Straßenbeleuchtung

"Gefahr für Insekten" – sind Hamburgs Laternen zu hell?

Für die öffentliche Beleuchtung, hier an der Peterstraße (Neustadt), gibt Hamburg jährlich sieben Millionen Euro aus

Für die öffentliche Beleuchtung, hier an der Peterstraße (Neustadt), gibt Hamburg jährlich sieben Millionen Euro aus

Foto: dpa Picture-Alliance / CHROMORANGE / Christian Ohde / picture alliance

Hamburgs Straßenlaternen sind gerade voll auf Ökostrom umgestellt. Naturschützer und Politiker fordern nun kalt-weiße LED-Leuchten.

Hamburg. Alles ist erleuchtet – und „grün“: 127.000 Lampen machen Hamburgs Straßen, Wege und Plätze in der Nacht stellenweise taghell. Kam der Strom dafür bislang vor allem aus Atom- und Kohlekraftwerken, so ist seit Kurzem die Trendwende geschafft: „Der gelieferte Strom für die öffentliche Beleuchtung setzt sich zu 100 Prozent aus regenerativen Energiequellen zusammen, also aus Wind, Wasser und Solar“, sagt Björn Marzahn von der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie dem Abendblatt. Stromlieferant ist die envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM) mit Sitz im sächsischen Chemnitz.

Noch vor einiger Zeit hatten die SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Ole Thorben Buschhüter und Anne Krischok kritisiert, dass der vom Energiekonzern Vattenfall bereitgestellte Strom einen zu geringen Anteil erneuerbarer Energien umfasst. Seit dem 1. Januar 2016 aber versorgt nun der sächsische Stromlieferant die Straßen- und Wegebeleuchtung in Hamburg mit „Grünstrom“. Der Auftraggeber, die Hamburg Verkehrsanlagen GmbH, beziffert den Strombedarf für das laufende Jahr mit 40 Gigawattstunden.

Der Verbrauch soll bis zum Jahr 2018 um drei Gigawattstunden sinken. Gegenwärtig liegen die Energiekosten für die öffentliche Beleuchtung bei jährlich rund sieben Millionen Euro. Dafür erstrahlen 105.000 Leuchtstoff- und 17.500 Na­triumdampfhochdrucklampen sowie 4500 LED- und 500 Halogenmetalldampflampen. Die letzte umweltschädliche Quecksilberdampf-Hochdrucklampe wurde 2010 demontiert. Das Licht der letzten Gasleuchte ging im Jahr 1981 für immer aus.

Tödliche Lichtfalle für Insekten

Längst ist aber eine Diskussion darüber entbrannt, ob die Stadt nachts tatsächlich so hell erstrahlen muss. Naturschützer und Politiker fordern den stärkeren Einsatz von sparsamen und effizienten LED-Leuchten. Der Nabu denkt dabei besonders an die Insekten, denn die herkömmliche Straßenbeleuchtung wird zur tödlichen Lichtfalle für nachtaktive Insekten. Experten schätzen, dass bundesweit bis zu 180 Billionen Insekten sterben, weil sie nachts unter die Laternen fliegen. Wie verlockend und tödlich diese gleißenden und heißen Lichtquellen sind, konnten die Zuschauer beim WM-Finale in Frankreich live verfolgen, als Massen von Insekten im Flutlicht verendeten.

Wie Hamburgs Nabu-Sprecherin Birgit Hilmer sagte, sei es ratsam, die öffentliche Beleuchtung auch in Hamburg auf LED umzustellen. „Denn die kalt-weiße Variante lockt deutlich weniger Insekten an als die warm-weiße.“ Außerdem verhinderten Lampen mit geschlossenem Korpus, dass Insekten eindringen und verbrennen könnten. Die Folgen eines weiteren Insektensterbens wären für das Ökosystem gravierend: „Wenn Fluginsekten fehlen, gerät die gesamte Nahrungskette in Gefahr. Blumen und Bäume werden nicht mehr bestäubt, die Nahrungsgrundlage für andere Tiere fehlt“, sagt Hilmer.

Weitere Reduzierung wird derzeit nicht in Betracht gezogen

Offenbar ist es aber nicht so einfach, flächendeckend LED-Lampen zu installieren. Aus der Senatsantwort auf eine Schriftliche Kleine Anfrage der Grünen-Bürgerschaftsabgeordneten Ulrike Sparr geht hervor, dass beim LED-Einsatz der Streulichtanteil geringer werde. Um weiterhin eine ausreichende Gleichmäßigkeit der Beleuchtung und die Erkennung von Gesichtern zu gewährleisten, müssten deshalb bei vielen bestehenden Anlagen die Höhe der Masten verändert und ihre Abständen verringert werden. „Die Kosten hierfür wurden nicht abschließend ermittelt“, heißt es in der Senatsantwort.

Dass die künstlich erzeugte Helligkeit der Stadt – von Experten als „Lichtverschmutzung“ bezeichnet – eines Tages reduziert wird, gilt als unwahrscheinlich. Björn Marzahn von der Umweltbehörde sagt: „In Hamburg ist seit jeher ein wirtschaftliches Beleuchtungsniveau vorhanden. Es berücksichtigt sowohl die Verkehrssicherheitspflicht wie auch den finanziellen Rahmen.“ Vor diesem Hintergrund werde eine weitere Reduzierung „derzeit nicht in Betracht gezogen“.

Allerdings hat ein Umdenken begonnen: Die jüngst vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut vorgestellte Studie zur digitalen Stadt empfiehlt eine „intelligente Straßenbeleuchtung“. Sie werde den Energiebedarf und die Lichtverschmutzung reduzieren. Zum Beispiel so: Verkehrswege wie der Abschnitt zwischen der S-Bahn-Haltestelle Stellingen und den Volkspark-Arenen werden nur dann bedarfsgerecht beleuchtet, wenn dies notwendig ist.