Sightseeing-Lauf

„Pop in the City“ – ein Abenteuer in Hamburg nur für Frauen

Premiere für waghalsige Schnitzeljagd. 250 Touristinnen entdecken bei „Pop in the City“ die Stadt, inklusive Stangentanz auf dem Kiez.

Hamburg.  Die „Rickmer Rickmers“, 10 Uhr, zwei Frauen haben Angst. Nach einem Blick in die Masten werden vorsorglich letzte Worte getauscht: „Sag meinen Eltern, dass ich sie liebe“, ruft Marie-Laure. „Du bist schön! Du bist stark! Du schaffst das!“, erwidert ihre Freundin Marie Elodie. Dann setzen sich die beiden Französinnen weiße Helme auf, steigen in die Wanten des Hamburger Museumsschiffs und klettern gegen die Angst an. Ihr Ziel: eine Glocke in 25 Metern Höhe – und ein ungewöhnlicher Blick auf Hamburg. Man kann eine Städtetour auch unaufgeregter starten.

Einmal die „Rickmer Rickmers“ hoch und runter ist für Marie Elodie (31) und Marie-Laure (30) nur eine von vielen Mutproben an diesem Sonnabend. Auf die zwei Teilnehmerinnen der modern-urbanen Schnitzeljagd „Pop in the City“ – einem Sightseeing-Lauf für Frauen, der erstmals Station in Hamburg macht – warten noch 24 andere Herausforderungen: Stand-Up-Paddeln auf der Alster, Stangentanz auf dem Kiez, solche Sachen. Mal abseitig, mal touristisch, aber immer möglichst authentisch – das ist das Prinzip des Pop-in-the-City-Laufs.

Insgesamt 250 Frauen haben sich für die Hamburg-Premiere angemeldet. Ein Stadtplan, eine Checkliste, ein Rätselheft und zwei orangefarbene T-Shirts – mit dieser Ausstattung hetzen die Damen acht Stunden lang von „Challenge“ zu „Challenge“. Damit man Hamburg mal richtig kennenlernt, auch wenn man nur kurz da, also nur „pop in“ ist.

Angefangen hat der kostenpflichtig organisierte Frauenspaß um 8 Uhr auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz. Von überall her strömen feminine Zweiergrüppchen zum kollektiven Einschwören und Warmmachen vor die kleine Bühne. Es heizt an: Clémentine Charles, eine von drei französischen Gründerinnen der Pop in the City-Idee. Und: Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin der Stadt. Schön, dass alle da seien, sagt die Grünen-Politikerin, um beim Blick in die orangefarbene Menge festzustellen, dass sie mit ihrem schwarzen Kleid gnadenlos „overdressed“ sei. In jedem Fall, so Fegebank, wünsche sie allen eine tolle Hamburg-Erfahrung, zumal die Frauen noch mal wiederkommen müssten, um sich die fertige Elbphilharmonie anzusehen. Mission Stadtmarketing? Erfolgreich abgeschlossen!

Für die Französinnen Marie Elodie, Finanz-Controllerin aus Paris, und Marie-Laure, Rechtsanwältin aus Lille, ist es nicht die erste Städtetour dieser Art. Das Paar mit der Startnummer 56 hat sich auf diese Weise schon Nizza, Bo­logna oder Porto erlaufen. Nun also Hamburg. „Auf den ersten Blick wirkt die Stadt sehr künstlerisch und auf eine interessante Art untergründig“, sagen die jungen Frauen am Start. „Wir sind gespannt, was noch kommt.“ Dann müssen sie das erste Rätsel des Tages lösen, um an Stadtplan und Unterlagen zu gelangen: deutsche und französische EM-Tore addieren, die Tore der Schweizer abziehen – fertig. Klassische Frauenfrage.

Mit dem ausgehändigten Rätselheft, der sogenannten Roadmap, geht es schließlich los. Erst mal hinsetzen, groben Plan schmieden, Stationen lokalisieren, und dann: ab dafür! Die Frauen sollen „Challenges“ in den Kategorien Kultur, Sport, Charity, Kunst und Extrem machen. „Wir wollen erst mal zum Hafen“, sagt Marie-Laure. „Kategorie Ex­trem hinter uns bringen.“ Im Stechschritt wird die nächste U-Bahn gesucht. In der U 3 reift der Entschluss: An den Landungsbrücken raus!

„Bisher war jedes Pop in the City ein großer Spaß für uns“, sagt Marie Elodie. „Man kommt mit Leuten aus der Stadt in Kontakt, man sieht viel, man taucht ganz anders in die Kultur ein.“ Für den Erstkontakt mit der heimischen Bevölkerung suchen sich die beiden Französinnen ein verschlafen aussehendes Liebespärchen. Denn bevor es zur „Rickmer Rickmers“ geht, brauchen die beiden Stadttouristen einen Tipp, wie man in den Alten Elbtunnel gelangt. Aufgabe dort: Fotografiert die „Ratten, die der Seemann hasst“! Gesagt, getan. Im Eiltempo finden die beiden die entsprechend gestaltete Kachel unter der Elbe. Hinauf über die Elbtunneltreppe? „Vergiss es! Wir sind noch sieben Stunden auf den Beinen“, sagt Marie-Laure.

Höhenangst macht Marie Elodie zu schaffen

„Eigentlich hasse ich Sport“, sagt die Frau aus Lille. „Aber bei Pop in the City ist das etwas anderes. Hier geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, in acht Stunden möglichst tief in eine Stadt einzutauchen.“ Und da Hamburg nicht unbedingt ihre erste Wahl bei einer Städtereise nach Deutschland gewesen sei, bot sich jetzt die Gelegenheit, sich von der zweitgrößten deutschen Metropole überraschen zu lassen. Der Effekt nach einer Schnitzeljagd, sagt Marie Elodie, sei eigentlich immer: Ich komme wieder.

Auf der „Rickmer Rickmers“ stellt sich der Effekt allerdings nicht ein. Da hilft auch kein „Allez! Allez!“ Marie Elodie hat Höhenangst, bricht nach vier, fünf Metern ab, ihre Partnerin dagegen beißt sich durch, läutet in 25 Meter Höhe die Glocke: Checkpoint geschafft. Weiter geht’s unter anderem zum Chocoversum am Meßberg, zum Long­boardfahren an den Bunker und zur Millerntor Gallery beim FC St. Pauli. Insgesamt schaffen sie neun Stationen und sind rundum K.o. „Wir sind vor allem an Kultur und Essen interessiert“, hatten sie vorher gesagt. In den Genuss von Labskaus kommen sie nicht, aber immerhin gibt’s Franzbrötchen. „Auch lecker.“

Für fast 200 Euro Startgebühr wird den Frauen viel geboten, was Touristen sonst verwehrt bleibt. Einen ausgeruhten Blick auf die Stadt, sagt Marie-Laure, habe man dabei zwar nicht. „Aber dafür nehmen wir uns immer den Folgetag.“ Am Sonntag etwa ging es nach Altona, Spazierengehen. Und prompt fühlten sich die beiden mal an Amsterdam, mal an Bordeaux erinnert. Fazit: „Wir werden definitiv wiederkommen.“