Der rote Faden

Der Kratzer am Auto des Designers

Peter Schmidt in seiner
Wohnung in Winterhude
mit einem Bocksbeutel,
den er neu designt hat

Peter Schmidt in seiner Wohnung in Winterhude mit einem Bocksbeutel, den er neu designt hat

Foto: Andreas Laible / HA

Optische Ordnung ist ein hohes Gut im Leben von Peter Schmidt. Ein Kreativer, der mit Parfümflakons weltbekannt wurde.

Hamburg. ause. Peter Schmidt hat seinen Blick auf die schwarze Vitrine mit den vielen Tassen gerichtet. Die Sekunden verrinnen. Manchmal wird man als Gesprächspartner das Gefühl nicht los, dass der weltbekannte Designer mehr schweigt als redet. Das stimmt natürlich nicht. Aber die Gesprächspausen vor einer Antwort haben es in sich, und man fragt sich, ob das nur ein Kniff ist, für mehr Aufmerksamkeit zu sorgen.

Peter Schmidt ist ein bedächtiger Mensch. Man kann sich nicht vorstellen, dass dieser hagere Mann über eine Straße rennt, zum Beispiel einem Bus hinterher. Seine Bewegungen wirken stets etwas verzögert. Selbst wenn er nur so dasitzt in seinem eleganten blauen Anzug und seinen leuchtend weißen Turnschuhen. Seine Vorbilder lägen in Asien, hat er mal gesagt, und: Der Sinn des Alters sei, „Einsamkeit in Einsichten zu verwandeln, bis zum Verrücktwerden“.

Das ist ein schöner Satz. Genau wie der, wonach er selbst nichts Besseres sei als ein gefährdeter Elefant in Namibia. Als kleiner Junge, so erzählt Peter Schmidt, habe er geglaubt, etwas Besseres zu sein. Das sei natürlich mitnichten so. Aber gefährdet wohl doch? Zumindest das, was ihn ausmache, die Empfindsamkeit für alles andere – für Menschen, Tiere, die Natur. Und dass zu dieser Empfindsamkeit „eine bestimmte Radikalität“ gehöre.

Radikalität. Das ist auch etwas, das man sich bei Schmidt nicht vorstellen kann. Einer, der bei einer Demonstration in der ersten Reihe marschiert und Polizisten anschreit? Niemals. Aber jemand, der mit „Radikalität seine Empfindsamkeit“ nach innen lebt? Das schon. Einer, der unmittelbar vor einer Herzoperation vom Krankenbett aufsteht wegen „atmosphärischer Störungen“. Einer, der unmittelbar nach einer Herzoperation vom Krankenbett aufsteht und sagt, jetzt benötige er erst einmal ein Glas guten Rotweins.

Zu der Empfindsamkeit von Peter Schmidt gehört seine Vorliebe für Stille. „Lärm gehe ich aus dem Weg.“ Manchmal sogar weicht er bis Spanien aus, in sein Haus auf Ibiza „Weil dort die Stille zu finden ist.“ Ein anderes Mal reicht die Lüneburger Heide, in der er vor ein paar Tagen erst zu Fuß unterwegs war. „Durch die Heide zu gehen, nur Vögel oder Wind hören, da mochte ich nicht mehr reden angesichts dieses berührenden Erlebnisses.“

Als Kind habe er gar nicht gern gesprochen, erzählt Peter Schmidt und fügt hinzu: „Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich habe ein pathologisches Selbstbewusstsein – trotz meiner leisen Sprache.“ Dieses Sich-seiner-selbst-bewusst-Sein, dieses Sich-selbst-Vertrauen, sei dringend nötig gewesen, um das zu erreichen, was er erreicht habe. „Selbstzweifel hindern einen, mit der eigenen Arbeit fertig zu werden.“

Peter Schmidt sagt von sich, er sei ein glücklicher Mensch. Glück in dem Sinne, dass er viel davon gehabt habe in seinem Leben. Das überrascht kaum, schließlich hat der heute 78-Jährige in seinem Leben für eine Vielzahl von Unternehmen die Verpackungen oder das Logo gestaltet. Wolfgang Joops und Jil Sanders Markenbilder entstanden in seinem Kopf ebenso wie Parfümflakons für Boss, Davidoff oder Laura Biagiotti. Das Hamburger Logo stammt von ihm genauso wie das der Bundeswehr.

Und doch braucht auch so ein Gigant des Designs Glück. Damals, zu Beginn seiner Karriere zum Beispiel, habe Friedrich Böltz von der Hamburger Werbeagentur Verclas & Böltz zufällig in einem Friseursalon ein Büchlein entdeckt. Gestaltet hatte es Peter Schmidt, und der Inhaber des Salons, der wie er aus Bayreuth stammte, hatte das Büchlein aus landsmannschaftlicher Verbundenheit gekauft. „Böltz war von der Gestaltung sehr angetan, schrieb mir einen Brief, und obwohl ich nicht vorhatte, nach Hamburg zu gehen, landete ich hier“, erzählt Peter Schmidt. „Er hat mich in seine Familie aufgenommen und sich um mich gekümmert.“

Nichts in seiner Wohnung ist zufällig an seinem Platz

Es ist die Begegnung mit anderen Menschen, die Schmidt immer wieder fasziniert. Weil sie ihm erlauben, mehr über sich selbst zu erfahren. „Ein großer Teil des eigenen Denkens wird von anderen Menschen beeinflusst.“ Ihn fasziniere das Wissen anderer, an dem er teilhaben könne. „Ich bin ein kreativer Mensch, der anders denkt als Manager.“ Kreative Menschen würden „aus dem Chaos heraus“ denken, „Manager hingegen denken geradeaus“ – und manche von ihnen „wahnsinnig schnell“.

Wenn Peter Schmidt sich in einen neuen Job vertieft, „dann steige ich tief ein und lese alles, was ich finden kann“. Ein „Schnellleser“ sei er dann, sagt er und spricht von Ruhe und Ordnung als Voraussetzung für die eigene Kreativität. „Allerdings braucht es dann auch die Augenblicke, in denen ein Blitz einschlägt.“

Um das zu verstehen, muss man etwas mehr über Peter Schmidt wissen. Da ist sein Sinn für Ordnung. Kein Möbelstück in seiner Wohnung im Herzen von Winterhude steht zufällig an seinem Platz. Wer durch die Eingangstür eintritt, dem fallen die in Reih und Glied liegenden Bücher auf einem Board auf. „Und dann bin ich ein total optischer Mensch“, sagt er. Da kann schon mal ein Kratzer am Auto dazu führen, dass er es nicht mehr fahren mag.

Um der Kreativität willen „produziere ich manchmal künstliches Chaos“, erzählt er. Das Zerstören von Strukturen helfe ihm. Es gehe um die Umkehrung von Dingen, einmal das Blatt wenden. „Manchmal muss man sich erlauben, absurde Dinge zu tun, um der eigenen Kreativität Raum zu geben.“

Es treibe ihn ein „fragwürdiger Ehrgeiz“ an, sagt Schmidt. Auch jetzt noch, wo er sich doch zurücklehnen und den Lebensabend genießen könnte. „Mir geht es darum, zu prüfen, ob ich bestimmte Dinge noch kann“, erklärt er. Derzeit arbeitet er mit zwei jungen Partnern, Daniel Belliero und Marcel Zandée, unter der Firmierung Peter Schmidt, Belliero und Zandée (PSBZ) zusammen. „Das ist eine wunderbare Möglichkeit, mit jungen Menschen zu diskutieren, zu gestalten und Wege zu suchen, die ungewöhnlich sind.“ Junge Menschen hätten noch „diesen instinkthaften Ehrgeiz“, begründet Schmidt seine Begeisterung.

„Wenn Ehrgeiz gesund ist, ist er eine wunderbare Bestätigung, dass man das Leben noch entdecken möchte.“ Das werde er wohl bis zum Ende nicht loswerden. Zugleich sieht der Designer die Gefahr, „eine Karikatur zu werden, wenn man sich zum Sklaven seines Ehrgeizes macht“. Bei Sammlern entdecke er das manchmal. Die könnten sich an ihrer Sammlung nicht erfreuen, weil ihnen durch das Zwanghafte die Leichtigkeit und Erhabenheit verloren gehe.

„Man braucht in sich ein Korrektiv“, sagt Peter Schmidt. „Ehrgeiz hat oft eben auch schrägen und seltsamen Einfluss auf einen selbst.“ Bei ihm habe sich dieses Korrektiv über die Zeit entwickelt und dadurch, „dass ich aus meinen Fehlern gelernt habe“. Wenn man einen Fehler gemacht habe, dann wisse man, warum, und wenn man nicht zu kompliziert sei, dann mache man den Fehler nicht noch einmal. Und er selbst? „Ich habe nicht zu viele Fehler zu oft wiederholt“, sagt er – und lächelt fein.

Leben bedeutet für ihn ausprobieren. „Mir geht es darum, sich die eigene Sensibilität zu bewahren.“ Das entschuldige sicher nicht alles, vor allem wenn Menschen verletzt worden seien. Aber es sei eine Essenz seines Lebens. Das mag damit zu tun haben, dass Peter Schmidt Verzeihen leichtfällt. Einmal habe ihm jemand, der ihm sehr nah gestanden habe, die Kreditkarte gestohlen und Geld abgehoben. Der materielle Verlust sei das eine gewesen. „Ich aber wollte damals vor allem ergründen, warum dieser Mensch das getan hat.“

Vielleicht ist es das Privileg eines Mannes in seinem Alter, keine Angst mehr zu haben. „Ich kann losgelöst von Problemen empfinden.“ Einzig die Beschleunigung, die einen ergreift, wenn man weiß, dass das meiste schon hinter einem liegt, bedrückt ihn. „Ein Jahr scheint nicht mehr ein Jahr“, sagt Peter Schmidt. Das klingt traurig. „Traurigkeit ist eine starke Emotion, aber sie lässt einen spüren, dass man lebendig ist.“

Es gehört auch zum Leben eines 78-Jährigen, über das Ende nachzudenken. „Das Stürmische, was in der Jugend großartig ist, ist verloren gegangen“, sagt er. An dessen Stelle sei ein großes Bewusstsein darüber getreten, auf welchen Boden man die eigenen Schritte setze. „Am Ende weiß man genau, wenn der Tod anklopft und dass man sich nicht mehr wehren darf. Dann ist eben Ruhe.“