Hamburg

Darf man eine Straße nach einer Hexe benennen?

Katharina Hanen wurde im Jahr 1444 verbrannt – ihr Name soll an die weiteren Opfer erinnern

Hamburg. Die Muster, sagt Jan Vahlenkamp, haben sich nicht geändert. Die Denunzianten sind nur ins Internet umgezogen, heißen jetzt Trolle und suchen sich Foren oder Kommentarspalten, um Minderheiten auszugrenzen, Verschwörungstheorien zu verbreiten oder vor okkulten Geheimbünden zu warnen, die in Wahrheit die Welt beherrschten. „Satanismus ist eigentlich immer im Spiel“, sagt Vahlenkamp. „Da hat sich in den letzten 500 Jahren nicht viel geändert.“ Die moderne Hexenjagd heiße nur anders.

Vielleicht ist es also wirklich an der Zeit, dass Hamburg die ersten Opfer von Verleumdung und Verfolgung offiziell rehabilitiert, so wie es der studierte Politologe vorhat. Denn 40 Hexen mindestens wurden in der Stadt hingerichtet, die Erinnerung an die zu Tode gekommenen vermeintlichen Zauberinnen und Zauberer ist aber alles andere als präsent. Mit einer Onlinepetition setzt sich Vahlenkamp nun dafür ein, eine Straße nach der ersten in Hamburg hingerichteten Hexe benennen zu lassen, nach Katharina Hanen.

Als gesichert gilt, dass zwischen 1444 und 1642 mehr als drei Dutzend Frauen auf Hamburger Scheiterhaufen verbrannt worden sind. Dokumentiert ist auch der erste Fall, bei dem einem gewissen Johann Prangen im Jahr 1444 die Kosten für die Verbrennung der „incantatrix“ Katharina Hanen aus der Stadtkasse erstattet wurden. Es ist einer der frühesten Hexenprozesse im norddeutschen Raum. Im selben Jahr erstattete die Kämmerei auch das Holz und das Pech für die Verbrennung einer „mulier divinatrix“, 1470 wurde eine „maleficiatrix“ getötet, 1474 nochmals eine „incantatrix“. In ganz Deutschland fanden etwa 50.000 bis 60.000 Hexen und Zauberer den Tod. „20 bis 25 Prozent der Hingerichteten waren Männer“, sagt Vahlenkamp. Sie alle hatten sich des „Schadenzaubers, der Giftmischerei oder zauberischer Wahrsage- und Heilkunst“ schuldig gemacht.

Der Mann, der nun eine Rehabilitierung fordert, legt weder großen Eifer noch übermäßigen Missionierungsdrang an den Tag. Der 34-Jährige wolle einfach zu Unrecht verfolgte Minderheiten ins Gedächtnis der Stadt rufen. Die Underdogs der Geschichte – sie sollen posthum Gehör finden. Er beschäftige sich schon länger mit Verschwörungstheorien, die sich gegen Minderheiten richten. Dabei sei er auch auf die Urform gestoßen, die Hexenverfolgung. Seine evangelische Erziehung habe damit nichts zu tun. „Ich bin einfach an Stadtgeschichte interessiert. Und als Spiegel dieser Geschichte wäre es doch sinnvoll, Straßen nicht nur nach verdienten hanseatischen Kaufmännern zu benennen, sondern auch nach Katharina Hanen, der ersten in Hamburg verbrannten Hexe.“

Die Erinnerungskultur liege dem gebürtigen Oldenburger am Herzen, denn die würde den Blick auf gefährliche Tendenzen der Moderne schärfen. Hamburg sei zwar weder weißer Fleck noch Hochburg der Hexenverfolgung gewesen. Im Gegensatz zu fast 50 anderen deutschen Städten habe es die Hansestadt aber versäumt, den Opfern der Hexenprozesse eine „sozialethische Rehabilitierung“ zu gewähren. Eine Straße in der Nähe des Kleinen Grasbrook, der Ort, den sich Vahlenkamp für das Foto aussucht, wäre seiner Ansicht nach angemessen: Es ist die überlieferte Hinrichtungsstelle Hamburgs, bekanntlich soll auch Klaus Störtebeker dort seinen Kopf verloren haben.

Völlig ignoriert hat Hamburg den Hexenwahn in seiner Geschichte indes nicht. Erst im Juni 2015 hat die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) einen Erinnerungsstein im „Garten der Frauen“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof eingeweiht, er soll das geschehene Unrecht repräsentieren und die Opfer der Hexenverfolgung ehren. Ebenfalls im vergangenen Jahr wurde beschlossen, eine Straße in einem Neubaugebiet in Ochsenwerder nach Abelke Bleken zu benennen – den Abelke-Bleken-Ring. Die Namensgeberin wurde 1583 vor dem Niedergericht der Zauberei angeklagt, verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Ihr erpresstes Geständnis ist das einzige seiner Art in Hamburg, wie Roswitha Rogge im „Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung“ dokumentiert hat.

Eine offizielle Rehabilitation durch Senat, Bürgerschaft oder Kirchen hat es aber bisher nicht gegeben, sagt Jan Vahlenkamp. Seine Petition versteht er deshalb auch als Gedankenanstoß, dies nachzuholen. Der dazugehörige Antrag muss, wie bei Straßenumbenennungen üblich, bei einem der Bezirksämter oder dem Rathaus eingereicht werden. Entschieden wird in der Senatskommision und dem Staatsarchiv.

Es geht um eine späte Wiederherstellung der Würde der in Hamburg Getöteten

„Das wäre ein symbolischer Akt, der niemandem wehtut“, sagt auch Hartmut Hegeler, Pastor aus Unna. Er hat sich einen Namen gemacht, indem er etwa 100 deutsche Städten an ihren Hexenwahn erinnerte und die Rehabilitierung anregte, 2012 schrieb er Olaf Scholz. Er bat den Senat um eine sozialethische – nicht um eine juristische – Rehabilitation. Antwort der Kulturbehörde damals: Etwas Derartiges sei nicht geplant. „Inzwischen“, sagt Hegeler, „schreiben wir das Jahr 2016, das Jahr, in dem selbst Papst Franziskus, das Oberhaupt der Katholischen Kirche, in einer Messe am 11. April die Hexenverfolgungen und Ketzerverbrennungen als Unrecht angeprangert hat.“ Aus seiner Sicht gebe es kaum einen besseren Zeitpunkt für eine späte Wiederherstellung der Würde der in Hamburg Getöteten. Zumal im kommenden Jahr der 500. Jahrestag der Reformation bevorstehe.

Was die Katharina-Hanen-Straße angeht, so will Initiator Jan Vahlenkamp zunächst ein halbes Jahr die Resonanz auf seine Petition abwarten. Bisher hat sie 56 Unterstützer.

Die Petition: www.hexenwahn.tk