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Mersiha Husagic: Flüchtling, Hamburgerin und Schauspielerin

| Lesedauer: 14 Minuten
Martina Goy
Die Schauspielerin Mersiah Husagic wuchs in Wilhlemsburg auf

Die Schauspielerin Mersiah Husagic wuchs in Wilhlemsburg auf

Foto: Roland Magunia

Das Abendblatt spricht mit zugewanderten Hamburgern über Grenzgänge zwischen den Kulturen. Heute: Schauspielerin Mersiha Husagic.

Hamburg. Natürlich hat die Mutter vorgesorgt. Der Kaffee ist frisch gebrüht, selbst gebackener Kuchen steht auf Tellern bereit. Und zur Erfrischung reicht Hurmeta Husagic süße Kirschen vom Markt. „Lassen Sie es sich schmecken“, sagt sie auffordernd. Auch Ehemann Senad will das Wohnzimmer nur ungern verlassen. Die beiden gehen erst, als die Tochter sie liebevoll aus dem Zimmer scheucht. Mersiha Husagic (27) ist Schauspielerin. Nach Rollen in diversen Vorabend-Serien wie „Notruf Hafenkante“ sowie dem Kultfilm „Dorfpunks“, dem Kinderfilm „Die Pfefferkörner“ und der „Mordkommission Istanbul“ spielte sie zuletzt in der Münsteraner „Tatort“-Folge „Ein Fuß kommt selten allein“ die beste Freundin des Mordopfers. Dass sie als muslimische Tochter einer bosnischen Flüchtlingsfamilie es tatsächlich ins deutsche Fernsehen geschafft hat, ist einerseits ihrer Dickköpfigkeit und ihrem Mut geschuldet, aber auch dem Vertrauen der Eltern in das Versprechen ihres neuen Heimatlandes auf Chancengleichheit. 1992 waren sie vor dem Bürgerkrieg aus einem Dorf zwischen Sarajevo und Tuzla geflohen.

Frau Husagic, Sie waren drei Jahre alt, als Ihre Eltern nach Deutschland geflohen sind. Woran erinnern Sie sich noch?

Mersiha Husagic: Nachdem mein Vater geflüchtet war, suchten Soldaten nach ihm und kamen zu uns nach Hause in unsere Küche. Sie fragten laut und aggressiv nach ihm. Meine Mutter hatte große Angst, natürlich tat sie trotzdem so, als ob sie nicht wüsste, wo er ist. Ich war auch verängstigt, hielt es aber für ein großes Abenteuer.

Warum musste Ihr Vater fliehen?

Er hatte Betriebswirtschaft studiert und war Chef in einer Firma. Nebenbei engagierte er sich politisch. Dann wurde die Stadt belagert, Bosnier hingerichtet, erschossen. Es wurde immer gefährlicher. Mein Vater war in großer Lebensgefahr. Daraufhin schmiedeten meine Eltern ihre Fluchtpläne.

Hatten sie Hilfe?

Mein Vater fand Asyl bei einer Tante auf Sylt. Der Bürgermeister unserer Stadt, ein Serbe, mit dem meine Mutter zusammen gearbeitet hatte, half ihr bei der Flucht. Sie ist ebenfalls studierte Ökonomin.

Erinnern Sie sich an die ersten Eindrücke in der Fremde?

Ich spürte natürlich die Angst meiner Eltern, die nicht wussten, wie ihr Leben weitergehen sollte. Aber als Kind ist man belastbar. Außerdem gab es für mich viel Neues zu entdecken. Ich erinnere mich beispielsweise noch genau an den Geschmack von Toffifee, die ich das erste Mal naschen durfte.

In Hamburg lebten Sie anfangs auf einem Asylantenschiff. Wie war das?

Auch das habe ich eher positiv in Erinnerung. Es war natürlich eng, und es fehlte an allem. Aber wir waren außer Lebensgefahr und zudem mit Menschen zusammen, denen es nicht besser ging als uns und die unsere Sprache sprachen. Vor allem aber waren wir als Familie wieder vereint.

Ihre Kindheit verbrachten sie später im gut situierten Blankenese?

Ja, wir hatten Glück. Eines Tages waren wir zurück auf dem Weg ins Asylantenheim. Leider hatten wir den Bus verpasst. Eine Frau bemerkte unsere Not, sie gabelte uns auf und fuhr uns ins Heim. Als sie sah, unter welchen Umständen wir dort lebten, lud sie uns für den nächsten Tag zum Frühstück ein. Ihr Mann und die beiden Kinder waren auch da. Danach durften wir bei ihnen im Haus wohnen bleiben. Dort gab es eine Mini-Einliegerwohnung, die frei war. 24 Quadratmeter. Unser kleines Zuhause für die nächsten Jahre. Für mich war es toll. Ich hatte als Einzelkind Spielgefährten, besuchte den Kindergarten. Meine Mutter putzte dort. Wir verdanken Solvey Koetschau und ihrer Familie so viel.

Wie war der Umgang mit den Behörden?

Schon damals war es für uns als Ausländer schwer, eine Duldung zu bekommen. Es hieß warten, das bedeutete, über einen sehr langen Zeitraum unsicher zu sein. Es ist nicht leicht, sich in einem fremden Land einzugewöhnen, wenn man nicht weiß, ob und wie lange man bleiben darf.

Bosnien-Herzegowina gilt inzwischen als sicheres Herkunftsland. Menschen, die von dort zuwandern wollen, werden derzeit meist als Wirtschaftsflüchtlinge abgewiesen. Haben Sie dafür Verständnis?

Als ich älter war, haben mir meine Eltern erzählt, dass auch wir irgendwann abgeschoben werden sollten. Zum Glück kannte mein Vater einen Anwalt von einer Hilfsorganisation, der uns beigestanden hat. Man darf ja eines nicht vergessen, von 1992 bis 1995 herrschte in Bosnien-Herzegowina Krieg. Es war die Zeit der ethnischen Säuberungen, der Internierungslager. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was aus meinem Vater und meiner Mutter geworden wäre, wenn wir zurückgemusst hätten.

Aber jetzt ist dort Frieden. Dennoch wollen viele Menschen vom Balkan nach Europa auswandern, nach Deutschland kommen, weil sie sich hier ein besseres Leben versprechen.

Kann man das nicht nachvollziehen? Ja, es ist offiziell Frieden. Aber noch immer sind die Spuren des Krieges überall zu sehen. Wenn man wandern geht, muss man aufpassen. Es liegen noch Bomben im Boden. Die Bevölkerung leidet unter 50 Prozent Arbeitslosigkeit, bei den Jugendlichen ist sie noch höher. Die meisten Menschen haben keine Perspektive.

Deutschland kann nicht alle wirtschaftlichen Probleme in Europa lösen ...

Das verlangt auch niemand. Aber es werden doch händeringend Arbeitskräfte gesucht? Im Service, in der Pflege. Man könnte voneinander profitieren, sich gegenseitig kennenlernen, voneinander lernen. Andererseits: Niemand verlässt gern seine Heimat, Familie, Freunde, um irgendwo neu anzufangen. Meine Eltern trauern noch heute um Freunde, die sie verloren haben, weil der Kontakt abgerissen ist. Ihre Familien sind überall in der Welt verstreut. Gerade deshalb sind Menschen hoch motiviert, wenn sie trotzdem kommen. Sie wollen sich integrieren. Sie wollen Teil dieser Gesellschaft sein.

Manche bringen ihren Hass mit. Sogar im Namen ihrer Religion ...

Das darf natürlich nicht sein. Nirgendwo steht, dass man hassen und Andersgläubige umbringen soll. Ich bin selbst eine Muslima. Ich weiß, das ist ein absolutes Reizthema. Häufig muss ich mir am Film-Set anhören, ach, du isst bestimmt kein Schweinefleisch. Als ob man das Thema darauf reduzieren kann! Christen beurteilt man ja auch nicht danach, was sie essen oder nicht. Der Glaube ist Teil meiner Familie, ich bin Teil dieser Familie. Aber ich praktiziere die Religion nicht.

Ein anderes Reizthema bei uns ist das Kopftuch ...

Ich trage keines, meine Mutter auch nicht. Ich bin aber auch nicht strikt dagegen. Alle Menschen sollten frei sein, zu tun, was ihnen wichtig ist, und gleichzeitig auch anderen Raum lassen. Ich möchte keine Vorurteile leben. Ich bin jung, ich bin tolerant, das ist für mich selbstverständlich. Meine Generation kann etwas verändern. Ich möchte nicht zusehen, wie die Frage nach der Religionszugehörigkeit die Gesellschaft spaltet.

Was wollen Sie dagegen tun?

Ich liebe meinen Beruf als Schauspielerin. Und ich bin froh, dass ich als angehende Regisseurin auch eigene Themen setzen kann. Filmemachen ist für mich auch ein Beitrag zur Völkerverständigung. Außerdem müssen Menschen, die im öffentlichen Rampenlicht stehen, deutlich Position beziehen. Wenn in Sachsen Politiker dabei sind, wenn Ausländer an Bäume gefesselt und an den Pranger gestellt werden, dann muss die Welt kopfstehen. Das darf nicht geschehen. Dabei darf niemand zusehen und niemand still sein. Ich wünsche mir mehr öffentliche Haltung bei dieser Problematik.

Waren Sie inzwischen mal wieder in Bosnien?

Ich bin öfter dort. Zumeist in den Ferien, wir haben eine tolle Natur. Im Winter fahre ich zum Skifahren in die Nähe von Sarajevo. Aber manchmal auch wegen Film-Projekten.

Was für Projekte sind das?

Ich beschäftige mich intensiv mit dem Postkriegs-Thema. Vor einem Jahr habe ich einen Film über die Flucht meiner Eltern gedreht. Ganz einfach, nur mit einer Handkamera. Er ist sogar auf einigen Festivals gezeigt worden. Wir haben in dieser Zeit viel geredet. Und ich habe gemerkt, wie schwer es besonders meiner Mutter fällt, dass sie ihre Heimat verloren hat. Mein Vater geht in Wilhelmsburg in die Moschee. Das hilft ihm. Aber sie ist, wie ich, nicht stark im Glauben verhaftet. Doch Wurzeln sind stärker, als man denkt.

Könnten Ihre Eltern zurückgehen?

Das ist ja das Problem. Sie leben in Deutschland, haben die Sprache gelernt, sich ein neues Leben aufgebaut. In Bosnien haben sie alles verloren. Dort wartet niemand mehr auf sie. Und dennoch haben sie die alte Heimat im Herzen. Sie fühlen sich manchmal gespalten.

Und Sie?

Ich habe einen deutschen Pass, außerdem spreche ich besser Deutsch als Serbokroatisch und fühle mich in Hamburg zu Hause. Im Herzen aber fühle ich bosnisch.

Was heißt das?

In Deutschland wird manchmal zu viel nachgedacht, bevor man etwas tut. Außerdem haben die Menschen zu viel Angst. Wovor? Deutschland ist reich. Deutschland ist sicher. Warum freuen wir uns hier nicht einfach daran, dass es uns gut geht? Das ist so ein Punkt. Ich glaube, die Menschen in Bosnien sind weniger ängstlich und haben mehr Lebensfreude. Es wird gern und oft gefeiert. Musik, Singen, Tanzen sind ganz wichtig. Gutes Essen gehört auch unbedingt dazu. Meine Mutter ist im Gegensatz zu mir eine fantastische Köchin. Und wenn es einem schlecht geht, dann findet sich immer jemand, der einen einfach nur in den Arm nimmt und tröstet.

Das hört sich nach Heimweh an?

Nein, das ist es nicht. Ich lebe gern in Hamburg. Aber ich denke oft, wenn wir mehr übereinander wüssten, gäbe es viele Missverständnisse nicht. Und vielleicht auch weniger Angst.

Sie sind Schauspielerin. Das ist kein Beruf mit beruhigendem finanziellem Hintergrund. Was haben Ihre Eltern gesagt, als Sie nach dem Abitur noch nicht einmal eine Ausbildung machen wollten?

Sie waren geschockt, das ist ja klar. Sie haben versucht, mich zu überreden. Aber ich wollte unbedingt diesen Beruf ergreifen. Man muss seine Träume leben, habe ich ihnen gesagt. Danach haben sie mich unterstützt, wo sie nur konnten. Meine private Schauspielausbildung habe ich mit BAföG und einem Studentenkredit selbst finanziert und später auch allein abbezahlt. Mir war wichtig, früh auf eigenen Beinen zu stehen, gerade weil meine Eltern unseren Lebensunterhalt schwer erarbeitet haben. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar.

Können Sie von der Schauspielerei leben?

Inzwischen verdiene ich mit meiner Filmerei tatsächlich genug Geld, um meinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten. Ich lebe mit meinem Freund in der Schanze. Ja, ich bin auf einem sehr guten Weg.

Ihr Freund, Niklas Marc Heinecke, ist Schauspieler wie Sie, aber auch Fotograf. Hilft der gemeinsame Beruf bei der Karriereplanung?

Man hat Verständnis füreinander. Das sicherlich. Erfolgreicher wird man dadurch nicht. Und bei der Wohnungssuche macht sich die Berufsangabe Künstler ganz schlecht. Wir mussten lange suchen.

Was ist, wenn die Vermieter Ihren ausländischen Namen hören?

Das war kein Problem. Mein Name ist eher in meinem Beruf hinderlich. Mersiha Husagic geht den meisten nicht so schnell von den Lippen. Ich habe sogar mal daran gedacht, mich umzubenennen. Inzwischen bin ich froh, dass ich es nicht gemacht habe. Ein Name ist auch Identität.

Wenn man Ihnen so zuhört, dann haben Sie persönlich bislang kaum Alltagsrassismus erlebt?

Ja, das stimmt. Nur als wir in meiner Jugend von Blankenese nach Wilhelmsburg zogen, da war es eine Zeit lang schwierig für mich.

Warum?

Ich kam als behütete Blankeneser Grundschülerin in Wilhelmsburg aufs Gymnasium. Plötzlich musste ich mich in der Schule, aber auch in der Freizeit mit Mädchenbanden auseinandersetzen. Migrantinnen wie ich, aber voller schlechter Gefühle und Aggressionen. Ich habe dann mit Kampfsport angefangen und mich gewehrt. Danach hatte ich meine Ruhe. Aber natürlich gab es auch Geschrei von kleinen Kindern, die „Ausländer raus“ riefen, obwohl sie vermutlich gar nicht wussten, was das wohl bedeutet.

Wie war die Zeit für Ihre Eltern?

Was soll ich sagen? Sie hatten beide Top-Jobs in Bosnien, waren glücklich. Der Krieg hat ihnen alles genommen. In Deutschland wurden ihre Abschlüsse nicht anerkannt. Also haben sie einfache Arbeiten angenommen. Meine Mutter putzt noch heute. Mein Vater hat als Bühnentechniker in der Neuen Flora gearbeitet und als Hausmeister sowie Kurierfahrer gejobbt. Sie waren sich für nichts zu schade, um mir eine gute Zukunft zu ermöglichen.

Nächste Folge: Jorge Gonzalez, Paradiesvogel, Model, Laufsteg-Trainer

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