Bürgerbeteiligung

Flüchtlinge: Quartierssuche an interaktiver Karte startet

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Sascha Balasko
Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) vor dem zwei mal zwei Meter großen Stadtmodell mit Prof. Gesa Ziemer und Kent Larson (l., MIT)

Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) vor dem zwei mal zwei Meter großen Stadtmodell mit Prof. Gesa Ziemer und Kent Larson (l., MIT)

Foto: Marcelo Hernandez

Um rund 20.0000 Flüchtlinge in der Stadt unterzubringen, sprechen nun die Hamburger mit. So können Sie sich für Workshops anmelden.

Hamburg Jetzt geht es los: Gut zwei Monate nach der Ankündigung können sich die Hamburger nun an der Suche nach Flächen für Flüchtlingsunterkünfte beteiligen. Am heutigen Donnerstag um 12 Uhr beginnt die Anmeldephase für die zunächst 42 Workshops an der HafenCity Universität (HCU). Die hat für das Vorhaben ein weltweit einzigartiges Computerprogramm des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston weiterentwickelt, mit dessen Hilfe Flächen ausgewiesen werden können.

Ziel dieses Projekts mit dem Namen „Finding Places“ (engl. für „Orte finden“) ist es, bis zu den Sommerferien Flächen für die Unterbringung von 20.000 Flüchtlingen in Hamburg ausfindig zu machen. Es geht dabei in erster Linie um Flächen, die der Stadt gehören und mindestens 1500 Quadratmeter groß sind, somit also Platz für etwa 50 bis 80 Unterbringungsplätze haben und für die Dauer von drei bis fünf Jahren belegt werden sollen.

Sechs Workshops soll es pro Bezirk geben

Pro Workshop können 30 Teilnehmer mitmachen. Jeweils zwei dieser Plätze sind für Vertreter der Volksinitiative „Hamburg für gute Integration!“ vorgesehen. Sie fordert einen Mindestabstand von einem Kilometer zwischen den Unterkünften sowie eine Belegung mit maximal 300 Menschen. Bislang sind für jeden der sieben Bezirke je sechs Workshops vorgesehen. „Die Zahl kann aber bei starker Nachfrage auch erhöht werden“, sagt Professorin Dr. Gesa Ziemer. Die Direktorin des CityScienceLab an der HCU leitet das Projekt. Am 26. Mai finden die ersten beiden Workshops in der HCU statt. Zwischen 15 und 17 Uhr und 18 und 20 Uhr werden sich die Teilnehmer mit dem Bezirk Altona befassen.

Im Zentrum des Projekts steht ein zwei mal zwei Meter großer Modelltisch, auf den das Luftbild eines Stadtgebiets in der Größe von 1,5 mal 1,5 Kilometern projiziert wird. Die Leistung der Programmierer liegt darin, dass alle Daten der einzelnen Flurstücke auf einem Monitor sichtbar gemacht werden. Dazu gehören Informationen über die Größe, potenzielle Bewohnerzahl und das Baurecht. Darüber hinaus zeigt das Computerprogramm genau jene städtischen Flächen in jeweils unterschiedlichen Farben an, auf denen der Bau von Flüchtlingsunterkünften grundsätzlich möglich ist, wo dies nicht der Fall ist (etwa bei Bahnanlagen, Flughafen) und wo es Einschränkungen gibt (Friedhöfe, Lärmbelastung). Insgesamt 250.000 Flurstücke sind dafür digitalisiert worden.

Auf dieser Grundlage sollen die Teilnehmer Vorschläge für den Bau der Einrichtungen machen. Der Clou: Mit Legosteinen, die mit Größen zwischen 40 und 1500 Unterbringungsplätzen programmiert sind, können diese Bauten auf dem Modelltisch platziert werden. Das Computerprogramm errechnet daraus den dann verbleibenden Bedarf. Allerdings: Bereits bestehende Unterkünfte können nicht gestrichen werden. „Wir wollen ja Unterkünfte suchen und zu politischer Meinungsbildung anregen“, so Prof. Ziemer.

Stadt beteiligt sich mit 500.000 Euro am Projekt

Die auf diese Weise gewonnenen Vorschläge werden an den Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge geschickt. Der prüft sie darauf hin, ob es etwa bestehende Mietverträge gibt oder Altlasten, die gegen den Bau einer Unterbringung sprechen. Nach spätestens 14 Tagen soll es eine entsprechende Rückmeldung geben. „Wir sind sehr stolz auf unsere HafenCity Universität“, sagte die Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne). „Hier erweist sich Wissenschaft als Problemlöser.“ Die Stadt beteiligt sich mit 500.000 Euro an dem Projekt – zu großen Teilen in Form von Forschungsförderung.

Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), der das Projekt am MIT kennengelernt und die Zusammenarbeit angeschoben hatte, verwies darauf, dass neue Unterkünfte auch trotz der derzeit sinkenden Flüchtlingszahlen benötigt würden. „Da Baumärkte, Fabrikhallen und manche Großraumbüros auf Dauer keine gute Unterkunft sind für Männer, Frauen und Kinder, die vor Krieg und politischer und religiöser Verfolgung geflohen sind.“ Hinzu kämen all jene Flüchtlinge, die schon von einer Erst- in eine Folgeunterbringung umziehen dürften sowie der Ersatz für zeitlich begrenzte Unterbringungen. Zusammen seien das etwa 13.000 Menschen, so Scholz. Abzuwarten sei auch der Sommer, in dem mit vermehrten Mittelmeer-Überquerungen zu rechnen ist.

Anmeldung ab Donnerstag, 12 Uhr, möglich

Während Scholz und Fegebank das Projekt als große Beteiligungsmöglichkeit für die Bürger lobten, kam Kritik von der CDU. Es entpuppe sich „als Beteiligungsshow mit unklaren Kosten“, hieß es in einer Mitteilung. Und Jennyfer Dutschke, flüchtlingspolitische Sprecherin der FDP monierte: „Die Bürger können gerne mitmachen, aber nur soweit der Senat das zulässt.“

So können Interessierte sich heute ab 12 Uhr anmelden: Internet unter www.findingplaces.hamburg oder telefonisch unter (040) 43 13 93 93 (Mo bis Do 9–17 Uhr, Fr 9–14 Uhr). Die Workshops finden im Erdgeschoss der HafenCity Universität, Überseeallee 16, 20457 Hamburg,

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