EU

Die Wirtschaft im Norden fürchtet den Brexit

Dirk Zschalich prüft ein Kopfstück einer Absperrarmatur, die er auch nach Großbritannien liefert. Der Chef von Herose in Bad Oldesloe fürchtet im Falle eines Brexits um die Zertifikate seiner Produkte

Dirk Zschalich prüft ein Kopfstück einer Absperrarmatur, die er auch nach Großbritannien liefert. Der Chef von Herose in Bad Oldesloe fürchtet im Falle eines Brexits um die Zertifikate seiner Produkte

Foto: Klaus Bodig / HA

Zölle, neue Produktzulassungen – vieles würde sich bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU ändern.

Hamburg.  Noch ist nichts entschieden. Den Umfragen zufolge liegen Befürworter und Gegner eines Ausstiegs Großbritanniens aus der EU in etwa gleich auf. Die einen wittern in der Unabhängigkeit der Wirtschaft von der EU große Vorteile. Die anderen befürchten, dass der sogenannte Brexit zur Isolation der britischen Insel führt und der EU insgesamt schadet. Doch nicht nur in London, Brüssel oder in Berlin blickt man dem Tag des Referendums am 23. Juni besorgt entgegen. Auch für viele Hamburger und zahlreiche norddeutsche Unternehmen hat die Entscheidung der Briten erhebliche Konsequenzen.

Einer von ihnen ist Dirk Zschalich. Er ist Geschäftsführer von Herose, einem mittelständischen Armaturenhersteller in Bad Oldesloe. Herose produziert spezielle Ventile, Druckregler und Absperrhähne für Flüssigkeiten, die unter hohem Druck und bei extrem tiefen Temperaturen gelagert werden müssen – etwa für Sauerstofftanks in Krankenhäusern oder für Tankfahrzeuge mit flüssigem Erdgas. Gut sieben Prozent seines Umsatzes von jährlich 55 Millionen Euro macht der Betrieb in Großbritannien. Die Geschäfte laufen dort so gut, dass Herose auf der Insel eine eigene Tochterfirma aufgebaut hat. Kurzfristig würde sich durch den Brexit nichts ändern, glaubt Zschalich. „Aber mittelfristig ergeben sich viele Unsicherheiten“, sagt er. Da wäre zum einen die Zulassung seiner Produkte. Da es sich um Erzeugnisse mit hohem Sicherheitsstandard handelt, benötigen sie eine besondere Zertifizierung. „Durch die Konformitätserklärungen haben wir in der EU keine Probleme. Steigt Großbritannien aus, benötigen wir neue Zulassungen und die sind teuer.“ Teuer wären auch weitere Zolldeklarationen, die auf Herose beim Brexit zukommen könnten.

Die Bad Oldesloer stehen damit nicht allein. Der Arbeitgeberverband Nordmetall veröffentlicht im Zuge seiner Verbandstagung heute eine Umfrage, die er zusammen mit dem Schwesterverband AGV Nord unter seinen Mitgliedsbetrieben durchgeführt hat. Ergebnis: Der wirtschaftliche Schaden eines Brexits für die norddeutsche Metall- und Elektroindustrie wäre erheblich: 63 Prozent der Firmen sähen ihre eigenen Geschäfte mindestens teilweise in Mitleidenschaft gezogen, acht Prozent sogar sehr stark.

Sollten die Briten am 23. Juni für einen Ausstieg aus der EU votieren, rechnen jeweils mehr als 60 Prozent der Unternehmen mit Beeinträchtigungen des Handels durch höhere Zölle oder andere Hürden. Insgesamt verkaufen 50 Prozent der befragten Betriebe ihre Produkte ins Vereinigte Königreich, immerhin gut 30 Prozent kaufen dort ein. Ein Drittel der befragten Unternehmen erzielt derzeit mehr als fünf Prozent des Umsatzes mit Geschäften in Großbritannien.

Damit sind die Verbindungen der Branche nach Großbritannien nicht so groß wie etwa nach Frankreich, in die USA oder nach Asien. Und nicht jeder Betrieb wäre von einem Ausstieg der Briten aus der EU so stark betroffen wie Herose. Dennoch bereiten dem Präsidenten von Nordmetall, Thomas Lambusch, die mittel- und langfristigen Folgen eines Ausstiegs Großbritanniens aus der EU Sorgen: „Bei einem Brexit ginge Deutschland ein wichtiger Partner in der EU verloren. Ohne das Gewicht der Briten würde das marktwirtschaftlich orientierte Lager in der EU geschwächt, und die stärker staatswirtschaftlich geprägten Länder erhielten Auftrieb. Das ist ganz und gar nicht im Interesse der norddeutschen Industrie“, sagt Lambusch. Die Unternehmen befürchteten eine Sogwirkung, die neue Handelshürden sowie zunehmende nationalstaatliche Abschottung befördern könnte und am Ende den Bestand der EU infrage stelle. „Das wäre für unsere Export orientierte Metall- und Elektroindustrie fatal“, so Lambusch.

Fatal wäre es auch für viele andere Branchen, heißt es aus der Handelskammer. „Großbritannien steht an Nummer vier unter Hamburgs wichtigsten Wirtschaftspartnern. Es ist im vitalen Interesse der Hamburger Wirtschaft, dass ein Brexit nicht eintritt, denn er hätte erhebliche Folgen für die Geschäftstätigkeit Hamburger Unternehmen im Vereinigten Königreich“, sagt Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Hauptgeschäftsführer der Kammer. Ähnlich wie Herose-Geschäftsführer Zschalich, der um die Zulassung seiner Produkte in England bangt, sieht auch Schmidt-Trenz „... große Unsicherheit über die rechtlichen Rahmenbedingungen, da die bestehenden Regeln der Freizügigkeit für Personen, Waren, Kapital und Dienstleistungen durch den britischen Austritt aus dem europäischen Binnenmarkt nicht mehr gelten würden“. Negative Auswirkungen auf den Außenhandel, auf die Mitarbeiterentsendung und auf Investitionsentscheidungen wären für die Hamburger Unternehmen mit Großbritannien-Beziehungen im Falle des Brexits unvermeidbar, warnt der Kammerchef.

Alle Verträge wären beim Brexit völkerrechtlich hinfällig

„Man muss sich das so vorstellen: Alle mit Großbritannien geschlossenen Verträge wären bei einem Brexit völkerrechtlich hinfällig. Das würde in erster Linie die Finanzwirtschaft betreffen in der Folge aber die gesamte Wirtschaft“, sagt Henning Vöpel, der das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut leitet. Wahrscheinlich würde Großbritannien versuchen als Hilfsvehikel mit der EU eine Zollunion zu schließen, vermutet Vöpel. Einen Gewinner gäbe es beim Austritt aus seiner Sicht nicht. Ein Brexit würde beiden Seiten Probleme bereiten. Anders­herum dürfte ein Sieg der Brexit-Gegner die EU deutlich stärken.