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Internetsucht bedroht Kinder: Was Experten raten

Vereinsamung in der Gruppe – ein typisches Phänomen bei Jugendlichen, die auf ihr Smartphone fixiert sind

Vereinsamung in der Gruppe – ein typisches Phänomen bei Jugendlichen, die auf ihr Smartphone fixiert sind

Foto: picture alliance

Eltern dürfen Kinder nicht mit Problem allein lassen. 90 Prozent der Viertklässler sind in sozialen Medien aktiv.

Hamburg.  Die Zahl von Hamburger Kindern und Jugendlichen, die exzessiv Computer, Smartphones und andere digitale Medien und Netzwerke nutzen, steigt stetig an – und damit auch der Beratungsbedarf von Eltern. Jedes zweite Elternteil, das zum Elterncoaching am SuchtPräventionsZentrum des Landesinstitutes für Lehrerbildung (LI) kommt, sucht Rat zum Thema Medienkonsum. Knapp fünf Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen sind gefährdet, eine Internetsucht zu entwickeln – rechnerisch sind das fast 3700 junge Menschen in der Hansestadt.

Schulen allein seien mit dieser Problematik überfordert, sagt Professor Dr. Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Allein hier werden jährlich 1600 junge Menschen behandelt, 400 davon wegen einer Internetsucht – Tendenz steigend. Thomasius fordert mehr niedrigschwellige Beratungsstellen und appelliert an die Eltern, sich dringend mit der Mediennutzung ihrer Kinder zu beschäftigen und diese zu kontrollieren.

„Die Eltern sind gefragt, die Medienkompetenz zu stärken. Ein erschreckend hoher Anteil von Eltern weiß überhaupt nicht, wie lange ihre Kinder im Internet sind und welche Seiten sie sich angucken“, sagt Thomasius. Während bei den Jungs Computerspiele überwiegen, sind Mädchen eher in den sozialen Netzwerken unterwegs. Beide Gruppen aber, so der Experte, verbringen häufig viel zu viel Zeit im Internet, an Computer oder Smartphone.

Schon in der dritten Klasse gibt es Schüler, die morgens übermüdet in die Klasse kommen, weil sie abends zu lange bei WhatsApp gechattet haben, sagt Matthias Sannmann, Lehrer an der Grundschule Mümmelmannsberg. An manchen Schulen sind bereits bis zu 90 Prozent der Viertklässler aktiv bei WhatsApp, Instagram und Facebook, so schätzt der Fachmann für Medienkompetenz am Landesinstitut für Lehrerbildung.

Timo aus Eimsbüttel besucht die achte Klasse und verbringt nach der Schule viel Zeit mit Computerspielen, die „Overwatch“ heißen, „Call of Duty“ oder „GTA 5“ – darunter Spiele, die erst ab 18 Jahren freigegeben sind, an die der 14-Jährige aber mühelos herankommt. Genau wie seine Freunde. Das ist Alltag. Seine Mutter hat zwar ein Auge auf den Medienkonsum ihres Sohnes, alles hat sie aber auch nicht im Blick, vor allem nicht, wenn sie arbeitet und Timo allein zu Haus ist. Zusätzlich zu den Computerspielen ist er wie überall üblich in einer WhatsApp-Gruppe seiner Klasse.

Timo ist weit davon entfernt, süchtig zu sein. Er verbringt Zeit mit Freunden, geht zum Judotraining. Aber in den Praxen der Kinder- und Jugendpsychotherapeuten nimmt die Zahl derjenigen zu, die sich nicht mehr mit anderen treffen, weil sie acht Stunden und länger am PC spielen, die deshalb launisch und wütend, aggressiv und depressiv verstimmt sind. Weitere Hinweise auf eine Mediensucht können sein: Entzugserscheinungen wie Gereiztheit, sie verbringen immer mehr Zeit im Internet, sie können den Konsum ohne Hilfe gar nicht mehr begrenzen und setzen ihn fort, obwohl sie Freunde verlieren. Im schlimmsten Fall schwänzen sie die Schule.

Bei der psychotherapeutischen Behandlung werden Kinder und Jugendliche dazu gebracht, Freundschaften aufleben zu lassen. Gefährdet seien eher labile, ängstliche Typen. „Anders als bei Substanzabhängigkeit können wir sie nicht ganz vom Computer, vom Smartphone verbannen“, sagt Thomasius. Deshalb gehe es darum, die Zeiten an Computer, Spielkonsole oder Smartphone zu begrenzen.

Wichtig ist es laut Thomasius präventiv einer möglichen Sucht entgegenzuwirken, und zwar schon früh: „Viele Kinder haben schon unter 12 Jahren alleinigen Zugang ins Netz. Darin sehen wir eine große Gefahr, weil gerade Kinder unter 12 Jahren, die sich überlassen werden, ein erhöhtes Risiko für Mediensucht entwickeln können“, so Thomasius.

Matthias Sannmann, der Lehrer von der Grundschule Mümmelmannsberg, hat das Problem in seiner Klasse in den Griff bekommen. Die Kinder haben sich selbst Regeln gegeben – und festgestellt, dass sie nun mehr Zeit haben, um draußen zu spielen. Die Tipps der Experten zum Umgang mit dem Medienkonsum von Kindern.

1. Zeigen Sie Interesse, versuchen Sie die Faszination Ihres Kindes zu verstehen, und suchen Sie das offene Gespräch.

2. Beachten Sie Spiele auf mobilen Geräten, am besten gemeinsam geeignete Spiele aussuchen.

3. Vereinbaren Sie gemeinsam Regeln, dazu zählen neben der Nutzung des Computers auch Fernsehen, Smartphones und Spielkonsolen. Achten Sie auf Bildschirmpausen. Wann darf gespielt/gechattet werden? Wo und was?

4. Orientieren Sie sich an Zeitvorgaben (7–10 Jahre: 45 Minuten am Tag am Computer, chatten nicht ohne Kon­trolle, surfen im Internet nur auf geeigneten Seiten, 11–13 Jahren: 1,5 Stunden an PC und Spielkonsole, chatten ja, aber Regeln vereinbaren, allein spielen ab 12 mit Regeln, im Internet allein surfen ab 12, ab 14 Jahren: bis zu zwei Stunden am Computer/Spielekonsole, chatten ja mit vereinbarten Regeln, allein spielen ja, PC im eigenen Zimmer ja, im Internet surfen ja – für ältere Kinder kann man ein Medienbudget pro Woche vereinbaren.

5. Prüfen Sie unter www.usk.de, ob ein Spiel für die Altersgruppe Ihres Kindes freigegeben ist.

6. Seien sie Vorbild: auch eigene Mediengewohnheiten hinterfragen.

7. Bieten Sie Alternativen als Ausgleich, vermeiden Sie es, Computerspiele als Babysitter einzusetzen.

8. Tauschen Sie sich mit anderen Eltern über den Medienkonsum der Kinder aus.

9. Spiele nicht als erzieherisches Druckmittel benutzen! Sie sollen weder als Belohnung noch als Bestrafung eingesetzt werden.

10. Beide Elternteile, auch getrennte, müssen die gleiche Haltung haben und sollten an einem Strang ziehen.

Weitere Tipps gibt es unter www.klicksafe.de. Die Drogen- und Alkoholambulanz am UKE bietet ein Gruppenprogramm für Jugendliche „Lebenslust statt Online-Flucht“ (Kontakt unter Telefon: 741 05 42 17 oder drogenambulanz@uke.uni-hamburg.de). Elterncoaching bietet Klaus Pape im SuchtPräventionsZentrum an. Kontakt: spz@bsb.hamburg.de oder Telefon: 428 84 29 11.

Die Elternkammer und das SuchtPräventionsZentrum (SPZ) laden zur Diskussion mit Vortrag von Dipl.-Psych. Markus Plesner. Heute um 19.30 Uhr am Harburger Friedrich-Ebert-Gymnasium, Alter Postweg 30-38