so die Umweltbehörde. Biber und Fischotter profitierten von der gestiegenen Wasserqualität und der besseren Durchlässigkeit der Gewässer.

Hier zahlten sich die Maßnahmen bei der Umsetzung der EU-Wasserrahmen-Richtlinie und die Aktivitäten der Stiftung Lebensraum Elbe aus, sagte Kerstan. Es hätten allerdings seit der Erhebung von 14 Jahren auch Arten neu in die Rote Liste der bedrohten Arten aufgenommen werden müssen. Dazu gehören die Erd-, Feld- und Waldmaus. „Diese Arten leiden offensichtlich sehr unter der Industrialisierung der Landwirtschaft und der zunehmenden Zerschneidung der Landschaft“, so die Umweltbehörde. „Auch eng an den Menschen gebundene Arten wie Hausmaus und Hausratte sind inzwischen stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Für diese Arten sind offensichtlich durch die Umwandlung des Hafens vom Stückgut- zum Containerhafen viele Refugien verloren gegangen.“

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Den neuen „Atlas der Säugetiere“ (182 Seiten) gibt es kostenlos bei der Umweltbehörde und unter www.hamburg.de/saeugetieratlas