Hamburg

So werden Bürger Planer für Flüchtlingsheime

An der Uni suchen Hamburger mit einem digitalen Stadtmodell Unterbringungsplätze

Hamburg.  Blankenese könnte mit einem Schlag Hamburgs Problem mit der Unterbringung von Flüchtlingen lösen. Es gibt dort eine städtische Fläche, die Platz für exakt 13.138 Schutzsuchende bietet. Dieses öffentliche Areal haben die Teilnehmer des ersten Workhops am neuen digitalen Stadtmodell der HafenCity Universität (HCU) ausgemacht. Dafür müsste lediglich der traditionelle Hamburger Golf-Club in Falkenstein seinen Spielbetrieb auf Hamburger Grund und Boden einstellen. Statt Fairways und Grüns Modulbauten für Syrer und Eri­treer.

Dieses Szenario wird natürlich nicht eintreten. Hamburg wird den bis in die 30er-Jahre laufenden Pachtvertrag mit dem Golf-Club nicht kündigen. Allein die Entschädigungszahlungen an den Club wären so hoch, dass eine außerordentliche Kündigung nicht zu rechtfertigen ist. Doch dieses Beispiel zeigt auf eindrückliche Weise, was das neue Instrument der Universität kann. Mit einem Fingerzeig weist es städtische Grundstücke aus, die für die Unterbringung von Flüchtlingen infrage kommen könnten. Auf einem Bildschirm erscheinen Informationen über Größe, Zahl der potenziellen Unterbringungsplätze sowie Besonderheiten über Hemmnisse (Park, Oberleitungen, Friedhöfe, Naturschutz).

Der Workshop mit 15 Teilnehmern in der HCU beginnt am Donnerstagnachmittag beinahe biblisch. „Wer möchte den ersten Baustein setzen?“, fragt Professorin Dr. Gesa Ziemer, Leiterin des Projekts. Mit Lego-Bausteinen markieren die Teilnehmer auf einem zwei mal zwei Meter großen Modelltisch, auf den das Luftbild eines Stadtgebiets in der Größe von 1,5 mal 1,5 Kilometern projiziert ist, ein Grundstück. Eine Frau meldet sich und platziert den Lego-Baustein auf eine kleine Fläche in Lurup. Das Grundstück liegt inmitten einer Einzelhaussiedlung. Das Luftbild zeigt einen Park mit Bäumen. Und schon beginnt die erste Diskussion. „Das ist doch viel zu nah dran an der Wohnbebauung“, sagt ein Teilnehmer. „Nee“, erwidert die Frau, „hier leben viel weniger Menschen als in großen Wohnsiedlungen. Außerdem haben die Anwohner doch alle Gärten. Die brauchen die kleine Grünfläche nicht.“

Seit dem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen im vergangenen Jahr ist die Unterbringung der Menschen eines der drängendsten Themen der Stadt. Während auf der einen Seite die Hilfsbereitschaft der Hamburger weiter groß ist, hat sich der Widerstand gegen die Pläne zum Bau von Unterkünften mit mehreren Hundert Bewohnern in einer Initiative gegründet.

Das digitale Stadtmodell soll nach dem Willen von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) den Hamburgern eine Möglichkeit geben, sich an der Verteilung der Unterkünfte zu beteiligen. Entscheidungen von solcher Tragweite über die Köpfe der Bürger hinweg können nämlich zum Boomerang für die Regierung werden. Ein gewünschter Nebeneffekt ist dabei auch, dass sich die Forderung der Initiative nach einem Mindestabstand von einem Kilometer zwischen den Unterkünften bei einer maximalen Belegung von 300 Menschen als nicht durchführbar erweist.

Bis zu den Sommerferien können die Hamburger an zunächst 42 Workshops teilnehmen. Damit das aus Sicht der Macher klappen kann, gibt es Regeln. Es geht um die Suche nach 20.000 Unterbringungsplätzen, ausschließlich auf städtischen Flächen ab einer Größe von 1500 Quadratmetern. Drei bis fünf Jahre sollen die Unterkünfte bestehen. Ausgeschlossen sind Straßen, Bahnanlagen, Flughafen und Gewässer.

Es entspinnen sich kontroverse Diskussionen über das Für und Wider des jeweiligen Standorts. Ein Teilnehmer hat einen Bolzplatz in Lurup ausgemacht, auf dem die Saga frühestens in vier Jahren bauen will. Eigentlich sind Wohnungsbauflächen für die Errichtung von Flüchtlingsunterkünften tabu. Doch man einigt sich darauf, die Fläche für den Übergang nutzen zu wollen. Der Computer weist 320 Unterbringungsplätze aus. So weit das Modell. Doch nun muss der Zentrale Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF) diese Fläche prüfen und innerhalb von 14 Tagen eine Rückmeldung über die Machbarkeit geben.

Alle Vorschläge müssen vom Koordinierungsstab geprüft werden

Als Nächstes nimmt sich die Gruppe wieder Blankenese vor. 280 Plätze mitten in den Goßlers Park. „Da wird im Winter Schlitten gefahren“, sagt ein älterer Herr. „Grünflächen sind heilig. Es geht um den sozialen Frieden in der Stadt.“ Auch diese Hinweise werden dem ZKF mittels der ausgeklügelten Digitaltechnik des Stadtmodells schriftlich übersandt. Eine Vertreterin des Koordinierungsstabs zeigt sich anschließend überrascht darüber, dass es einem Teil der Leute nichts auszumachen scheint, Parks zur Verfügung zu stellen.

Bis auf eine Ausnahme gibt sich niemand als Nachbar eines möglichen Unterbringungsgrundstücks zu erkennen. Folglich fällt es auch niemandem schwer, großzügig Flächen zu benennen. Immerhin gibt ein Teilnehmer, der seinen Namen nicht nennen möchte, zu, dass er Skrupel hatte, einen Stein auf ein Grundstück in ein Wohngebiet zu setzen. „Damit mute ich den Bewohnern ja schon eine gewisse Belastung zu.“ Er hat es schließlich doch getan. „Um zu sehen, ob das Modell auch funktioniert.“

Am Ende finden die Teilnehmer des ersten Workshops 760 Unterbringungsplätze im Bezirk Altona. Es fehlen jetzt nur noch 19.240. Dann wäre das selbst gesteckte Ziel des Senats erreicht. Ob es genau so kommt wie in diesem Experiment, scheint wenig wahrscheinlich. Ein Lego-Stein auf einer Projektion ist eben schneller aufgestellt als eine Unterkunft in einem Wohngebiet.

Anmeldungen im Internet unter www.findingplaces. hamburg oder telefonisch unter: 040-43 13 93 93 (Mo bis Do 9–17 Uhr, Fr 9–14 Uhr)