Michael Otremba

Tourismus-Chef: „Viele wissen gar nicht, wo Hamburg ist“

Michael Otremba – hier im 25hours Hotel HafenCity – war zuletzt am Flughafen München tätig

Michael Otremba – hier im 25hours Hotel HafenCity – war zuletzt am Flughafen München tätig

Foto: Michael Rauhe

Der neue Tourismus-Chef Michael Otremba über fehlende internationale Besucher, Luxushotels und die Faszination von Airbnb.

Hamburg.  Wie wird sich der Tourismus in Hamburg, einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Stadt, in Zukunft entwickeln? Das liegt maßgeblich in den Händen von Michael Otremba. Der 45-Jährige ist der neue Chef der Hamburg Tourismus GmbH. Zuletzt war der Sportökonom für Werbung, Medien und Vertrieb beim Flughafen München verantwortlich. Welche Pläne der gebürtige Stader hat, verrät er in seinem ersten ausführlichen Interview.

Warum sind Sie von München nach Hamburg gewechselt?

Michael Otremba: Ich bin von einem Headhunter angesprochen worden. Die Aufgabe ist sehr spannend, Tourismus ist ein sehr emotionales Thema, und ich hatte schnell den Eindruck, sehr viel aktiv gestalten zu können. Ich habe dann mit meiner Frau einen Erlebnistag in Hamburg verbracht, und wir waren begeistert von der Lebendigkeit und Dynamik dieser Stadt. Schon anhand der vielen Kräne konnte man sehen, in dieser Stadt herrscht Aufbruchstimmung. Uns war schnell klar, wir haben Lust auf Hamburg.

Seit gut zwei Monaten sind Sie nun Geschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH und der Hamburg Marketing GmbH. Wie ist Ihr Eindruck von der Stadt?

Ich bin begeistert. Ich führe aktuell ganz viele Gespräche, stelle viele Fragen und höre vor allem zu, innerhalb des Unternehmens sowie in Runden mit Partnern. Und so darf ich jeden Tag neue spannende Menschen und Ecken in der Stadt kennenlernen. Und eines kann ich jetzt schon sagen: Den Ruf, die Hamburger seien eher zurückhaltend und distanziert, kann ich nicht bestätigen. Ich wurde hier wirklich herzlich aufgenommen.

Was haben Sie sich vorgenommen? Werden Sie den Tourismus neu erfinden?

Nein. Hamburg hat da in den vergangenen Jahren sicherlich einen guten Job gemacht. Deshalb muss ich nichts neu erfinden und kann auf einer guten Basis aufsetzen. Aber ich will gemeinsam mit meinen Kollegen sowie unseren Partnern auch neue Wege gehen, und ich denke auch, dass dies vor dem Hintergrund der bevorstehenden Herausforderungen absolut notwendig sein wird. Das Thema Digitalisierung ist für uns Herausforderung und Chance zugleich: Nahezu jede Information und jedes Produkt ist durch die Möglichkeiten der Mobiltelefone nur noch eine Armlänge entfernt. Wie schaffen wir es als Hamburg, so relevant zu sein, dass wir in dem Wettbewerb um Aufmerksamkeit wahrgenommen werden? Wie können wir mehr über unsere Gäste sowie unsere potenziellen Besucher erfahren? Wie können wir unsere Zielgruppen deutlich zielgerichteter ansprechen? Keine dieser Herausforderungen werden wir alleine lösen können. Digitalisierung wird die Notwendigkeit mitbringen, viel stärker vernetzt zu arbeiten und zu denken.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

In einem Hotel in Hongkong habe ich für die Zeit meines Aufenthalts ein Smartphone in die Hand gedrückt bekommen, kostenfrei mit freiem Zugang zum Internet. Das Hotel und die Destination hatten dadurch einen direkten Kommunikationskanal zu mir, konnten mir auf meine Bedürfnisse angepasste Tipps und Angebote machen. Und ich fühlte mich als Gast dazu noch perfekt betreut.

Hamburg vermeldet Jahr für Jahr neue Rekorde bei den Übernachtungszahlen. Wird diese Erfolgsgeschichte anhalten?

Es wird auch in den kommenden Jahren weitere Zuwächse geben. Weltweit wachsen der Wunsch und die Möglichkeit nach Mobilität. Und natürlich wollen wir weiterhin Zuwächse verzeichnen, denn der Tourismus ist ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor für Hamburg. Aber wir werden unseren Erfolg nicht ausschließlich an den Übernachtungszahlen, an quantitativen Aspekten, festmachen. Denn vielfach hängen diese Zahlen auch von exogenen Faktoren ab, die wir nicht beeinflussen können, nehmen Sie nur den Brexit oder die politische Lage in Russland. Wir werden zukünftig auch darum bemüht sein, qualitative Aspekte des Tourismus in den Vordergrund zu stellen. Themen wie Servicequalität, Internationalität der Stadt, Nachhaltigkeit oder Barrierefreiheit gewinnen an Bedeutung.

Es soll aber auch immer mehr Hamburger geben, die von dem Touristenansturm genervt sind.

Für mich waren auf jeder Reise stets der Austausch und die Erlebnisse mit den Bewohnern des Landes und der Stadt das Salz in der Suppe. Und ich glaube, dass für viele Touristen gerade dieses authentische Reiseerlebnis immer mehr im Vordergrund steht. Das Mit- und Nebeneinander zwischen Touristen und Hamburgern muss im Gleichgewicht stehen. Die Akzeptanz der Hamburger für die Tourismusentwicklung ist ganz wichtig, und es gilt, ein Gleichgewicht zu finden zwischen zwei sehr emotionalen Feldern, dem Reisen sowie der Identifikation und dem Lebensgefühl der Bürger. Beides unterstützt und bedingt sich gegenseitig. Die Hamburger sind die wichtigsten Markenbotschafter für die Stadt. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt, an dem rund 100.000 Arbeitsplätze hängen. Wir arbeiten daran, die Tourismusströme zu entzerren.

Wie soll das funktionieren?

Wir wollen unsere Gäste auch für andere reizvolle Viertel in dieser Stadt begeistern, beispielsweise durch eine Verteilung des Veranstaltungsgeschehens. Und wenn man die Entwicklungen zum Beispiel in Bergedorf, Harburg oder auch der Metropolregion sieht, dann bietet Hamburg sicher eine abwechslungsreiche Bandbreite an Erlebnispunkten.

Airbnb ist in Hamburg im Aufwind. Es soll laut einer Studie allein im vergangenen Jahr dadurch rund zwei Millionen Übernachtungen gegeben haben. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Airbnb wirbt mit dem authentischeren Reiserlebnis. Das ist grundsätzlich eine attraktive und individuelle Möglichkeit, um in Hamburg zu übernachten und Hamburg zu erleben. Es gibt jedoch die gesetzlichen Regeln des Wohnraumschutzgesetzes, die einzuhalten und zu kontrollieren sind. Zudem darf es auch nicht so weit kommen, dass beispielsweise kaum noch Nachbarschaftsbeziehungen mehr bestehen, weil immer neue Gäste in der Wohnung nebenan sind. Es gilt, Regeln mit Airbnb zu vereinbaren und diese auch zu kontrollieren. Gemeinsam mit der Hotellerie, der Handelskammer und dem Tourismusverband arbeiten wir an Kriterien die mit Airbnb diskutiert werden müssen.

Hamburg verzeichnet einen Boom an neuen Hotelprojekten. Haben wir nicht bald ein Überangebot?

Die Marktdaten zeigen, dass der Bedarf da ist. Wir streben für Hamburg ein möglichst vielfältiges Angebot an individuellen Hotels an. Das heißt, wir brauchen innovative Konzepte für jeden Geldbeutel. Davon werden auch die Hamburger profitieren, denn Hotels erhöhen die Urbanität in den Stadtteilen.

Brauchen wir mehr Luxushotels?

Das wäre sicherlich ein Pluspunkt für die Stadt. Aber internationale Luxushotelmarken benötigen neben entsprechend hohen Zimmerraten und passenden Vertragskonstrukten auch erstklassige Standorte in der Innenstadt, und die sind rar.

Hamburg arbeitet seit Jahren daran, mehr internationale Touristen für die Stadt zu begeistern. Bisher mit mäßigem Erfolg. Wird sich das ändern?

Das ist sicherlich ein sehr wichtiger Punkt für die zukünftigen Aktivitäten. Und es ist für mich auch eine sehr spannende Wahrnehmung. Viele Hamburger haben die Meinung, Hamburg ist die schönste Stadt der Welt. Und wer das nicht so sieht, hat selbst Schuld. Wenn man sich im Ausland etwas umhört, dann stellt man fest, dass viele dort gar nicht wissen, wo Hamburg ist, wie schön Hamburg ist und was Hamburg alles zu bieten hat. Und auch wenn sich die Übernachtungszahlen aus dem Ausland in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt haben, haben wir gerade in China oder auf dem arabischen Markt Nachholbedarf. Wir haben in sechs Monaten die Eröffnung der Elbphilharmonie. Mit diesem Konzerthaus der absoluten Spitzenklasse in einem Bauwerk von einzigartiger Architektur bekommen wir die Möglichkeit, auch internationale Aufmerksamkeit zu erregen und diese Zielgruppe für uns zu begeistern.

Sollte Hamburg mehr als Shoppingmetropole beworben werden?

Wir sollten die Vielfalt der Einkaufsmöglichkeiten für bestimmte Zielgruppen noch weiter ausbauen. Es gibt durchaus noch Möglichkeiten, die Attraktivität Hamburgs in diesem Bereich zu steigern, zum Beispiel in Bezug auf unsere internationalen Gäste über den Ausbau der Mehrsprachigkeit und die interkulturelle Kompetenz in den Geschäften.

Es soll bald noch ein weiteres Einkaufszen­trum mit rund 68.000 Quadratmetern Fläche in der HafenCity dazukommen. Die Einzelhändler in der Innenstadt fürchten die Konkurrenz. Was für eine Bedeutung haben die Pläne für den Tourismus?

Auf jeden Fall ist es eine weitere Attraktion für Touristen und vor allem auch Tagesgäste aus der Metropolregion. Wichtig ist, dass es einen Schulterschluss und für den Gast spürbare Verbindung zwischen der HafenCity und der Innenstadt gibt.

Eine repräsentative Tourismusinformation auf dem Rathausmarkt ist gescheitert. Wie geht es nun weiter?

Wir brauchen unbedingt eine Hamburg-Information für unsere Gäste und für die Einheimischen. Das muss eine Erlebniswelt werden, die nicht nur über Hamburg informiert, sondern auch zum Verweilen einlädt. Es muss eine Eins-a-Lage sein, zum Beispiel am Jungfernstieg. Wir arbeiten daran, den passenden Standort zu finden.