Neustadt

Urlaub in Portugal, mitten in Hamburg

Das Leben im Portugiesenviertel spielt sich draußen ab – auch im Sommer 2016, der diesen Namen kaum verdient

Das Leben im Portugiesenviertel spielt sich draußen ab – auch im Sommer 2016, der diesen Namen kaum verdient

Foto: Michael Rauhe

Lange Abende im Straßencafé, Kellner, die einen mit „Bom dia!“ begrüßen – in einem Viertel in der Neustadt gibt es all das.

Neustadt.  Wenn das Wort „mediterran“ fällt, fangen Augen häufig zu glänzen an. Denn in diesem Moment denkt man sofort an den letzten Urlaub in südeuropäischen Gefilden zurück: an pralles Leben in milder Luft, an volle Straßencafés und -restaurants, an kühlen Wein und Meeresfrüchte auf langen Tischen, an denen Jung und Alt gemeinsam sitzen; an knatternde Motorroller und cruisende Autos – selbst lärmende Kinderhorden, die sich gegenseitig jagen, hatte man in solchen Momenten des heiteren Laissez-faire als Bereicherung empfunden …

Seit knapp 20 Jahren kann man das alles tageweise auch in Hamburg haben. Also immer dann, wenn es das Wetter zulässt. Den Hanseaten muss man inzwischen nicht mehr erklären, was das Portugiesenviertel ist (wobei Hamburg natürlich ebenso wenig am Mittelmeer liegt wie Portugal): Doch es ist dieses mediterran anmutende, kuschelige, geradezu familiär anmutende Planquadrat im südlichen Teil der Neustadt, das im Westen durchs Hafentor, im Osten durch den Neustädter Neuen Weg, im Norden durch den Venusberg und im Süden durch die Straßen Johannisbollwerk und Vorsetzen begrenzt wird. Danach kommt schon der Hafen, dem die Stadt dieses Szenequartier indirekt zu verdanken hat.

„Warum unser Viertel so familiär ist?“, fragt Sophie aus dem Restaurant Beira Mar an der Ecke Karpfangerstraße/Rambachstraße und schaut zunächst ziemlich verblüfft, bevor sie zu grinsen beginnt: „Na, weil wir eben Portugiesen sind. Uns bedeutet die Familie alles!“, sagt die Juniorchefin und eilt mit einer Literkaraffe Vinho Verde hinaus auf den Bürgersteig zu ihren Gästen.

Gastronomie geht ja irgendwie immer

„Vor 40 Jahren haben wohl die meisten Hanseaten nicht mal gewusst, dass man hier ziemlich gut und günstig leben kann“, sagt Christoph Heilmann, der seit Mitte der 70er-Jahre von seinem Balkon in der vierten Etage eines Patrizierhauses aus der Gründerzeit an der Ecke Rambachstraße/Ditmar-Koel-Straße einen prima Blick auf das muntere Straßenleben besitzt. Wenn er seinen Hals ein wenig reckt, kann er fünf der sieben hohen Kirchtürme sehen, die Hamburgs Skyline dominieren.

Der Michel sei ihm selbstverständlich dabei am nächsten, meint er. Heilmann, Inhaber eines Touristikunternehmens, konnte die Mutation dieses Hafenquartiers mit seinen Unternehmen aus der Schifffahrtsbranche, reichlich Kleingewerbe, dämmerigen Spelunken und billigen Unterkünften für Hafenarbeiter und Seeleute zum kulinarischen Vergnügungs-Hotspot von Anfang an verfolgen. „Gleich hier unten“, erzählt er und deutet die Ditmar-Koel-Straße in Richtung Elbe entlang, „gab’s zum Beispiel eine Kneipe, die ‚Bei Susanne‘ hieß. Da verbrachten die Schauerleute ihre Pausen zwischen zwei Schichten und manche schliefen dort sogar …“

Für die Portugiesen, das traditionelle Seefahrervolk, war dieses Hafenviertel während der Liegezeiten der Schiffe stets eine beliebte Anlaufstation gewesen; nicht wenige wurden sesshaft und holten dann sukzessive ihre Familien nach. Aber mit der explosionsartigen Zunahme des Containergeschäfts schrumpfte der Bedarf an händischer Maloche im Hafen, und auch die größten Frachtschiffe benötigten immer weniger Decksleute, sodass einige umsatteln mussten – Gastronomie geht ja irgendwie immer. Gleichzeitig verschwanden auch immer mehr Schifffahrtsunternehmen aus dem Quartier.

Nur noch einige wenige Schiffsassistenz-Reedereien wie etwa die Bugsier-Reederei oder Petersen & Alpers (gegründet 1793), die Hafenapotheke (gegründet 1768), die Eisenkrämerei Chr. Weimeister, die Seemannsmission „Stella Maris“ sowie die vier skandinavischen Seemannskirchen Gustaf Adolfskyrkan (schwedisch), Benediktekirken (dänisch), Sjømannskirken (norwegisch) und Hampurin merimieskirkko (finnisch) erinnern an die einstige Bedeutung des Portugiesenviertels, in dem heute rund 45 Restaurants, Bars und Café existieren, aber längst auch ein paar interessante Designerläden, Kunsthandwerker und Galeristen.

Jeder Besuch ein Kurzurlaub

Annette Lion, die an diesem Abend mit ihrem Lebensgefährten Christoph Otto, ihrem Sohn Jean und dessen Freundin Katharina in der Casa Medeira speist, sagt, dass sie zu den Gästen der ersten Stunde gehörte. „Erst machte das Sagres auf, glaube ich, dann das Porto, dann das Café Sul“, erinnert sich die Blankeneserin, „und alle, alle waren immer furchtbar nett, auch zu meinen damals kleinen Kindern. Antonio, der Kellner im Sagres, hat Jean schon mal auf den Arm genommen, damit wir Eltern in Ruhe essen konnten.“ Heute betreibe er sein eigenes Restaurant. „Wir kommen regelmäßig her, am liebsten aber mittags, denn dann ist es nicht ganz so voll wie am Abend. Das Essen ist dasselbe, aber es kostet praktisch nur die Hälfte!“ Für Annette Lion sei jeder Besuch ein Kurzurlaub. Und da sich zu den portugiesischen Gastronomien inzwischen auch ein paar Spanier und Italiener hinzugesellt haben, dürfe man inzwischen ungestraft vom „mediterranen Flair“ sprechen.

In etwa so schmeckt auch die portugiesische Küche, so sieht sie aus: etwas rau, bodenständig und ehrlich. Kulinarischen Chi-Chi sucht man auf den Tellern oder in den Kasserollen vergebens, dafür ist der Verbrauch an Olivenöl und Knoblauchknollen geradezu astronomisch hoch. Christoph Heilmann nickt: „Eigentlich ging alles erst Anfang 2000 so richtig los. Damals stank praktisch auch das ganze Viertel nach gebratenem Knoblauch und Fischabfällen. Und jede Nacht war es höllisch laut auf der Straße!“

Im Gegensatz zum Schanzenviertel raufte man sich zusammen. Heute feiert die multikulturelle Anwohnerschar gemeinsam und friedlich ein paar Feste im Jahr, natürlich ohne anschließenden Ringelpiez mit den Wasserwerfern der Polizei; zum Beispiel die Prozession zu Ehren der Madonna von Fátima oder das alljährliche Freilicht-Paella-Kochen, und die Gastronomien schließen um Mitternacht, damit so etwas wie Ruhe im idyllischen Dörfchen einkehren kann, dem krassen Gegensatz zur coolen, mondänen HafenCity.

Verständnis, Respekt und Rücksicht

Wer also in einer trockenen Sommernacht das Viertel betritt, den beschleicht sofort das Gefühl, dass die Menschen, die hier leben, arbeiten (oder beides) füreinander Verständnis, Respekt und Rücksicht entgegenbringen. Ein bisschen mehr, als anderswo. Sogar dann, wenn die Fremden Funktionskleidung von Jack Wolfskin im Partnerlook und ergometrisch-geformte Sandalen tragen, was sie sofort als Touristen entlarvt; vor allem dann, wenn Wolfgang Böge vom Gästeführerverein einer solchen Gruppe Wandervögel voranschreitet, die auf dem geführten Rundgang durchs Quartier einen Blick hinter die Kulissen werfen möchten.

Kurz vor Mitternacht schaut Heilmann vom Balkon hinunter, wo die Party richtig losgeht. Wenn große Fußballturniere wie die EM anstehen, kommen gerne auch Fernsehteams, um Portugiesen jubeln zu sehen. Und noch nie gab es so viel Grund dazu wie diesmal.

Auch wenn irgendein Idiot dann Böller zündet: „Würde ich das nicht mögen, dürfte und sollte ich auch nicht in der Stadt leben“, sagt Heilmann, nun ein wenig müder lächelnd. Manchmal sei er schon froh, dass er mit seiner Freundin Karen an den Wochenenden hinaus aufs Land flüchten kann, wo sie in Wittensee bei Rendsburg ein Häuschen im Grünen besitzen. Dort, wo die Ruhe dann auch wirklich still ist.