Zugausfälle

Linie Hamburg–Lübeck: Die Bahn muss flexibler werden

 Tiere auf den Gleisen sind ein typisches Problem, das zu Zugausfällen führt – oft länger als nötig

Tiere auf den Gleisen sind ein typisches Problem, das zu Zugausfällen führt – oft länger als nötig

Foto: picture alliance / dpa

Konzept bei Störungen führte auf der Pendlerstrecke nach Hamburg zu überflüssigen Zugausfällen. Auslöser: ein Ereignis am 20. Juni.

Kiel. Bahnkunden besser über Zugausfälle informieren, Störungen schneller beseitigen: Das ist das Ziel von Notfallkonzepten, die in Zukunft für alle von Hamburg nach Schleswig-Holstein führenden regionalen Bahnverbindungen gelten sollen. Seit ein paar Wochen gibt es einen solchen Plan für die Strecke Hamburg-Lübeck. Aber er ist fehlerhaft und führt zu überflüssigen Zugausfällen. Deshalb muss er nun überarbeitet werden.

Auslöser ist ein Ereignis am 20. Juni. Gegen 7.25 Uhr waren Pferde von einer Koppel ausgebrochen und zwischen Bargteheide und Bad Oldesloe aufs Bahngleis geraten. In der Folge wurde der Verkehr bis 11 Uhr unterbrochen. 18 Züge fielen ganz aus, 19 teilweise. Offenbar dauerte die Sperrung viel zu lange, denn die Störung war rasch wieder beseitigt. „Das ist gnadenlos schiefgegangen“, sagt Jan Glienicke von der Verkehrsservicegesellschaft nah.sh. Sie organisiert im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Und sie hat die Bahnunternehmen angehalten, solche Störfallkonzepte zu entwickeln.

Ungewöhnliche Reaktion der Deutschen Bahn

„Die Bahndisponenten sind bei Störungen schnell überlastet“, sagt Glienicke. „Da sind innerhalb kürzester Zeit sehr viele Dinge zu organisieren: Fahrgastinformationen, Personaleinsatz, Bahnersatzverkehr, Zugmaterial und Ähnliches. Wir wollen die Arbeit erleichtern und beschleunigen, indem wir möglichst viele Dinge schon vor dem Störfall abklären und in einem Konzept festhalten.“

Am 20. Juni hat das, so viel lässt sich sagen, nicht geklappt. Das ist auch der Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Landtagsabgeordneten Anita Klahn zu entnehmen. Demnach war zu Beginn der Störung nicht bekannt, wie lange sie dauern wird. Eine sicher nicht ungewöhnliche Situation. Ungewöhnlich war, wie die Deutsche Bahn darauf reagierte. Weil das Störfallkonzept „Erfahrungswerte für vergleichbare Fälle“ berücksichtige, heißt es in der Antwort des Verkehrsministeriums, „ging die DB Regio AG davon aus, dass die Störung zwei bis drei Stunden dauern würde. Dies wurde in die Dispositions- und Auskunftssysteme eingepflegt.“ Alle Züge, die zwischen 8.30 und 11 Uhr im Abschnitt Ahrensburg-Bad Oldesloe verkehren sollten, seien in den Status „fällt aus“ gesetzt worden.

FDP hält das Störfallkonzept für ungeeignet

Dann geschah etwas, womit die Bahn offenbar nicht umgehen konnte. Die Pferde wurden schnell wieder eingefangen. „Wider Erwarten wurde bereits 15 Minuten nach Bekanntgabe des Störfallkonzepts die Strecke wieder freigegeben“, schreibt das Ministerium. Folglich hätten nun die als ausgefallen markierten Züge wieder fahren können. Doch das geschah nicht. Weshalb nicht? „Um nicht für zusätzliche Verwirrung und ungeordnete Betriebszustände zu sorgen“, schreibt das Ministerium. „Ferner hätte die Rücknahme des Störfallkonzeptes aus Sicht der DB Regio AG die Glaubwürdigkeit der Störfallkommunikation und die Akzeptanz der Umleitungsstrecken für künftige Störfälle verringert.“

Mit anderen Worten: Vor die Wahl gestellt, entweder ihre Informationen zu korrigieren – die Züge also wieder fahren zu lassen – oder an den einmal vermeldeten Zugausfällen festzuhalten, hat sich die Bahn für Letzteres entschieden. Das Ministerium formuliert es etwas milder: „In diesem Einzelfall führte das Störfallkonzept zu unerwünschten Konsequenzen.“ Der Vorfall vom 20. Juni werde nun „zum Anlass genommen, die Umsetzung des Störfallkonzeptes aufzuarbeiten“. Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis bestätigt: „Wir werden zusammen mit den beteiligten Stellen geeignete Schlüsse zur Verbesserung festgestellter Schwachstellen ableiten und umsetzen.“

Die FDP-Landtagsabgeordnete Anita Klahn hält das Störfallkonzept in der vorliegenden Form für ungeeignet. „Man hätte die Strecke viel früher wieder freigeben können“, sagt sie. „Es ist empörend, dass das offenbar nur deshalb nicht geschehen ist, weil sich niemand getraut hat, das Ausrufen des Störfalls zu korrigieren.“ Die Landesregierung und nah.sh sollten die Kunden „jetzt nicht mit weiteren Konzepten traktieren“, sondern die Frage klären: „Wer ist verantwortlich für diesen Unfug?“ Immerhin seien die Fehler mitten in der Hauptverkehrszeit passiert. „Da saßen Tausende fest“, sagt Klahn.

Ole Thorben Buschhüter, der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, sagt: „Dass die Bahn überhaupt Störfallkonzepte entwickelt hat, ist nur zu begrüßen.“ Aber: „Ziel eines solchen Konzepts sollte es natürlich sein, möglichst schnell nach Beseitigung des Störfalls den Zugbetrieb wieder aufnehmen zu können.“