Schanzenviertel

Wie ein verhasster Investor um seinen Ruf kämpft

Der Innenhof des neuen Hotels im Schanzenhof soll zukünftig überdacht werden

Der Innenhof des neuen Hotels im Schanzenhof soll zukünftig überdacht werden

Foto: HWS Immobilien- und Vermögensverwaltung

Der Streit um den Schanzenhof erregt die Gemüter. Eigentümer stellt Pläne für das Areal vor. Aber wird er damit Akzeptanz finden?

Hamburg.  Noch immer sind die Fenster des ehemaligen Restaurants Schanzenstern mit großen Spanplatten verbarrikadiert. Ein fetter roter Farbfleck prangt auf einer der Scheiben, daneben hat offenbar ein großer Stein das Glas zerstört. Quer über die Fensterreihe ziehen sich Graffitischmierereien, die jedoch nur notdürftig entfernt wurden. „Ihr werdet euch noch wundern“, so war es noch bis vor einigen Wochen auf der Eingangstür zu lesen.

Auch mehr als zwei Monate nach dem Auszug einiger Gewerbemieter aus dem sogenannten Schanzenhof, dem ehemals städtischen Gebäudekomplex zwischen Schanzenstraße und Bartelsstraße, kommt das Schanzenviertel nicht zur Ruhe. Erst Anfang Juni demonstrierten Unterstützer der Initiative Schanzenhof vor dem Gebäudekomplex gegen eine weitere Aufwertung des Quartiers. Die Polizei löste die Kundgebung vorzeitig auf und sprach zahlreiche Platzverweise aus.

Der Vorfall zeigt: Die Wut ist nach wie vor groß im Viertel, vor allem innerhalb der linken Szene. Man wolle dafür sorgen, dass „Schommartz und Behrmann die Freude am Schanzenhof im Hals stecken“ bleibe, hieß es vorab auf einem Flugblatt. Gemeint sind damit unter anderem die beiden Eigentümer der Immobilie, die Gebrüder Maximilian und Moritz Schommartz, die den Gebäudekomplex im März 2013 gekauft hatten. Wie berichtet hatte ihre HWS Immobilien- und Vermögensverwaltung vergangenes Jahr angekündigt, die Miete von rund 8,50 Euro auf das „ortsübliche Niveau“ (O-Ton Schommartz) von rund 14 Euro pro Quadratmeter zu erhöhen. Einige Mieter weigerten sich jedoch strikt und mussten das Gebäude Ende März verlassen. Der Fall löste ein Echo in der gesamten Stadt aus.

Neben einem Sportstudio, das bereits im vergangenen Dezember seine Fläche räumte, sind auch die Mieter der Kulturetage sowie das Hotel Schanzenstern ausgezogen. Die Drogenhilfeeinrichtung Palette e.V. darf zumindest noch solange bleiben, bis ihre neuen Räumlichkeiten an der Amandastraße bezugsfähig sind.

Mieterhöhung als „Akt der Gleichbehandlung“?

Der bei vielen so verhasste Investor empfängt im Büro seiner Immobilienverwaltung in Harvestehude. Ein imposanter und strahlend weißer Altbau mit perfekt gestutztem Rasen vor dem Haus, nur wenige Gehminuten von der Außenalster entfernt. Für seine ärgsten Widersacher sind allein aufgrund der Adresse alle Klischees erfüllt: Hier die alternativen Künstler und Gewerbetreibenden aus der Schanze, dort der gierige Spekulant aus dem feinen Nobelviertel.

Den Vorwurf des Spekulantentums weist Maximilian Schommartz, der seit seinem 18. Lebensjahr in der SPD ist und vergangenes Jahr zum Deputierten der Wirtschaftsbehörde gewählt wurde, jedoch entschieden zurück. „Es ist nicht unfair, wenn man sich an der ortsüblichen Vergleichsmiete orientiert“, verteidigt der 31-Jährige die Mieterhöhungen im Schanzenhof. Dies sei auch ein Akt der Gleichbehandlung. Die Schanze habe sich nun mal zu einem gefragten Viertel für Wohn- und Gewerberaum entwickelt. Wie Löhne würden auch Mieten steigen. Für beides sei Stillstand keine Option.

Im Gegenzug habe man den Mietern stets angeboten, die Mieterhöhung über Jahre zu strecken. „Keiner sollte von morgen an 14 Euro zahlen“, sagt Schommartz. Die Volkshochschule und das Kino 3001 lägen ohnehin weiterhin deutlich darunter. „Wir hätten je nach Situation für alle eine Lösung finden können.“ Im Gegensatz zu den Gerüchten, die über ihn im Umlauf seien, wolle er mit dem Objekt nicht spekulieren, sondern das Grundstück langfristig behalten, eine Spekulation auf Verkaufsgewinne sei ausgeschlossen. „Das haben wir mit keiner unserer Immobilien anders gemacht.“

Innenhof soll zum Stadtteiltreff werden

Um seine Aussage zu untermauern, verspricht der Immobilienunternehmer einen Millionenbetrag in den Schanzenhof zu investieren. So wolle man für das neue Hotel beispielsweise einen Wintergarten im Innenhof errichten, damit die Gastronomiefläche auch bei Wind und Wetter genutzt werden könne. Bereits jetzt habe man eine neue Heizungsanlage installiert und wolle zudem alle Fassaden noch einmal überarbeiten.

Die erst kürzlich freigewordenen Flächen will Schommartz zudem möglichst rasch neu vergeben. Die Räume der ehemaligen Kulturetage seien demnach für eine „schanzenaffine Büronutzung“ vorgesehen, verhandelt werde mit einem Gesangs- und Aufnahmestudio. Die unteren beiden Etagen, also das ehemalige Sportstudio, seien für Kulturschaffende reserviert. Konkretes könne man jedoch noch nicht sagen. „Die Gespräche laufen.“ Fest stehe jedoch, dass die Fläche sich zum Innenhof öffnen soll. „Der Hof könnte zukünftig auch als eine Art Stadtteiltreff für öffentliche Veranstaltungen und Ausstellungen genutzt werden“, sagt Schommartz. Auch das Kino 3001 solle in die Nutzung miteinbezogen werden, heißt es.

Doch bei den Kinobetreibern, die sich derzeit nicht öffentlich äußern wollen, ist man skeptisch, ob das am Ende auch so kommt. Erst vor ein paar Tagen hatte das Kino 3001 eine Abmahnung wegen unerlaubter Nutzung des Innenhofs erhalten. Es sei jedoch nicht das Ziel, das Kino zu vertreiben, betont Schommartz auf Nachfrage. „Wir wollen das Kino langfristig an dem Standort halten und möchten gern über die Modalitäten verhandeln.“ Die Kommunikation gestalte sich indes schwierig. Einer der Betreiber blocke Gespräche ab. Es scheint, als wolle man mit der Abmahnung das Gespräch jetzt erzwingen. „Wir wollen eine Kommunikation hinkriegen - trotz aller Schwierigkeiten.“

Hausverbote und Strafverfahren

Zu diesen „Schwierigkeiten“ zählt auch ein Ermittlungsverfahren, das derzeit gegen einen der Kinobetreiber läuft. So wirft Maximilian Schommartz ihm und den Verantwortlichen des Schanzenhof e.V. vor, bewusst zu Straftaten aufgerufen zu haben. Auf einem Flugblatt, das Ende Mai auf der Internetseite der Initiative verbreitet wurde, hieß es: „Wir wollen an diesem Tag bei einem gemeinsamen Brunch den Schanzenhof nach unseren Vorstellungen ‚verschönern‘. Materialien zur ‚Verschönerung‘ werden zur Verfügung gestellt.“ Das Gericht folgte der Darstellung, dass es sich dabei um einen Aufruf zur Sachbeschädigungen handele und erließ eine Unterlassungsverfügung.

Ärger mit der Justiz hat derzeit nicht nur der Kinobetreiber. Nach Aussagen der Initiative Schanzenhof hätten inzwischen mehrere Aktivisten, darunter unzählige ehemalige Mitarbeiter aus dem Schanzenhof, verschiedene Verfahren am Hals. Mal geht es um Beleidigung und Sachbeschädigung, mal um Hausfriedensbruch oder gefährliche Körperverletzung.

Zuletzt sorgte der Fall Ulrike W. in der linken Szene für Aufregung. Ende Mai erhielt die Betriebsratsvorsitzende der Drogenhilfeeinrichtung Palette, die sich in den vergangenen Monaten mehrfach kritisch zu Wort gemeldet hatte, eine Anzeige wegen Sachbeschädigung samt Hausverbot. In der Nacht auf den 30. März sei sie von der Polizei beim Beschmieren einer Fassade ertappt worden, so Schommartz zur Begründung. Inzwischen hat der Trägerverein sie aus der Drogenhilfeeinrichtung abgezogen und einem anderen Standort zugeteilt. Zu dem Vorfall wolle man sich jedoch nicht äußern, heißt es von Palette e.V.

„Ziel von Schommartz ist es, uns von der weiteren politischen Arbeit abzuhalten“, sagt ein Mitglied der Initiative Schanzenhof. Gleichzeitig sei es auch eine Drohung an andere, sich künftig nicht mehr an Aktivitäten zu beteiligen.

Schanzenhof-Eigentümer Maximilian Schommartz wehrt sich gegen den Vorwurf, den Protest gegen die Umwandlung des Schanzenhofs mit Polizei und Anwälten zu unterdrücken. „Es geht hier nicht um irgendwelche Beleidigungen“, so Schommartz. Wer von der Polizei auf frischer Tat bei einer Straftat erwischt werde oder sich wie bei der Schlüsselübergabe geschehen, „vermummt hinter einer Barrikade verschanzt“, sei kein akzeptabler Vertragspartner mehr. „Gewalt verdient keine Rücksichtnahme.“

Schommartz: „Struktur bleibt erhalten“

Er kann die Aufregung um den Schanzenhof sowieso nicht nachvollziehen. „Wenn man sich einmal ansieht, was wir vorher hatten und was es jetzt gibt, erkennt man, dass sich nicht viel geändert hat.“ Schließlich sei es das Ziel, den Schanzenhof „in seiner Struktur zu erhalten“ und neben dem „langfristigen Erhalt der VHS und des Kinos 3001“ alle künftigen Mieter „nach ihrem lokalen Bezug und ihren konzeptionellen Ideen auszuwählen“. Schommartz: „Was hier entsteht, muss ins Viertel passen.“

Hotelier Stephan Behrmann sei dafür das beste Beispiel. „Ich habe noch ganz andere Angebote von Hotelketten bekommen, die bereit gewesen wären, wesentlich mehr für diese Fläche zu bezahlen“, so Schommartz. Er habe sich aber bewusst für Herrn Behrmann entschieden. „Er ist im Stadtteil bereits aktiv.“

Der 42-jährige Hotelier, der bereits das „Fritz im Pyjama“-Hotel an der Schanzenstraße und das „Pyjama-Park“-Hotel an der Reeperbahn betreibt, will Anfang Juli in den Räumen des ehemaligen Hotels Schanzenstern das „Pyjama Park Schanzenviertel“ eröffnen. Geplant sind insgesamt 17 Zimmer, darunter zahlreiche Doppelzimmer (ab 60 Euro), sowie Schlafsäle für sechs bis acht Personen, in denen das Bett bereits ab 17 Euro pro Nacht zu haben sein soll.

Die Fläche im Erdgeschoss, das ehemalige Bio-Restaurant des Hotels, vermietet Behrmann an eine ehemalige Mitarbeiterin. Jill Bittner hat zuvor vier Jahre lang im Pyjama Park gearbeitet und will sich nun ihren Traum erfüllen: ein eigenes Restaurant. Neben einem reichhaltigen Frühstücksbuffet will die 32-Jährige in Zukunft ihren Gästen ab dem Mittag neapolitanische Pizzen servieren – natürlich ausschließlich mit regionalen und nachhaltigen Zutaten, wie es heißt. „Das wird kein Schickimicki“, betont die Junggastronomin. Die Pizza gebe es ab 7 Euro, das Astra für 2,50 Euro.

Verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen

Stephan Behrmann, der sich in den vergangenen Monaten ebenso wie die Schommartz-Brüder massiven Anfeindungen im Stadtteil ausgesetzt sah, hofft gemeinsam mit Bittner, die auf St. Pauli groß geworden und dort äußerst gut vernetzt ist, verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. „Wir wollen für die Menschen im Viertel greifbar werden und damit unser vermeintliches Schreckensgesicht verlieren.“ Er will beweisen, dass er alles andere als ein „heuchlerischer Geschäftemacher“ ist, wie man ihm vorwirft.

Um die Akzeptanz zu steigern und Vorurteile abzubauen, will Behrmann den Kontakt zu den Nachbarn im Viertel intensivieren und sein bisheriges soziales Engagement noch weiter verstärken. Geplant ist ein eigener Förderverein, der für jede Übernachtung Geld für soziale Zwecke in der Nachbarschaft spendet. Mit Stephan Behrmann als Aushängeschild, so hofft wohl auch Maximilian Schommartz, könne man die Kritiker im Viertel womöglich doch noch überzeugen. „Wir werden mit Transparenz und Taten belegen, dass die Vorwürfe nicht zutreffen.“

Fraglich ist, ob und wie schnell man im Schanzenviertel die Veränderungen im Schanzenhof akzeptieren wird. Die Spanplatten jedenfalls wird man schon bald wieder abnehmen müssen.

Die Entwicklung des Schanzenhofs: 1989 kauft die Stadt Hamburg den Gebäudekomplex zwischen Schanzenstraße und Bartelsstraße von der Firma Montblanc und vermietet die Räume preisgünstig an verschiedene kulturelle und soziale Einrichtungen. 2006 verkauft die CDU-Regierung den Schanzenhof an private Investoren. Nach zwei Wiederverkäufen gehört das Areal seit März 2013 der HWS Immobilien- und Vermögensverwaltung.