Hamburg

Wilhelmsburgerin verliebt in einen Mörder der Mafia

Caterina B. hofft,
ihren früheren Verlobten
bald im Gefängnis
besuchen zu
dürfen

Caterina B. hofft, ihren früheren Verlobten bald im Gefängnis besuchen zu dürfen

Foto: Andreas Laible / HA

Giuseppe Grassonelli ist ein geständiger Mörder der Mafia. Seine ehemalige Verlobte hält jedoch weiterhin zu ihm.

Hamburg. Das letzte Mal sah ich ihn im Haus seiner Eltern in Porto Empedocle, da war er schon untergetaucht. Giuseppe war mit einem Motorrad gekommen, mitten in der Nacht, und er nahm mich so fest in die Arme, dass ich kaum Luft kriegte. Doch er sagte mir, dass ich nach Hause fahren müsse, zurück nach Hamburg, denn Sizilien sei für mich jetzt zu gefährlich geworden.“

Damals, im Jahre 1991, war Caterina B. 27 Jahre alt, aber wenn sie heute von dieser – vorerst – letzten Begegnung mit Giuseppe Grassonelli erzählt, legt sich plötzlich ein leichter Schimmer über ihre Augen, so als ob sie diesen schmerzlichen Moment des Abschieds von ihrem Verlobten gerade wieder durchlebt. Das ist schon mal erstaunlich, weil sie mit Giuseppe Grassonelli erst seit knapp zwei Jahren wieder Kontakt hat, doch es ist umso erstaunlicher, denn Giuseppe Grassonelli ist ein mehrfacher Mörder. Ein Mafiakiller, verurteilt zu lebenslangem Zuchthaus, und in seinem speziellen Fall ist dies nach geltendem italienischen Recht wörtlich zu nehmen: ein Leben lang. Denn im Gegensatz zu zahlreichen anderen, bereits abgeurteilten Mitgliedern des organisierten Verbrechens hatte Grassonelli als einer der wenigen „Ehrenmänner“ den Ermittlern gegenüber geschwiegen und war daraufhin in den zweifelhaften Genuss des sogenannten ergastolo ostativo gekommen. Diese spezielle Haftstrafe des italienischen Justizsystems ist aus­schließlich für Mafiosi und Drogenhändler vorgesehen. Es geht dabei um psychologischen Druck: Die Verhafteten respektive Angeklagten sollen wissen, dass sie jetzt nur noch die Wahl zwischen der Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden oder einer Haftstrafe haben, die erst mit dem Tod endet.

Den anderen Weg wählte Giovanni Brusca, der nach eigener Aussage „mindestens 100, aber weniger als 200 Morde“ begangen hat; der am 23. Mai 1992 in der Nähe von Palermo den prominenten Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, dessen Ehefrau und drei Leibwächter in die Luft sprengte. Er ist schon lange Freigänger.

Die harte Praxis, die Grassonelli erfährt, wird vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte längst angeprangert; jüngst hat sogar Papst Franziskus diese Strafe kritisiert. Klar, dass Caterina erst recht von einer „schreienden Ungerechtigkeit“ spricht. Sie verweist empört auf die Tatsache, dass Giuseppe Grassonelli seit 24 Jahren im Gefängnis auf einen Freigang wartet. „Ihr“ Giuseppe, der kürzlich nach Mailand verlegt wurde; der Killer, der hinter Gittern zum preisgekrönten Buchautor wurde – und der ein Literatur- sowie ein Philosophie-Fernstudium mit Bestnote abgeschlossen hat. Schwerpunkte: Nietzsche und Hegel.

Wir sitzen unter der Markise des „Don Matteo“, einer schummerigen Trattoria in der Veringstraße im Herzen von Wilhelmsburg, die von zwei ihrer Schwestern betrieben wird (insgesamt hat Caterina fünf Geschwister); sie selbst hat sich jedoch wegen ihres kränkelnden Herzens aus dem Gastronomiegeschäft zurückgezogen. Dennoch raucht sie eine Zigarette.

Man könnte leicht auf den Gedanken kommen, hier handele es sich um eine vom Leben mehr oder weniger enttäuschte Frau, die ihr Seelenheil in der Liebe zu einem verurteilten Straftäter sucht; um eine Frau mit Helfersyndrom, aber damit täte man ihr vermutlich unrecht. Denn sie sieht die jetzige Situation differenzierter, und überhaupt sei es ja Giuseppe Grassonelli selbst gewesen, der den Kontakt zu ihr niemals habe so richtig abreißen lassen.

Anfangs erhielt sie zwar nur sporadisch Postkarten von ihm, ohne Text, aber dann meldete sich eines Tages ein italienischer Journalist in der Trattoria. Das war Carmelo Sardo, der Co-Autor der Grassonelli-Biografie „Malerba“ („Das Unkraut“, der Titel der deutschen Ausgabe, erschienen bei Bastei-Lübbe, lautet „Rache an Cosa Nostra“), der sie um ein Interview für einen Dokumentarfilm bat. Caterina willigte ein und erfuhr dann, dass Grassonelli für sein Buch den angesehenen „Premio Sciascia“ erhalten hatte, einen Literaturpreis, der in Erinnerung an den mafiakritischen Schriftsteller Leonardo Sciascia vergeben wird. Und dass sie selbst ein wichtiger Teil dieses Buches ist.

Kurze Zeit nach dem Interview traf die deutsche Ausgabe per Post aus Italien in der Veringstraße ein, darin eine Widmung des Autors in gestochen klarer Handschrift: „Ich habe dich damals so fest umarmt, weil ich dich ins Gefängnis mitnehmen wollte.“ Sie schrieb ihm daraufhin einen langen Brief, der viele Fragen enthielt. In seiner prompten Antwort brachte er erneut die heftige Umarmung aus dem Jahre 1991 ins Spiel: „Wie kann ich dich vergessen: Unsere letzte Umarmung spüre ich jetzt noch auf der Haut!“ Inzwischen schreiben sie sich regelmäßig, und Caterina hat begonnen, mit ihren Mitteln für den Geliebten zu kämpfen. „Denn ich kann schließlich die ganze Geschichte beurteilen. Giuseppe hatte im Grunde keine Chance, den ihm vorgegebenen Weg zu verlassen. Von den Carabinieri konnte er keine Hilfe erwarten, obwohl er als Überlebender eines Anschlags erst recht auf der Abschussliste der Cosa Nostra stand. Er musste seine Familie beschützen und sich selbst – er musste seine Feinde töten, bevor sie ihm nach seinem Leben trachten konnten.“ So sieht sie es.

Doch es ist jedoch keineswegs so, dass Caterina die Verbrechen ihres damaligen Verlobten verharmlost oder gar abstreitet. Aber sie hat erst viel später verstanden, dass Giuseppe Grassonelli sich damals für die junge Frau verantwortlich fühlte, die – obwohl selbst Sizilianerin, vielleicht ein bisschen naiv, vermutlich auch ein wenig die Augen vor der Wirklichkeit verschließend, also verliebt eben – das Pech hatte, ihren Zukünftigen an einen Krieg zu verlieren, der am 21. September 1986 mit dem „Porto Empedocle-Massaker“ ausgelöst worden war; dem bis heute „blutigsten Mafiakrieg“ in der Geschichte Italiens, dem etwa 300 bis 400 Menschen pro Jahr zum Opfer fallen sollten.

Doch der Reihe nach: Caterina B. und Giuseppe Grassonelli stammen beide aus dem Süden Siziliens, aus der Provinz Agrigent. Dort aber hatten sie sich nie getroffen, denn Caterina war in Rom geboren worden, wohin ihre Eltern Anfang der 60er-Jahre auf der Suche nach Arbeit gezogen waren. Rom war jedoch nur eine Zwischenstation: 1971 kam die Familie nach Hamburg, die Eltern arbeiteten fortan beide bei der Bundesbahn. Caterina machte nach der Schule eine Lehre als Großhandelskauffrau, arbeitete dann in einem Reisebüro und viele Jahre als Servicekraft im Hotel Elysee, bevor sie 2009 ins Wilhelmsburger Familienrestaurant einstieg.

Genau 20 Jahre zuvor hatte sie hier in Hamburg ihren Landsmann Giuseppe Grassonelli getroffen, der sich rasch in die rassige Sizilianerin verguckt hatte, die ihren Eltern wenig Freude machte. Denn Caterina hielt nicht viel von der Einhaltung der restriktiven Traditionen, was von einer heiratsfähigen Sizilianerin erwartet wird, sondern sie lebte ein, sagen wir mal, flotteres Leben. Sie bekam eine uneheliche Tochter mit einem deutschen Mann, „aber diese Beziehung bröckelte schon damals eigentlich ständig“, sagt sie heute.

In Hamburg zockte er naive Opfer beim Poker ab

Giuseppe Grassonelli hatte da bereits ebenfalls mehrere Jahre in Hamburg verbracht. Der hübsche junge Kerl hatte sich früh für die klassische Karriere eines Kriminellen entschieden. Es war ihm und seinen Freunden einfach zu langweilig gewesen in Porto Empedocle. „Wir klauten alles, was nicht niet- und nagelfest war. Nicht weil wir es haben wollten, einfach so. Eines Tages beobachteten wir, wie ein Eiswagen vor dem Lebensmittelgeschäft stehen blieb. Der Fahrer stieg aus. Ein Blick genügte, wir sprangen in den Wagen und brausten mitsamt der Ladung davon“, schreibt er in seiner Biografie, in der er sich das Pseudonym Antonio Brasso gegeben hat, unter dem er ein paar Jahre später einen Rachefeldzug gegen die Cosa Nostra entfesseln sollte.

1982 war er, gerade mal 16 Jahre alt, nach einem Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft von Sizilien in die Hansestadt geflüchtet und kam bei Landsleuten unter, die dem Reeperbahn-Milieu nahestanden. Er erlag rasch den Verlockungen des schnellen Geldes, das man nicht ehrlich erarbeiten muss, entdeckte seine Fähigkeiten als Falschspieler und zockte bereits mit gerade mal 18 Jahren in den illegalen Spielclubs rund um die sündige Meile um sechsstellige Summen. Er galt als Naturtalent, ebenso skrupellos wie psychologisch geschickt, das es meisterhaft verstand, am Spieltisch den besoffenen Deppen zu mimen. „Ich wusste, dass ich nicht mehr als ein Schmarotzer war, ein erbarmungsloser Blutsauger, doch ich dachte mir: Was soll’s? Wenn dieser Trottel nicht von mir ausgenommen worden wäre, hätte es ein anderer getan“, schreibt er, „außerdem war Glücksspiel mein Job, ich lebte davon. .Finde dich damit ab‘, war mein Mantra, um mein Gewissen zu beruhigen. Ich kaufte mir bald einen Porsche 911 Targa.“

Sex, Glücksspiel, Sauna, Massagen, Sonnenbank hießen die Zutaten seines Lebens auf der Überholspur, das jedoch während eines Heimaturlaubs am 21. September 1986 jäh in einer Blutspur vor der Bar „Albanese“ in Porto Empedocle endete: „Überall lagen leblose Körper in seltsamen Posen am Boden. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Dann fiel mein Blick auf eine zerbrochene Brille. Es war die Brille meines Großvaters. Mein über alles geliebter Großvater lag mit weit aufgerissenen Augen auf dem Straßenpflaster (…) Ich blickte auf und erkannte an einer Straßenecke auch meinen Onkel (…) Wenige Meter entfernt erblickte ich dann noch meinen Cousin. Er war regelrecht von Kugeln durchsiebt, und ich konnte ihn nur an der Uhr, die ich ihm geschenkt hatte, identifizieren.“ Das Massaker mit sechs Toten, das Giuseppe Grassonelli mit einer Kugel im Fuß versteckt unter einem Auto überlebt hatte, war die Vergeltung des Messina-Clans gewesen, dessen Oberhaupt am 8. Juli 1986 von der Grassonelli-Familie ermordet worden war. „Erst jetzt begriff Giuseppe, dass seine Familie auch zur ehrenwerten Gesellschaft gehörte“, sagt Caterina, und was die nun von ihm erwartete, sei ja wohl klar: Blutrache. „Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als in den Krieg der rivalisierenden Clans zu ziehen.“

In den folgenden drei Jahren „kümmerte“ Giuseppe Grassonelli sich daher um eine bis heute unbekannte Zahl von Mitgliedern der Cosa Nostra. Als man ihn später im Prozess fragte, wie viele Morde er denn nun begangen hätte, wurde er einsilbig: „Es waren viele. Sehr viele. Bitte zwingen Sie mich nicht dazu, es auszusprechen. Ich steckte in einer Mühle, denn die Verwandten meiner Opfer hatten ebenfalls Rache geschworen. Als ich einmal damit angefangen hatte, musste ich weitertöten (…) Das Muster, nach dem ich arbeitete, war simpel: Die Feinde meiner Feinde waren meine Freunde.“

In dieser Zeit kehrte er immer wieder zurück nach Hamburg, wo er sich einigermaßen sicher fühlte; wo er weiterhin viel Geld mit den Pokerkarten verdiente, mit denen er jetzt aber auch seine Waffen und seine „Missionen“ finanzierte – und wo er 1989 die schöne Caterina eher zufällig kennenlernte, in die er sich verguckte; an der er sich jedoch zunächst die Zähne ausbiss. Denn sie war zwar einerseits fasziniert von diesem Mann, von dem sie jedoch gleichzeitig annehmen musste, dass er zumindest kein Kind von Traurigkeit war. Sie aber auch nicht. „Mal trafen wir uns morgens, mal mittags, mal spät in der Nacht. Dann verschwand er immer wieder für ein paar Tage. Als ich Giuseppe fragte, was er denn um Gottes willen arbeiten würde, meinte er, er sei Croupier in der Spielbank. Ich antwortete ihm: ‚Und das soll ich dir glauben?‘“

Dass Giuseppe Grassonelli zu diesem Zeitpunkt in seiner Heimat längst als Boss der „La Stidda“ gehandelt wurde, einer Art Netzwerk abtrünniger Cosa-Nostra-Clans, wusste sie nicht. Vielleicht wollte sie dies aber auch gar nicht wissen, denn je schneller und heftiger ein Herz für einen Menschen schlägt, desto stärker kann sich ein Blick verklären. 1991 willigte Caterina schließlich ein, ihm nach Sizilien zu folgen. Er hatte das Eis endlich zum Schmelzen gebracht, und so wurde sie im Haus seiner Familie auf Sizilien wie die zukünftige Schwiegertochter empfangen. Aber das Glück war von kurzer Dauer und endete mit der besagten festen Umarmung. So als ob er gewusst hatte, dass es für sie beide keine Zukunft geben würde. Bis dahin hatte Giuseppe Grassonelli schon vier Mordanschläge überlebt.

Das Gefängnis wird er jedoch vermutlich nicht überleben, wenn die italienische Justiz den umstrittenen ergastolo obstativo nicht abschafft. Was ihn nicht davon abgehalten hat, ein zweites Buch über sein Alter Ego „Antonio Brasso“ zu schreiben, ein weiteres kritisches Buch über das Phänomen Mafia, das in diesem Herbst auf den Markt kommen soll. Sogar ein Spielfilm ist mittlerweile in Vorbereitung.

„Giuseppe ist längst resozialisiert“, sagt Caterina. „Heute würde er sich nicht mehr von seinen puren Rachegelüsten leiten lassen. Er würde die Gesetze achten. Aber der Schmerz über den Verlust seiner Familienmitglieder hatte seinen Körper und Geist krank gemacht, und mit seiner Arbeit versucht er jetzt, zur Aufklärung über das organisierte Verbrechen in Italien beizutragen.“ Darüber hinaus habe er einsehen müssen, dass er damals, als junger, dummer Mann, bloß wie eine Schachfigur auf dem Brett der mächtigen Cosa Nostra hin- und hergeschoben worden war, die sich dank seiner „Arbeit“ einiger unliebsamer Mitglieder entledigen konnte, ohne selbst in den Fokus der Mafiajäger zu geraten. Sie kann nicht anders, als ihn zu verteidigen. Caterina spricht inzwischen von „einer großen Vertrautheit“, die zwischen ihr und dem Lebenslänglichen herrsche, einer größeren sogar als damals, als beide noch jung und ineinander verliebt waren. Aber Caterina ist keine Traumtänzerin. Ein gemeinsames Leben scheint unerreichbar.

„Es wäre schon viel gewonnen, wenn ich ihn bald einmal im Gefängnis besuchen dürfte.“ Das wäre dann immerhin ein gemeinsamer Moment.