Umstrittener Prediger

Streit um Gülen spaltet Türken in Hamburg

Auch in deutschen Großstädten wie Hamburg gingen viele Türken nach dem Putschversuch auf die Straße, um für Präsident Erdogan zu demonstrieren

Auch in deutschen Großstädten wie Hamburg gingen viele Türken nach dem Putschversuch auf die Straße, um für Präsident Erdogan zu demonstrieren

Foto: picture alliance

Rund 5000 der 92.000 türkischstämmigen Einwohner gelten als Anhänger des umstrittenen Predigers.

Hamburg.  Okan Türkyılmaz wählt seine Worte mit Bedacht. Gerade in diesen Zeiten, sagt er, schlagen die Wogen schnell hoch. Der 40-Jährige ist Vorsitzender des Vereins Forum Dialog mit Sitz in Rotherbaum. Die Leitfigur: der umstrittene Prediger Fethullah Gülen.

Bislang hat der Verein 45 Mitglieder in Hamburg verloren, die meisten von ihnen nach dem Putschversuch in der Türkei. „Aus Angst“, vermutet Türkyılmaz. „Viele haben ja noch Familien in der Türkei und fürchten, dass sie als Mitglied einer Gülen-nahen Organisation Probleme bekommen.“ Andere feinden den Verein offen an und beschimpfen Mitglieder als Volksverräter.

Nach dem gescheiterten Putsch gegen den türkischen Präsidenten Erdogan hat sich der Ton unter den Türken in Hamburg gravierend verschärft. Die Konflikte gehen quer durch die Gemeinschaft der 92.000 türkischstämmigen Hamburger und fast 47.000 türkischen Staatsangehörigen. Und sie sind Anlass für die Senatskanzlei, für Besonnenheit und „sachlichen Dialog“ zu werben.

Dabei trägt die Rolle des muslimischen Predigers Gülen erheblich zum Streit bei. Seine Bewegung mit schätzungsweise 5000 Anhängern in Hamburg und Umgebung wird derzeit zwar nicht vom Verfassungsschutz beobachtet, aber die Behörde werde die weitere Entwicklung „aufmerksam verfolgen“, hieß es.

Bei der Einschätzung des Gülen-Netzwerks gehen die Meinungen aus­ein­ander. Während die einen darin eine Bildungsorganisation sehen, bezeichnet Cansu Özdemir, Linken-Abgeordnete der Bürgerschaft, sie als „weltweit vernetzte und gefährliche islamische Sekte“. Die Politikerin sagte dem Abendblatt: „Aus Bergedorf und Harburg wurden mir Fälle gemeldet, dass Frauen aus der Gülen-Bewegung als aggressive Re­krutiererinnen unterwegs waren, um Frauen und Kinder zu mobilisieren.“

Ähnlich sieht es der aus Istanbul stammende Gerichtsdolmetscher Mesut Sipahi, Mitglied des Abendblatt-Leserbeirats. Die Gülen-Bewegung verfüge über „ähnliche Strukturen wie Scientology“. Für Hamburg gebe es einen „Gebietsverantwortlichen“, der als „Imam für Hamburg“ bezeichnet werde. Die Mitglieder der „Zellen“ erfüllten unterschiedliche Aufgaben, darunter die Mitarbeit in Gewerkschaften, Vereinen und politischen Parteien.

Es ist nicht ganz leicht, Orte, Vereine oder Treffpunkte ausfindig zu machen, die mit der Gülen-Bewegung in Verbindung stehen. Dem privaten Alsterring-Gymnasium wird schon seit Jahren eine große Nähe nachgesagt. Im Trägerverein, dem Alsterbildungsring, sind einige der Gründungsmitglieder Gülen-Anhänger, wie ein Mitarbeiter der Schule bestätigt.

„Die Lehren Gülens haben keinen Einfluss auf den Lehrplan, auch Geld bekommen wir von der Bewegung nicht, sondern ausschließlich durch staatliche Zuschüsse und die Schulgelder der Eltern. Die Gesinnung der Lehrer spielt zudem hier keine Rolle“, sagt der Mitarbeiter weiter. Auch nicht muslimische Lehrer seien an der Schule tätig. Von den 109 Schülern an der Schule hätten rund 90 Prozent einen Migrationshintergrund, die meisten sind türkischstämmig.

Weiter gibt es in Hamburg den Verein „Kraft der Toleranz“ in Altona – ein Netzwerk von Frauen aus unterschiedlichen Kulturen und Nationen. Thematisiert wurde die Nähe zur Gülen-Bewegung unter anderem im Ausschuss für Kultur und Bildung der Bezirksversammlung Altona. In einem Wortprotokoll heißt es, dass zwei Vereinsmitglieder auf Nachfrage mitgeteilt hätten, dass der Verein Mitglieder habe, die der Gülen-Bewegung nahestünden.

In einer Senatsantwort auf eine schriftliche Kleine Anfrage des AfD-Abgeordneten Jörn Kruse heißt es zwar, dass den Behörden „keine Erkenntnisse“ über Einrichtungen in Hamburg vorlägen, die eine Aussage der Zugehörigkeit zur Gülen-Bewegung zuließen. Nicht auszuschließen sei aber, dass sich Hinweise auf die Bewegung im jeweiligen Vereinszweck fänden, so der Senat.

CDU hat kein Verständnis für türkische Konflikte in der Stadt

Dass muslimische Netzwerke wie die Gülen-Bewegung Einfluss auf Menschen und Institutionen in Hamburg nehmen könnten, betrachten Politiker mit Sorge. „Das gilt insbesondere da, wo sie mit Bildungsangeboten an junge Menschen herantreten wie beim Alsterring-Gymnasium“, sagt die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Karin Prien. Der Senat müsse deutlich machen, dass es für innertürkische Konflikte in Hamburg wenig Verständnis gebe. Sie hätten in Deutschland nichts zu suchen und behinderten die Integration in die Stadtgesellschaft.

Dabei gerät eine weitere Organisation ins Visier, die eine Gegenspielerin der Gülen-Bewegung ist: die staatstreue Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib). Längst wird Ditib, mit dem der Senat einen Staatsvertrag abgeschlossen hat, nachgesagt, dass die Gehälter der Imame direkt oder indirekt vom türkischen Staat gezahlt werden. Ditib gilt als „langer Arm Erdogans“. Als Reaktion auf diese Debatte hat Niedersachsens rot-grüne Landesregierung jetzt den unterschriftsreifen Islamvertrag vorerst gestoppt.

In Hamburg wird als Konsequenz aus dem Staatsvertrag seit Monaten die Mitarbeit muslimischer Gemeinschaften am Religionsunterricht getestet. Auch gegen diese Kooperation gibt es erste Bedenken. „Ob und wie Ditib in dem Bereich Verantwortung übernimmt, werden wir dann neu bewerten“, sagte der Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete Murat Gözay. Und FDP-Fraktionsvize Anna von Treuenfels-Frowein betont: „Der türkische Staat darf keinesfalls über den verlängerten Arm der Ditib Einfluss auf den Schulunterricht in Hamburg gewinnen.“

Ob Ditib oder Gülen-Bewegung – Religionsexperten wie der Islambeauftragte des Erzbistums Hamburg, Pater Richard Nennstiel, betrachten die „Politisierung religiöser Richtungen“ und das hohe Maß an Emotionalität mit Sorge und bekunden – wie die evangelische Kirche – ihre Dialogbereitschaft mit Ditib. Die türkische Gemeinschaft in Hamburg müsse ihre Konflikte friedlich lösen, betont der Pater.