Jugendliche Flüchtlinge

„Die Betreuer müssen viel besser geschult werden“

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Christoph Heinemann

Die Chefärztin der Trauma-Ambulanz am UKE kritisiert Mängel im Umgang mit jungen Flüchtlingen und mahnt intensive Dialoge an.

Hamburg.  Die Traumaambulanz der Stiftung „Children for Tomorrow“ am UKE ist der wichtigste Therapieort für junge Flüchtlinge in Hamburg. Das Abendblatt sprach mit der ärztlichen Leiterin Areej Zindler über die Belastung der unbegleiteten Flüchtlinge und den zwiespältigen Einfluss der Moscheen.

Wie belastet sind die minderjährigen Flüchtlinge?

Dr . Areej Zindler: Diese Jugendlichen haben auf ihrer Flucht weitaus häufiger Traumata erlitten als begleitete junge Menschen. Ihre Flucht dauerte oft mehrere Jahre. Sie mussten sie in Etappen absolvieren, zwischendurch arbeiten. Dabei waren sie allein und schutzlos, erlitten Missbrauch, Anfeindungen, Ausbeutung. Hinzu kommen traumatische Erlebnisse, die in den Heimatländern liegen können. Die Flüchtlinge waren dort seltener selbst Opfer von Gewalt – aber mussten Schreckliches mit ansehen.

Was sind die Folgen?

Die Mehrzahl der Jugendlichen verhält sich eher zurückgezogen. Sie zeigen depressive Muster und haben Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Viele erleben Flashbacks, Rückblenden zu negativen Erlebnissen. Weniger häufig sind Fälle, in denen die Traumata zu expansivem und aggressivem Verhalten führen.

Betreuer berichten, dass Jugendliche wegen Kleinigkeiten aufbrausen.

Diese Jugendlichen befinden sich in einer Phase der Identitätsfindung. Das typische Aufbegehren und Ausloten von Machtverhältnissen muss sich gegen Betreuer richten, weil die Familie fehlt. Dazu können aber noch Effekte der Traumata kommen. Die Jugendlichen sind stark emotional mit der Heimat verbunden, haben Angst vor einem Identitätsverlust in der deutschen Gesellschaft. Das kann sich in Aggression entladen. Man muss die Gründe für das Verhalten der Jugendlichen zwingend unterscheiden und im Dialog behandeln.

Sind die Betreuer dafür gerüstet?

Es muss deutlich mehr in dieser Richtung geschult werden. Leider ist das traumapädagogische Wissen weder bei Betreuern noch Sozialarbeitern Teil der Ausbildung. Das ist für den Umgang mit den Jugendlichen in Teilen schwierig. Die Betreuer hantieren etwa mit Verboten, um die Kontrolle zu behalten, Gleichheit herzustellen. Manchmal braucht es individuelle Lösungen in der Art und Weise der Betreuung.

Wie kommt man an die unbegleiteten Flüchtlinge heran?

Sie brauchen eine sehr enge Form des Dialogs. Es liegt im Wesen eines Traumas, dass sich die Weltansicht der betroffenen Menschen verändert. Die Patienten legen große Skepsis an den Tag, können selbst Hilfe als Angriff missverstehen. Gleichzeitig lassen sie sich leicht von Versprechen beeinflussen. Sie sind auf der Suche nach etwas.

An wen wenden sich die Jugendlichen?

Sehr viele suchen die Moscheen in Hamburg auf. Die muslimischen Vereine haben in den vergangenen Jahren ein sehr großes Hilfsangebot errichtet, sie beziehen diese Jugendlichen ein, veranstalten etwa ein gemeinsames Fastenbrechen. Diese Ersatzfamilie in der Religion kann die Jugendlichen aber auch stark in Beschlag nehmen. Es ist bekannt, dass Salafisten sie gezielt ansprechen und radikalisieren wollen. Die Moscheen sind in diesem Kontext eine Ressource und ein Risiko zugleich.

Sind unbegleitete Flüchtlinge eine Risikogruppe für Gewalttaten wie in Würzburg?

Sie sind eine der gefährdeten Gruppen. Letztlich kommt es darauf an, wie viel intensiven Dialog sie in ihrem ungewohnten Umfeld erleben. Mit einem passgenauen Umgang und professioneller Therapie kann man sehr viele Jugendliche auf einen guten Weg führen.

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