Fernsehturm

Der Hamburger Telemichel – hoch soll er leben

Der Heinrich-Hertz-Turm, in Hamburg besser bekannt als der Tele-Michel

Der Heinrich-Hertz-Turm, in Hamburg besser bekannt als der Tele-Michel

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Der Fernsehturm, ein Wahrzeichen, ist seit 15 Jahren gesperrt. Die Stadt will ihn wieder mit Leben füllen. Das ist seine Geschichte.

Jörg Schlaichs Stimme zittert. Der 81-jährige Bauingenieur ist krank und liegt viel im Bett. Aber sein Verstand ist wach. Besonders in diesen Tagen, seit sein erstes großes Projekt wieder in den Schlagzeilen ist: der Hamburger Fernsehturm.

Schlaich ist gebürtig aus Baden-Württemberg, lebte lange in München und Stuttgart, bevor er vor einigen Jahren nach Berlin zog. Dass er dennoch eng mit Hamburg verbunden ist, lässt sich an mehreren Stellen der Stadt noch deutlich erkennen. Er war am Bau der Alsterschwimmhalle beteiligt, an der Fertigstellung des Dachs des Museums für Hamburgische Geschichte, am Bau des Finnlandhauses und eben an der Errichtung des Fernsehturms, der aktuell wieder zum Gesprächsthema in der ganzen Stadt geworden ist.

Wie das Abendblatt berichtete, plant die Stadt, die Sanierung des Fernsehturms selbst übernehmen zu wollen. Nach jahrelangem Hin und Her, vielen Plänen und ebenso vielen Absagen könnte nun wieder Bewegung in die Sache kommen. Beobachter sagen: Die Chance, dass der Fernsehturm, der seit 2001 für die Öffentlichkeit geschlossen ist, wieder mit Leben erfüllt wird, war noch nie so groß wie jetzt.

Für den Ingenieur Jörg Schlaich war es Anfang der 1960er-Jahre sein erstes großes Projekt. Eine Riesensache. „Ich war sehr stolz“, sagt er. Mit dem Ergebnis war er zufrieden und ist es heute noch: „Ich kann guten Gewissens sagen, dass das ein anständiges Bauwerk geworden ist.“ Dass der Fernsehturm nun schon seit vielen Jahren leer steht, bedauert er: „Es ist immer schade, wenn so schöne Bauwerke verloren gehen.“

Er blieb ein Wahrzeichen

Nun, verloren ist der Hamburger Fernsehturm sicher noch nicht. Immerhin steht er noch da, wo Schlaich ihn einst gebaut hat. Und wie eh und je leitet der 1968 fertiggestellte Turm Fernseh- und Radiosignale weiter sowie den Behördenfunk. Seit Mitte der 90er-Jahre auch Handysignale. Nur, dass die Öffentlichkeit ihn seit rund 15 Jahren nicht mehr nutzen kann.

Auch Jüngere und Zugezogene kennen die Geschichten von Familienausflügen hoch auf die Aussichtsplattform oder ins Restaurant. Aber auch als rein technisch genutztes Bauwerk gehört der Turm doch zum Leben in Hamburg. Er ist einer der wohl am häufigsten genannten Orientierungspunkte in Hamburg, beim Landeanflug das erste Bauwerk, das klar zu identifizieren ist, er blieb ein Wahrzeichen. Und wie Hamburgs Fernsehturm hochoffiziell heißt, ist inzwischen sogar eine Frage geworden, die in Rate-Shows und Quiz-Apps gestellt wird. Dennoch konnte sich der Name Heinrich-Hertz-Turm im Hamburger Sprachgebrauch nicht durchsetzen. Die Hamburger nennen ihn lieber Telemichel – oder eben Fernsehturm.

Doch seit 2001 ist der Wurm drin. Nachdem der Turm im Zuge der Asbestbeseitigung saniert worden war, fand die Betreiberin, die Deutsche Funkturm GmbH (DFMG), eine Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom, keinen neuen Mieter mehr. Seitdem gab es kaum ein Jahr ohne neue Schlagzeilen über neue Pläne für Hamburgs Fernsehturm. Der vielleicht spektakulärste ist rund fünf Jahre alt und stammt von dem dänischen Architekten Christian Bay-Jørgensen. Dieser wollte ein futuristisches Hotel wie eine Hülle rund um den Turm bauen. Doch die Stadt erteilte dem Projekt eine Absage.

Nicht weniger aufsehenerregend waren die Pläne eines kanadischen Unternehmens, das im Internet zum Beispiel ein Seitensprung-Portal betreibt. Über dieses wurde 2011 angekündigt, rund zehn Millionen Euro in die Sanierung des Turms investieren zu wollen. Im Gegenzug sollte der Heinrich-Hertz-Turm allerdings in „Ashley-Madison-Tower“ umbenannt werden und mit einer pinken Leuchtreklame für das Unternehmen werben. Doch sowohl die Telekom als auch die Stadt lehnten ab. Wieder nichts.

Erneut kam der Ball 2015 ins Rollen, als der Hamburger Unternehmer Martin Dencker, der auch das Restaurant auf dem Dortmunder Fernsehturm betreibt, sowie der Winzer Heinfried Strauch aus Osthofen bei Mainz eine gemeinnützige Stiftung gründeten, über die die Sanierung und der Betrieb von Hamburgs höchstem Bauwerk finanziert werden sollte: „Stiftung Fernsehturm – Hamburg aufwärts.“

Und immer wieder geht es bei dem Thema auch um Emotionen. Wie sonst wäre es nachvollziehbar, dass sich ein Winzer aus Mainz für die Zukunft des Fernsehturms engagiert?. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich 1968 als kleiner Bub mit meinem Vater das erste Mal nach Hamburg gefahren bin und er mir den gerade eröffneten Fernsehturm zeigte“, erzählt der 58-Jährige, der inzwischen auch in Hamburg drei Weingeschäfte betreibt. Eine weitere Begebenheit gab es im Jahr 1990, als Strauchs Ehefrau ihren 30. Geburtstag mit einer großen Party oben im Fernsehturm feierte. „Eine ganz besondere Feier mit einem ganz besonderen Ausblick“, schwärmt er. Fortan besuchte er den Turm fast immer, wenn er in Hamburg war. Bis zur Schließung 2001. Zu der Zeit war Strauch wahrscheinlich gerade mit einem anderem Großprojekt beschäftigt. „Das ist mein Hobby“, sagt er. Dann kam er irgendwann auf die Idee, dass es doch schön wäre, noch einmal auf dem Fernsehturm Geburtstag zu feiern. Und zwar seinen 60. Geburtstag am 20. Oktober 2018. „Aber der hat doch geschlossen“, meinte seine Frau. „Dann eröffnen wir ihn halt wieder“, sagte Strauch. Und so kam das nächste Großprojekt.

Über den Betrieb finanzieren

Mit Martin Dencker fand er einen Mitstreiter, mit dem er die Stiftung voran trieb, und im vergangenen Jahr holte er sogar schon einen Bauvorbescheid ein. Ihre Idee: Den Fernsehturm nicht wie in Berlin hauptsächlich über die Aufzugsfahrten zu finanzieren, sondern über den Betrieb. Und eigentlich sah alles ganz gut aus. „Sogar eine Absichtserklärung hatten wir von der Deutschen Funkturm GmbH schon erhalten“, sagt er. Für Ende dieses Jahre rechnete er mit einem endgültigen Pachtvertrag. „Doch dann kam die Stadt, und die Absichtserklärung wurde zurückgezogen.“ Jetzt klein beizugeben kommt für Strauch nicht infrage. „Wir werden alles daran- setzen, den Fernsehturm gemeinsam mit der Stadt zu eröffnen.“ Mit Betonung auf „gemeinsam.“ „Die Stiftung hat den klaren Vorteil, dass sie die Bürger besser mit ins Boot holen und dass sie nicht pleite gehen kann“, sagt Strauch.

Jetzt also gemeinsam? Jetzt also wirklich? Nach all den Jahren des Stillstands will zumindest keine flächendeckende Euphorie aufkommen. Restzweifel bleiben. Schaffen die das auch?

Erste Stimmen zu den neuen Plänen kamen bereits aus der Politik. Jens P. Meyer, der stadtentwicklungspolitische Sprecher der FDP-Bürgerschaftsaktion, sagte: „Wenn es bei diesem schleppenden Tempo bleibt, dürfte es mit der Eröffnung zum 50-jährigen Jubiläum 2018 eng werden. Die Stiftung ,Fernsehturm-Hamburg-aufwärts’ hat im letzten Jahr einen positiven Bauvorbescheid erwirkt. Seitdem ist wenig geschehen.“ Bürgermeister Olaf Scholz solle nun endlich mit der Deutschen Telekom in Verhandlungen treten und statt einer „x-beliebigen Betreibergesellschaft eine Hamburger Lösung“ vorziehen. „Wir fordern den Senat daher auf, gemeinsam mit der Stiftung ein für Hamburg nachhaltiges Finanzierungs- und Sanierungskonzept zu realisieren.“

Auch die Linken-Bürgerschaftsabgeordnete Heike Sudmann meldete sich zu Wort: „Das wäre eine tolle Sache, wenn die Aussichtsplattform wieder eröffnet werden würde. Am wichtigsten wäre uns allerdings dabei, dass die Hochfahrt ein kostenloses Angebot für alle Hamburger wäre.“ Sudmann kann sich selbst noch gut an ihren ersten Besuch als Neuhamburgerin auf dem Fernsehturm im Jahr 1982 erinnern. „Ich kam ja vom Land und habe erst von da oben wirklich begriffen, wie groß diese Stadt ist. Dieses Erlebnis wünsche ich allen Hamburgern.“

So wie ihr geht es vielen Bürgern der Stadt. Eine hat das Fernsehturm-Dilemma sogar in einem Buch verewigt. Den entsprechenden Ausschnitt schickte sie jetzt dem Abendblatt: „An einem Reeperbahnbummel waren sie (die fünf Senioren) weniger interessiert, das kannten sie alle fünf von früher (…). Die Reeperbahn war immer mit im Programm, entweder nach einem Bummel an der Alster und dem wunderschönen Rathaus, (…), nach einem Ausblick auf Hamburg vom Michel oder dem Fernsehturm, der leider immer noch nicht wieder genutzt werden kann. Es war für alle, wie sie jetzt feststellten, jahrelang immer ein schönes Erlebnis, oben im Fernsehturm Kaffee zu trinken oder zu essen. Während einer Stunde drehte sich das Restaurant, und man konnte ganz Hamburg von oben betrachten. Dass für solche Attraktion kein Geld da ist, kann man wirklich nicht verstehen.“

Ob und wann der Telemichel wieder für alle zugänglich wird, ist unklar. Nach einer Kalkulation der Stiftung Fernsehturm wären 25 Millionen Euro für eine Sanierung nötig. Klar ist aber, dass sich viele Hamburger über eine Eröffnung freuen würden – genauso wie der 81 Jahre alte Bauingenieur Jörg Schlaich aus Berlin: „Selbstverständlich wäre ich glücklich, wenn der Fernsehturm wieder mit Leben erfüllt wird. Ich habe ihn ja schließlich gebaut.“