Demenz

Das Drama um eine kranke Millionärin mit falschen Freunden

| Lesedauer: 26 Minuten
Peter Wenig
Elegant: Ursula Kühling 2008 im Friedrichsruher
Schmetterlingsgarten

Elegant: Ursula Kühling 2008 im Friedrichsruher Schmetterlingsgarten

Foto: Jürgen Joost

Ursula Kühling, reiche Witwe, litt in ihren letzten Jahren an Demenz. Hat ihr Lebensgefährte sie geliebt oder abgezockt?

Hamburg. Der 120.000 Euro teure Bulgari-Ring funkelt an ihrem rechten Mittelfinger, aus den Lautsprechern perlen Lieder von Andrea Berg, ihre Musik hat sie immer geliebt. Als Ursula Kühling an diesem regnerischen Sommertag im geblümten Kleid mit ihrem Lebensgefährten Rüdiger Camp, dunkler Anzug, blaues Hemd, in dem eigens aufgebauten Pavillon tanzt, klatschen die Partygäste, darunter Mitglieder der fürstlichen Bismarck-Familie. Ihr Familiensitz in Friedrichsruh liegt ganz in der Nähe. Ursula Kühling feiert an diesem 30. Juni 2011 ihren 75. Geburtstag, Camp hat das 30.000 Euro teure Fest organisiert. Sogar Klaus Schlie (CDU), damals Innenminister von Schleswig-Holstein und heute Landtagspräsident, macht der millionenschweren Jubilarin seine Aufwartung, preist die Wohltätigkeit ihres 2006 verstorbenen Gatten Georg Kühling. Dann redet Camp, der neue Hausherr, über die Liebe zu seiner Ursel. In der Einfahrt des Anwesens parkt sein gewienerter feuerroter Oldtimer. Rüdiger Camp, gelernter Schlosser, scheint an diesem 30. Juni 2011 endgültig angekommen in den feinsten Kreisen.

Fünf Jahre später sitzt Camp (77) auf der Terrasse seines Zwei-Zimmer-Apartments in Wohltorf. Er muss jetzt rauchen, obwohl es ihm der Arzt doch verboten hat – das Herz. „Ich bin fertig mit den Nerven, ich kann einfach nicht mehr“, sagt Camp. Das kühlingsche Anwesen liegt nur zehn Autominuten entfernt, doch gefühlt ist es für ihn weiter weg als der Mond. Und womöglich muss er in einigen Wochen seine Erdgeschosswohnung gegen eine Zelle tauschen. Allein sein Antrag auf Haftverschonung aus gesundheitlichen Gründen bewahrt ihn noch vor dem Gang ins Gefängnis. Das Landgericht Lübeck hat ihn im Oktober 2015 rechtskräftig zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Der neue Pflegeratgeber

Was sich in Friedrichsruh im Sachsenwald abspielte, könnte Stoff für einen Spielfilm liefern. In den Hauptrollen: Rüdiger Camp, Schlosser, später Gastronom, schließlich Handelsvertreter für Dichtungsstoffe. Günter Z., (alle abgekürzten Namen geändert, die Red.) einst Maschinenführer und Polier auf dem Bau, inzwischen Frührentner. Hedwig D., Haushälterin mit Vorliebe für Spielbanken. Klaus T., umtriebiger Notar und Rechtsanwalt. Hans A., geschäftstüchtiger Immobilienmakler. Und als tragische Figur: Ursula Kühling, eine an Alzheimer erkrankte Seniorin, Erbin des Millionenvermögens ihres Gatten Georg, der Gesellschafter und Geschäftsführer der Fürstlich von Bismarckschen Kornbrennerei war.

"Die Ursel und ich, wir haben uns geliebt"

Der „Spiegel“ hatte im Januar erstmals über den Fall berichtet, Rüdiger Camp einen „falschen Lebensgefährten“ genannt, der Ursula Kühling abgezockt habe. Falscher Lebensgefährte? Da fingert Camp gleich die nächste Zigarette aus der Schachtel. Eine „Unverschämtheit“ sei das, schnaubt er, „die Ursel und ich, wir haben uns geliebt“. Camp geht ins Wohnzimmer, holt einen vergilbten Block mit dem Aufdruck „Adolf Fette Holzeinfuhr“. Mit steiler Handschrift hat er auf Millimeterpapier seine Version der Geschichte notiert. Er beschreibt die Wanderung mit seinem Hund Ronnie an einem „herrlichen Sommertag im Juli 2007“ durch den „wunderschönen Sachsenwald“. Plötzlich sei der Terrier ausgebüxt, direkt zu einer Spaziergängerin, die sich so sehr über den Hund gefreut habe. Ursula Kühling. Und schon nach ein paar Minuten, schreibt Camp, „hatten wir das Gefühl, als würden wir uns schon lange kennen“.

Gleich am nächsten Tag das erste gemeinsame Essen beim Italiener in der Nähe. „Sie bestellte Scampis, ich ein Steak“, schreibt Camp. Selbstverständlich habe er, ganz Kavalier, die Rechnung übernommen. Fortan habe man sich oft gesehen, in Cafés, in Restaurants („sie hatte Seezunge, ich ein Steak“), schließlich der „erste Kuss auf die Wange“. Und „irgendwann“, schreibt Camp, „waren wir beide einer Meinung, dass wir uns gern haben“. Camp zieht ins Anwesen an dem Schlossteich, Ursula Kühling, sagt er, habe sich einsam gefühlt.

Über das, was sich dann in der Villa abspielt, wird später die Polizei unter Verzicht auf jede Poesiealben-Prosa festhalten, dass der Schlosser als neuer Schlossherr „die absolute Verfügungs- und Dispositionsfreiheit der Geschädigten Kühling erlangt“ habe. Camp habe mit krimineller Energie eine demenzkranke Millionärin ausgenommen. Selbst die Handwerkerrechnungen für die Renovierung des Hauses einer Verwandten seien aus dem Vermögen seiner Lebensgefährtin bezahlt worden. Am Ende habe er sogar Ursula Kühling überredet, ihr Testament zu ändern. Das Vermögen von rund acht Millionen Euro, bestehend aus Wertpapieren, Immobilien, Sparguthaben, Gold und Münzen, sollte nach ihrem Tod nicht mehr nur an die Evangelische Stiftung Alsterdorf, die Wichern-Gemeinschaft Reinbek und das SOS Kinderdorf fließen, sondern in großen Teilen an eine Verwandte von Camp.

Camp renovierte Mietshäuser, kaufte Immobilien

Camp streitet dies nicht ab, im Gegenteil. Im Detail erzählt er, wie er Mietshäuser renovierte („alles vom Feinsten“) und Immobilien kaufte. Nur: Dies sei alles mit dem Einverständnis von Ursula Kühling geschehen: „Wir waren zusammen fast jeden Tag auf der Baustelle.“ Sie habe dann darauf gedrungen, dass die Miete bezahlbar bleibe: „Schatzi, bitte mach es nicht so teuer.“

Der neue Hausherr, ausgestattet mit den entsprechenden Vollmachten seiner Lebensgefährtin, plante sogar ein Café auf dem Gelände, was die Bismarcks aber für keine gute Idee hielten. Camp bat Minister Klaus Schlie um Vermittlung. Der CDU-Politiker ließ sich durch das Anwesen führen, konnte aber in der Sache nicht weiterhelfen. Dennoch schenkte ihm Camp zum Abschied ein Fläschchen „Der Eiserne“, einen Magenbitter; er steht noch in Schlies Büro im Kieler Landtag.

Und die Änderung des Testaments zugunsten seiner Verwandten? Camp behauptet, „dass da so ein Zettel gelegen habe“. Aber Ursula Kühling habe dann darauf gedrungen, dass ihr letzter Wille neu aufgesetzt werden müsse. „Schatzi“, habe sie gesagt, „du musst abgesichert sein, wenn ich mal nicht mehr bin.“ Ursula Kühling habe ihn sogar heiraten wollen. „Aber ich habe nur gesagt: Wir sind doch auch ohne Trauschein glücklich.“ Daher habe man dann gemeinsam entschieden, dass eine Angehörige von Camp zwei Millionen Euro erben solle.

Die Abzocker-Vorwürfe treffen Camp so sehr, dass er sich noch eine Zigarette anstecken muss: „Das ist alles so ungerecht. In meinem ganzen Leben bin ich nur einmal straffällig geworden. Als junger Mann wegen Trunkenheit am Steuer. Ansonsten habe ich mir nie etwas zuschulden kommen lassen.“ Ja, mit den Konten sei das schon mal durchein­andergegangen: „Wir haben ja auch in einem eheähnlichen Verhältnis gelebt.“

Viel lieber redet Camp über die schönen Jahre am Schlossteich. Die Urlaube in Meran, die Ferien in Dubai, wo Camp den Rückflug auf eine andere Gesellschaft umbuchen ließ, weil auf dem Hinflug die Maschine „so was von geflattert“ habe. Und er schwärmt von den Ausflügen in die Schweiz, wo man in der Züricher Bahnhofstraße auch den teuren Bulgari-Ring erstand; das telefonisch zugeschaltete Bankhaus Merck überwies das Geld. Nur die Woche im Romantik-Hotel in Bad Harzburg im April 2010 hat Camp in denkbar schlechter Erinnerung: „Wir waren nach einem Spaziergang schon auf dem Rückweg in unser Hotel, als meine Ursel plötzlich meinte, dass wir zurückmüssen. Sie habe auf dem Wanderweg eine arme Frau gesehen, der müssten wir jetzt unbedingt Geld geben. Ich habe gesagt: ,Warte kurz, ich hole mir nur Zigaretten von der Rezeption.‘“

Die Ärzte diagnostizierten „schwere demenzielle Störung“ vom Alzheimer-Typ

Doch Ursula Kühling mochte nicht warten, sie stapfte mit 30.000 Euro in der Handtasche – reichlich Bargeld hatte sie oft dabei – allein in den Wald, verirrte sich völlig. Camp alarmierte die Polizei. „Ich bin fast verrückt geworden vor Angst“, sagt er. Erst nach zwei Tagen fand man Ursula Kühling völlig unterkühlt auf einer Waldlichtung. Im Krankenhaus in Goslar wurde sie wieder aufgepäppelt. In der Klinik offenbarte sich auch das gesundheitliche Drama um die Millionärin: Die Ärzte diagnostizierten „schwere demenzielle Störung“ vom Alzheimer-Typ. Ein Hausarzt hatte bereits 2007 den ersten Demenz-Verdacht geäußert. Camp bleibt jedoch dabei, dass seine Ursel gewusst habe, was sie tat: „Die ist noch lange Strecken Auto gefahren. Und sie wollte auch in finanziellen Angelegenheiten alles ganz genau wissen. Die war nicht plemplem.“

Wie weit war die Demenz fortgeschritten? Wann war Ursula Kühling nicht mehr geschäftsfähig? Fragen, die womöglich noch jahrelang Rechtsanwälte und Richter beschäftigen werden.

Am Schlossteich in Friedrichsruh spielen indes bis 2011 juristische Scharmützel gar keine Rolle. Ursula Kühling erholt sich von ihrem unfreiwilligen Harz-Abenteuer. Das Paar spaziert viel, tuckert mit einem von Camp für 17.000 Euro aus dem Kühling-Vermögen erstandenen Oldtimer durch Aumühle, spendet gelegentlich beträchtliche Summen. Mal 30.000 Euro an den TuS Wohltorf, mal 10.000 Euro an den Ratzeburger Ruderclub. Im Gegenzug dürfen die Gönner einen Vierer des Clubs mit einem Glas Sekt auf den Namen „Ursula Kühling“ taufen. Geld ist ja da. Camp sagt, dank Renten, Mieten und Wertpapiererträgen habe man über rund 25.000 Euro im Monat verfügen können: „Aber das haben wir nicht annähernd ausgeben. Ursel und ich haben nie protzig gelebt, keine Sterne-Restaurants und so. Wir wollten einfach nur unsere Ruhe.“ Man erfreut sich an sonnigen Tagen der schönen Rotbuchen, geht zumeist früh ins Bett und schaut wenig fern. „Krimis“, sagt Camp, „haben uns ohnehin nie interessiert.“

Bruder beantragt beim Amtsgericht Reinbek eine amtliche Betreuung

Einen Krimi wird er dennoch erleben. Alles beginnt damit, dass eines Morgens Detlef B., der jüngere Bruder von Ursula Kühling aus dem Rheinland, in der Tür steht. Bis dahin, sagt Camp, habe er nur einmal mit B. telefonisch Kontakt gehabt: „Da hat der mich doch glatt gefragt, ob ich der Glaser bin.“ Dennoch holt Camp Brötchen für ein gemeinsames Frühstück. Als er zurückkehrt, steht nach seiner Darstellung der Bruder schon wieder vor der Haustür, nebst Koffer. Die Ursel, behauptet Camp, habe ihren Bruder rausgeschmissen, weil sie ihn nie leiden konnte.

Detlef B. selbst stellt die Lage gänzlich anders gar. Das Verhältnis zu seiner Schwester sei zwar nicht innig gewesen, aber in Ordnung. Erst durch den Lebensgefährten sei der Streit entbrannt, Camp habe seine Schwester regelrecht vor ihm abgeschirmt, sie bevormundet. Aus Sorge, dass Camp seine demenzkranke Schwester ausnehme, habe er beim Amtsgericht Reinbek eine amtliche Betreuung beantragt.

Dieser Antrag verändert das beschauliche Leben am Schlossteich. „Camp hatte Angst, dass er durch die Bestellung eines gesetzlichen Betreuers den Zugriff auf das Vermögen von Frau K. verlieren könnte“, wird später im Urteil des Landgerichts Lübeck stehen. Deshalb habe er sie vor einem Notar „eine Generalvollmacht, eine Vorsorgevollmacht sowie eine Betreuungsverfügung unterschreiben lassen“.

Camp dagegen behauptet, ihm sei es allein um seine Ursel gegangen. Die habe eine Betreuung strikt abgelehnt. Und in der Tat sagte sie bei einer Demenzuntersuchung im Universitätsklinikum Eppendorf im Jahr 2010, dass sie sich durch ihren Bruder bedrängt fühle. Im Untersuchungsbericht heißt es: „Die Patientin vertrat die Auffassung, dass es bei diesem Betreuungsvorhaben des Bruders weniger um ihre Person als vielmehr um ihr Vermögen ginge, da sie kinderlos geblieben und der Bruder demnach allein erbberechtigt sei.“ Wirklich ihre Überzeugung? Oder hat Camp ihr dies Tag für Tag eingebläut? Niemand wird dies mehr klären können.

Stiftung gut, alles gut?

Auf jeden Fall braucht Camp eine Lösung – und findet sie schließlich in einem Gespräch mit einem Banker, der seit Jahren einen Teil des Vermögens verwaltet und Ursula Kühling gern mit Orchideen beglückt, ihren Lieblingsblumen. Der Banker rät, eine Stiftung zu gründen, dort sei das Geld vor dem Zugriff eines Betreuers sicher. Und zufällig kenne er einen spezialisierten Juristen.

Ein paar Tage später steuern Kühling und Camp mit ihrem BMW eine Kanzlei in der Hamburger Innenstadt an. Nach ausführlichen Beratungen entscheidet das Paar, 4,2 Millionen Euro in eine Stiftung für die Förderung des Box- und Rudersports zu investieren. Vereinbart wird ein sogenanntes Nießbrauchsrecht für Ursula Kühling, zugesichert werden ihr 120.000 Euro im Jahr. Und auch „Schatzi“ Camp wird bedacht: Nach dem Tod von Ursula Kühling soll er monatlich 3000 Euro erhalten.

Stiftung gut, alles gut? Nein, stattdessen entwickelt sich die Romanze vom Sachsenwald zum veritablen Millionenkrimi, in dem eine Haushälterin zur Schlüsselfigur wird: Hedwig D., die Camp im Oktober 2010 eingestellt hatte. „Mein größer Fehler“, sagt Camp heute aufgebracht. Hedwig D. sei ihm empfohlen worden von einer Mitarbeiterin der Bismarcks. Camp baut für die neue Angestellte Stallungen zu einem Apartment um („allein das hat 80.000 Euro gekostet“), kauft ihr – natürlich von Kühlings Geld – einen Ford Fiesta. Als er nach einem Jahr auf den Tacho schaut, ist er schockiert: „30.000 Kilometer. Die ist mehr gefahren als ich in meiner Zeit als Handelsvertreter.“

Camp glaubt bald zu wissen, wohin es die Haushälterin so oft zieht: in die 50 Kilometer entfernte Spielbank in Hittfeld. Irgendwann habe die Mittfünfzigerin ihm gesagt, dass sie dort jemanden kennengelernt habe. Hans A., einen Immobilienmakler, der dringend 300.000 Euro für ein großes Geschäft brauche. Ob der Chef da helfen könne? Camp lässt sich zu einem ersten Gespräch breitschlagen („das Wetter war schön, wir hatten nichts anderes vor“), bläst dann aber den Deal ab: „Ich habe zu Ursel gesagt: Mein Schatz, warum sollen wir uns damit belasten?“

Camp kann nicht wissen, dass er sehr bald alles verlieren wird. Der Notar jedenfalls lässt sich eine Vorsorgevollmacht ausstellen, wohl vermittelt durch Haushälterin Hedwig D. Ursula Kühlings Alzheimer-Krankheit ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass sie jedes vorgelegte Schriftstück unterzeichnet.

Mit dieser Vollmacht trickst der Notar das Amtsgericht in Reinbek aus: Ausgerechnet er wird zum amtlichen Betreuer ernannt. Der Fehler sei passiert, räumt man heute in Reinbek zerknirscht ein, weil man sich darauf verlassen habe, dass ein Notar als hoch angesehenes Organ der Rechtspflege schon keine krummen Dinger drehen werde.

Die Operation „feindliche Übernahme“ startet

Am Morgen des 12. Mai 2012 – Ursula Kühlings mondän gefeierter 75. Geburtstag liegt noch nicht einmal ein Jahr zurück – startet die Operation „feindliche Übernahme“. Zwei Männer klingeln an der Villa, geben sich als Kriminalbeamte aus und erklären Camp, dass wegen Betruges gegen ihn ermittelt werde. Er müsse sie sofort zur Sparkasse in Lauenburg begleiten und ihnen den Inhalt des dortigen Schließfachs übergeben. Dann könne man über alles reden.

Camp, völlig konsterniert, tut alles wie befohlen, händigt rund 60.000 Euro in bar, Goldbarren sowie kostbare Münzen an die vermeintlichen Beamten aus. Als das Duo ihn wieder am Schlossteich abliefert, steht ein Anwalt vor der Tür, zeigt Camp ein von Frau Kühling unterschriebenes Schriftstück, wonach er sich dem Anwesen nicht mehr nähern dürfe. Man habe der Millionärin soeben erklärt, dass er ein Betrüger sei, sie wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben. Der Anwalt drückt Camp einen Koffer mit seiner Kleidung in die Hand und sagt, er möge jetzt verschwinden.

Camp sucht sich in der Nähe ein Hotel: „Ich war fertig mit der Welt.“ Erst jetzt wird ihm klar, dass man ihn hereingelegt hat. Die Polizisten waren gar keine, sondern angeheuerte Kriminelle aus dem Hamburger Rotlichtmilieu. Nur der Anwalt war echt; angeheuert, um Ursula Kühling in Camps kurzer Abwesenheit davon zu überzeugen, dass sie ihn als Heiratsschwindler ein für alle Mal aus ihrem Leben streichen solle. Schwer dürfte das angesichts ihrer weit fortgeschrittenen Demenz nicht gewesen sein.

Camp darf sich dem Anwesen nicht mehr nähern

Nach einer schlaflosen Nacht ruft Camps seine Schwester an, die mit ihrem Lebensgefährten Günter Z., einem Frührentner, im benachbarten Trittau lebt. „Mein Bruder war so aufgelöst, ich habe erst gedacht, es ist was mit Frau Kühling passiert“, sagt sie. Sie holt ihn ab, quartiert ihn im Gästezimmer ein. Camp will zur Polizei, seine Gegenspieler anzeigen, aber er hat ja nicht mal einen Pass, der liegt noch in der Villa, die er nicht mehr betreten darf. Er beschwert sich beim Betreuungsamt, behauptet, dass der Notar ein Krimineller sei. „Doch die haben mir nur gesagt: ,Herr Camp, wollen Sie uns drohen?‘“

Fast jeden Tag fährt Camp mit Günter Z. Richtung Schlossteich. Ebenso regelmäßig rückt die von der Haushälterin alarmierte Polizei an; die Beamten erinnern Rüdiger Camp freundlich, aber bestimmt daran, dass er sich von seiner Lebensgefährtin fernzuhalten habe. Auf das Anwesen wären sie eh nicht mehr gekommen. „Die hatten dort einen Wachdienst mit 20.000 Jahren Knast eingerichtet“, behauptet Günter Z.

Ein paar Wochen später rückt die Rotlicht-Gang jedoch wieder ab, überlässt Ursula Kühling der Obhut der Haushälterin. Camp und Günter Z. wittern eine Chance, doch noch einmal in die Villa zu gelangen. Sie verstecken sich hinter einer Hecke, lassen einen Bekannten klingeln und ein vereinbartes Sprüchlein aufsagen: „Ich habe einen Brief der Bismarcks.“

Die Haushälterin öffnet, Ursula Kühling lugt aus dem Fenster, Rüdiger Camp stürmt voran. „Meine Ursel hat nur ‚Schatzi‘ gerufen, da bin ich sofort zu ihr hin.“ Nur aus dem Augenwinkel will Camp wahrgenommen haben, dass sein Komplize mit einer Schreckschusspistole auf die Haushälterin losgeht: „Ich ahn doch nicht, dass der eine Waffe mitnimmt.“ Der kühne Plan: Die bedrohte, mit einem Gürtel gefesselte Haushälterin soll handschriftlich ihre Kündigung aufsetzen und auch unterschreiben, dass sie auf alle Ansprüche verzichtet und sofort die Villa verlässt. Eine Mieterin im Obergeschoss hört jedoch die Hilfeschreie, alarmiert die Polizei, die beide Männer festnimmt.

Nicht nur wegen des Überfall-Desasters ist Camp bedient.: „Die hatten alles zu Geld gemacht, was nicht niet- und nagelfest war. Möbel, Teppiche, Bilder, Schmuck, alles war weg.“

Der Notar, der Makler und die Haushälterin ändern ihre Strategie. Sie verfrachten Ursula Kühling nach Ashausen, einen Ortsteil der Gemeinde Stelle im Landkreis Harburg, und quartieren die demente Frau bei der Lebensgefährtin des Maklers ein, die für „betreutes Wohnen“ monatlich 4000 Euro kassiert. Den Tag verbringt Ursula Kühling, der es immer schlechter geht, in einer Tagespflegeeinrichtung; auch dies wird aus ihrem Vermögen finanziert.

Das Amtsgericht wird misstrauisch

Doch dann begeht der Notar einen entscheidenden Fehler. Unerfahren in Betreuungsangelegenheiten, lässt er offenbar Fristen zur vorgeschriebenen Angabe der Vermögensverhältnisse der Betreuten verstreichen. Das Amtsgericht wird misstrauisch, prüft genauer – und bestellt einen neuen Betreuer aus Lüneburg mit exzellentem Ruf und langer Berufserfahrung; wahrscheinlich die erste zentrale Figur im Sachsenwald-Krimi, der es ausschließlich um das Wohlergehen von Ursula Kühling geht.

Wenige Recherchen genügen ihm, um die dramatische Situation zu erkennen. Da er um das Leben von Ursula Kühling fürchtet, holt er sie aus dem „betreuten Wohnen“ heraus und bringt sie im April 2013 in einem guten Pflegeheim in Reinbek unter. Dort stirbt Ursula Kühling an 19. Mai 2015 an einer Lungenentzündung, eine häufige Todesursache bei Demenz. Der Bruder kommt zur Trauerfeier, im kleinen Kreis wird sie auf dem Waldfriedhof Aumühle beerdigt.

Die Ermittlungen der Lübecker Staatsanwaltschaft laufen zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre. Im Fokus stehen zunächst Rüdiger Camp und Günter Z. Beide werden im Oktober 2015 wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung und Untreue rechtskräftig verurteilt, Camp zu zwei Jahren und neun Monaten, Komplize Günter Z. zu zwei Jahren und sechs Monaten. Er musste Ende Juli seine Strafe in Lübeck antreten. Camp hofft noch, dass seinem Antrag auf Haftverschonung aus gesundheitlichen Gründen stattgegeben wird.

Notar Heinz W. wirbt im Internet unterdessen weiter mit dem Slogan „Sicherheit in allen Lebenslagen“. Auf Abendblatt-Anfrage erklärt er, er sehe sich „leider schon aufgrund meiner Verschwiegenheitsverpflichtung außerstande, Ihnen bei Ihrer Recherche behilflich zu sein“. Bald wird er sich mit Makler Hans A. vor dem Lübecker Landgericht verantworten müssen: Die Staatsanwaltschaft hat beide wegen Betrugs in einem besonders schweren Fall angeklagt. Auch gegen Haushälterin Hedwig D. laufen Ermittlungen.

„Die haben meine Ursel in den Tod gehetzt. Und mich haben sie todkrank gemacht“, klagt Camp. Er deutet auf das Pillendöschen in seiner Küche. Jeden Tag müsse er Tabletten nehmen, gegen das Herzleiden, gegen die Folgen seiner Lungenkrebserkrankung: „Ich denke oft, ob ich mir nicht den Strick nehmen soll.“ Ein paar Minuten später gibt er sich wieder kämpferisch: „Ich gehe ins Fernsehen.“ Dort werde er die Wahrheit über den Notar, den Makler und vor allem über Haushälterin Hedwig D. ausbreiten, über diese „ganze Bande“, die ihn vernichtet habe. Finanziell sei seine Lage so angespannt, dass er sich die Anwälte kaum leisten könne. Nie habe er Vorkehrungen für sich getroffen, auch von der erhofften monatlichen 3000-Euro-Apanage aus der Stiftung habe er noch nicht einen Cent gesehen.

Das Opferbild, das Rüdiger Camp so gern von sich zeichnet, bekommt indes bei eingehender Lektüre des Lübecker Urteils Risse. Auf 29 Seiten beschreiben die Richter, wie Camp von 2008 an immer mehr Macht am Schlossteich zu Friedrichsruh gewann. So habe er 200.000 Euro am 9. Juni 2009 vom Konto seiner Lebensgefährtin auf sein eigenes Konto überwiesen, drei Monate später 20.000 Euro an Günter Z. Eine Generalvollmacht zu seinen Gunsten habe er rückdatiert, als sich die Ärzte im Goslarer Krankenhaus weigerten, ihm Ursula Kühling anzuvertrauen.

Ist Camp also doch nur ein mieser Betrüger, der eine demenzkranke Frau abgezockt hat? Der, wie Hedwig D. vor Gericht aussagte, nie widersprach, wenn Ursula Kühling ihn mit „Georg“ ansprach, dem Namen ihres verstorbenen Mannes? Oder war es doch Liebe, wie Camp beteuert? „Alle zwei Wochen haben wir die Teppiche beiseitegeräumt und getanzt.“ In Aumühle hätten viele ihn gefragt: Ihr passt so gut zusammen, warum heiratet ihr nicht? Landtagspräsident Schlie sagt wie Mitglieder des Ratzeburger Ruderclubs, dass das Paar sehr harmonisch gewirkt habe.

Womöglich taugt der Sachsenwald-Krimi an dieser Stelle einfach nicht für das klassische Gut-böse-Raster. Vielleicht hat ein alleinlebender gelernter Schlosser mit einer Rente von knapp 500 Euro schlicht von einem besseren Leben geträumt. An der Seite einer Frau mit Geld und Ansehen. Mit Reisen in die Schweiz, mit Festen bei den Bismarcks. Hofiert von Bankern, geschätzt als Mäzen. Vielleicht wollte er sich wieder fühlen wie in den 1960er-Jahren, als er in seiner Winterhuder Kneipe Landsknecht mit Wirtschaftsgrößen wie Verleger John Jahr auf Du und Du war. Jahr, sagt Camp, habe ihm sogar einen Job als Empfangschef in der neuen Spielbank im Interconti geben wollen. „Rüdiger“, habe Jahr gesagt, „du musst das machen, du kannst so gut schnacken.“

Aus dem Job wurde nichts, stattdessen schlitterte er mit einer kleinen Firma für Fensterdichtungen in die Insolvenz. Aber wäre Camp wirklich ein abgewichster Betrüger, hätte er dann die Überweisungsaufträge zu seinem Gunsten von einem Mitarbeiter der Sparkasse ausfüllen lassen? Oder einen so stümperhaften Überfall auf die Villa verübt?

Mit dem Abendblatt-Reporter fährt er noch zum Waldfriedhof in Aumühle. „Dort haben sie meine Ursel einfach verscharrt“, klagt Camp und zeigt auf die Familien-Grabstelle. Sie ist mit Unkraut überwuchert; den Schriftzug „Kühling“ auf dem Denkmal kann man kaum entziffern. Für die letzte Ruhe der Millionärin von Friedrichsruh war kein Geld mehr da.

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