St. Georg/Neustadt

Ortstermin am Grab im Restaurant

Koch soll die Leiche eines Schutzgelderpressers in seiner Trattoria einbetoniert haben. Gericht besichtigt den Tatort

St. Georg/Neustadt. An einem schmiedeeisernen Tor vor dem Casa Alfredo hängt ein Aushang mit den groben Verfahrensdaten, die sogenannte Gerichtsrolle, wie sie üblicherweise vor jedem Gerichtssaal zu finden ist. Am Donnerstagmorgen ist das kleine Lokal an der Kirchenallee der Gerichtssaal. Mehrere Stufen führen hinab ins Souterrain des Altbaus, zu einem winzigen Raum, der vor acht Monaten Schauplatz eines spektakulären Verbrechens wurde. Alfredo M., Koch des gleichnamigen Restaurants, erschoss dort den mutmaßlichen Schutzgelderpresser Ercan D., 49, und betonierte die Leiche im Abstellraum ein. Der 52-Jährige steht seit dem 11. Mai wegen Totschlags vor dem Landgericht.

Am Donnerstag wollen sich die Prozessbeteiligten ein plastisches Bild vom Ort des Geschehens verschaffen: Was genau ist hier passiert? „Der engere Tatort in Gastraum 1 einschließlich des dort befindlichen Mobiliars wird allgemein in Augenschein genommen“, sagt der Vorsitzende Richter Joachim Bülter. Hinter rot-weißem Flatterband drängen sich Bülter, seine Kollegen, die Schöffen, die Brüder des Opfers und ihre Anwälte, der Staatsanwalt und der Verteidiger. Vor der Absperrung haben sich etliche Medienvertreter positioniert; die Geschichte mit dem Hautgout einer überzeichneten Mafia-Story hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt.

Das Szenario in dem dunklen, sparsam möblierten Lokal entfaltet einen subtilen Horror. Alles ist noch so wie vor sechs Monaten, als die Polizei die in 30 Zentimeter Tiefe verscharrte Leiche von Ercan D. barg. Vor dem Gebäude steht eine Schiefertafel mit dem Menü vom 18. November: „Pasta mit Garnelen oder Rinderragout“. Auf den fünf Tischen liegen rot-weiß karierte Platzdeckchen, auf einem Schneidebrett sind noch Brotkrumen verstreut, die Fensterscheiben sind verdreckt. Ein unangenehmer, modriger Geruch liegt nach Monaten des Leerstands in der Luft. An einer Tür im Gastraum hängt ein Plakat, das ein italienisches Altstadtpanorama zeigt. Direkt dahinter, im Abstellraum, ließ Alfredo M. den Toten in einer Grube verschwinden. Ohne es zu ahnen, hatten Gäste sechs Wochen lang mediterrane Spezialitäten in unmittelbarer Nachbarschaft einer Leiche genossen.

Beim Prozessauftakt am 11. Mai hat Alfredo M. eingeräumt, Ercan D. während eines Handgemenges erschossen zu haben – eine andere Aussage zum Tatgeschehen gibt es nicht. Es kann sich alles so zugetragen haben, wie es der Angeklagte schildert – oder auch nicht. Nach seiner Version soll Ercan D., Spitzname CinCin, ihn jahrelang erpresst haben. Immer am Monatsende habe er ihm 1000 Euro gegeben, insgesamt gut 25.000 Euro. Wenn er versuchte, sich aus der Umklammerung des vorbestraften Mannes zu lösen, habe CinCin den Druck erhöht. Mal hätten zwielichtige Kerle vor seinem Restaurant herumgelungert und die Gäste bepöbelt; mal sei die Scheibe des Lokals zerstört worden. Im Juli 2015 habe er Fotos erhalten, die seine zwei Töchter an einer Bushaltestelle zeigten. Um Schutzgeld einzutreiben, sei Ercan D. am späten Abend des 30. September 2015 mit einer Schusswaffe im Lokal aufgekreuzt. Als CinCin zweideutig erwähnt habe, dass Alfredos „schöne Töchter“ doch auch für ihn „arbeiten“ – also auf den Strich gehen – könnten, habe er die Kontrolle verloren.

Am Donnerstag trägt Alfredo M. ein weißes Hemd und eine blau geränderte Brille. Wie am ersten Prozesstag wirkt er sehr kontrolliert. Auf Bitte des Gerichts setzt sich der 52-Jährige an einen Tisch und erläutert bereitwillig, wie sich die Tat abgespielt hat. Wo er saß und wo Ercan D., wie er im Zorn über die anzügliche Bemerkung aufsprang, der Tisch umkippte, Stühle umfielen und Ercan D. ebenfalls zu Boden ging. Wie er auf seinen Peiniger losgehen wollte, strauchelte und unter sich plötzlich die Schusswaffe zu greifen bekam, mit der Ercan D. zuvor herumgespielt hatte. Wie er dann in seine Richtung zielte und abdrückte. „Alles ging sehr schnell“, sagt Alfredo M.

Der tödliche Schuss durchtrennte das Halsmark von Ercan D., der 49-Jährige starb am Tatort. Seine Leiche entsorgte Alfredo M. in einer Grube, in der er Pumpen für einen Fettabscheider einbauen lassen wollte. Auf die Anmerkung, dass das geplante Gerät doch sehr weit weg sei von der Küche, erklärt der 52-Jährige, dass die Abwasserleitungen von der Küche zum Abscheider im Lagerraum verlegt werden sollten. Überhaupt sei ein neuer Abscheider nötig geworden, weil der alte in der Küche „Kloakengestank“ verströmt habe. Die Waffe warf der Koch nach der Tat in die Elbe. Ein Facebook-Post, in dem er Wochen später vom neu verlegten Boden schwärmte, ließ die Ermittler aufhorchen: Am 18. November durchsuchten sie das Lokal. Als ein Leichenspürhund anschlug, wusste Alfredo M., dass das Spiel gelaufen war.

So schildert es ein Ermittler im Strafjustizgebäude, wo der Prozess nach dem Ortstermin fortgesetzt wird. An jenem Tag, so der Beamte, sollte Alfredo M. im Präsidium zunächst zeugenschaftlich befragt werden. Als ihn die Nachricht vom bevorstehenden Leichenfund erreichte, sei der Koch damit konfrontiert und als Beschuldigter vernommen worden. „Ich fragte ihn geradeheraus: Wo ist Herr D.?“, sagt der Beamte. „Der Beschuldigte antwortete: noch im Laden.“ Der 52-Jährige, so der Polizist, habe „erleichtert“ gewirkt.