Gestern & Heute

Autos raus aus der Hamburger City!

Verstopfte Straßen in der
Innenstadt, hier der Neue Wall: So sah es 2008 noch aus,
inzwischen ist die Lage etwas entschärft

Verstopfte Straßen in der Innenstadt, hier der Neue Wall: So sah es 2008 noch aus, inzwischen ist die Lage etwas entschärft

Foto: Jürgen Joost

Vor 25 Jahren kündigte die allein regierende SPD eine Radikallösung an. Oliver Schirg berichtet, was davon blieb.

Hamburg. Der SPD-Verkehrsexperte Hermann Scheunemann ließ es an großen Worten nicht fehlen. Als er vor 25 Jahren ankündigte, die allein regierende SPD wolle innerhalb von drei Jahren weite Teile von Hamburgs Innenstadt für den privaten Autoverkehr sperren, verband er das mit einem Ultimatum: Sollte man mit den Geschäftsleuten keinen Kompromiss gefunden haben, werde man den Stadtkern gegen deren Willen umgestalten, zitierte das Hamburger Abendblatt in seiner Ausgabe vom 10. August 1991 den Bürgerschaftsabgeordneten.

Scheunemann wollte seinerzeit, dass neben der Mönckeberg- und der Bergstraße der Jungfernstieg zur Fußgängerzone umgestaltet wird. „Wo alle paar Meter Bahn-Stationen sind, müssen die Blechlawinen von der Straße verschwinden“, sagte er. „Wir müssen die Innenstadt auf jeden Fall umstrukturieren, ohne es allen recht machen zu können.“ Scheunemann forderte vom Senat unter Bürgermeister Henning Voscherau den Mut zu „unpopulären Maßnahmen“.

Der Vorstoß des Umweltpolitikers hatte ein längere Vorgeschichte. Aufgrund der Ölkrise waren bereits 1973 nicht nur Deutschlands Fernstraßen, sondern auch Städte zum ersten Mal autofrei gewesen. Die Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt (SPD) hatte für den 25. November ein bundesweites Fahrverbot verhängt. Auch in Hamburg bestimmten Radfahrer und Fußgänger an diesem Tag das Bild der City. Allerdings hatten spätere Versuche, autofreie Sonntage auf freiwilliger Basis einzuführen, wenig Erfolg. Zugleich stieg die Zahl der in Hamburg zugelassenen Pkw unaufhörlich – von Mitte der 80er- bis Anfang der 90er-Jahre um rund 100.000 auf fast 700.000 Fahrzeuge.

Am 26. November 1990 startete in Hamburg ein sechswöchiger Versuch, die Innenstadt von Autos frei zu halten. „Seit gestern, 9 Uhr, sind in Hamburgs City die Fußgänger auf dem Vormarsch: Mönckebergstraße, Bergstraße und Poststraße sowie Teile des Neuen Walls und der Großen Bleichen sind streckenweise für den Autoverkehr gesperrt“, berichtete das Abendblatt. Lediglich Lieferfahrzeuge, Taxis, Radler und Busse durften einzelne Straßenabschnitte passieren. „Bis zum 6. Januar 1991 heißt das Motto: ‚Die neuen Fußgängerzonen: Hamburg geht mit‘.“

Umweltsenator Jörg Kuhbier (SPD) nutzte den Versuch für einen Vorschlag, die Autos für immer aus der City zu verbannen. Man solle den Takt von Bussen und Bahnen erhöhen und die 1978 stillgelegte Straßenbahn wieder einführen. Ziel sei es, „die gefahrenen Autokilometer in der Stadt in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu halbieren“.

Opposition und Wirtschaft beobachteten die umweltpolitischen Vorstöße der Sozialdemokraten mit Argusaugen. Die CDU forderte, Erfahrungen des Tests erst einmal abzuwarten, bevor man über seine Verlängerung nachdenke. Die Wirtschaft drohte mit „Krach“, sollten die SPD-Pläne dazu führen, die City auf Dauer zu sperren. Die Geschäftsinhaber fürchteten Einbußen. „Wer mit dem Auto fahren will, tut das auch, kauft woanders ein“, sagte Heinrich Grüter, Geschäftsführer des Verbandes der Mittel- und Großbetriebe.

Er sollte recht behalten. Ein wissenschaftliches Gutachten kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Die City-Geschäftsleute verloren einen Teil ihrer Kunden an die Außenbezirke. „Hier kauften in der Vorweihnachtszeit deutlich mehr Kunden ein“, hieß es im Abendblatt. Viele Parkhäuser in der City seien nicht ausgelastet gewesen. Allerdings fanden die erweiterten Fußgängerzonen auch Zustimmung. 88 Prozent der befragten Innenstadtbesucher plädierten dafür, die Sperrung der City für den Autoverkehr beizubehalten.

Immerhin wurde für Pkw die Mönckebergstraße gesperrt

Der radikale Vorstoß von Scheunemann mag auf diese Untersuchungsergebnisse abgezielt haben, auch wenn ihm letztlich in seiner Gesamtheit kein Erfolg beschieden war. Zu groß waren die Widerstände in Politik und Wirtschaft. Allerdings konnten die Anhänger eines Autoverbots in der City Teilerfolge erzielen. So ist die Mönckebergstraße wenig später tatsächlich für den privaten Kfz-Verkehr gesperrt worden. Auch die Idee, in Wohngebieten nur Anwohnern ein Dauerparkrecht einzuräumen, setzten sich in immer mehr Vierteln durch.

Bis heute lebt die Idee der autofreien City weiter. Vor allem die mit der SPD regierenden Grünen machen sich immer wieder dafür stark. Zuletzt brachte Umweltsenator Jens Kerstan die blaue Plakette ins Gespräch, die verschiedene Straßenabschnitte als Sperrzone für Dieselfahrzeuge definieren würde. Fahrverbote aber sind – derzeit zumindest – mit Sozialdemokraten nicht zu machen.