Erziehung

Kinderpsychiater: „Viele Mütter sind sehr angestrengt“

Foto: Bertold Fabricius

Noch immer tragen Frauen die Hauptlast der Erziehung, sagt der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort.

Altona.  Der 59-jährige Facharzt für Kinderpsychiatrie Michael Schulte-Markwort plädiert im Abendblatt-Interview dafür, dass Eltern und Kinder möglichst viel Zeit miteinander verbringen sollten. Mütter hätten es wegen der Doppelbelastung Arbeit und Familie heute viel schwerer als früher.

Hamburger Abendblatt: Erziehen Mütter anders als Väter?

Michael Schulte-Markwort: Mütter haben schon allein durch die Schwangerschaft eine andere Haltung zu ihren Kindern. Es macht natürlich einen großen Unterschied, ob ein Kind neun Monate in meinem Bauch herangewachsen ist oder mir – salopp gesagt – eines Tages in die Hand gedrückt wird. Die Mutter-Kind-Beziehung ist zumindest anfangs sehr viel intensiver. Das führt häufig zu einer anderen Tiefe der Einfühlung und zu einer anderen Nähe, verglichen mit der Vater-Kind-Beziehung. Deshalb sind Mütter oft die verständnisvolleren Erzieher.

Sind sie deshalb die besseren Erzieher?

Schulte-Markwort: Besser und schlechter sind in der Erziehung problematische Begriffe. Die besondere Empathie der Mütter hat viele Vorteile. Sie kann in manchen Situationen aber auch ein Nachteil sein, etwa wenn Mütter allzu nachsichtig sind. Dann ist die distanziertere Haltung des Vaters stärker gefragt. Es kommt allerdings auch vor, dass das Einfühlungsvermögen der Mutter dafür sorgt, dass sie strenger oder besorgter ist und der Vater sagen muss: Das wird schon, entspann’ Dich.

Dass die Mutter-Kind-Beziehung so eng ist, könnte für Väter ernüchternd sein.

Schulte-Markwort: Ja. Aber Männer sollten das nicht falsch verstehen: Der „Vorsprung“ der Mutter bedeutet nicht, dass Väter weniger wichtig sind. Sie sind nur in der zeitlichen Abfolge zunächst nachrangig. Sie können am Anfang ja vor allem dafür sorgen, dass die Stillsituation für Mutter und Kind angenehm ist, etwa indem sie sich um die Geschwisterkinder kümmern und die Mutter anderweitig entlasten, etwa im Haushalt.

Sollten Väter trotzdem schon mit dem Säugling viel Zeit verbringen?

Schulte-Markwort: Das würde ich mir sehr wünschen. Es trägt ja dazu bei, die Beziehung des Vaters zu seinem Kind zu stärken. Das Wickeln etwa ist eine intime Situation, in der sich auch Väter frühzeitig von einer liebevollen, fürsorglichen Seite zeigen können. Grundsätzlich sollten Väter das Kind nicht genauso oder besser betreuen wollen, sondern in ihrer väterlichen Funktion. Diese ist eine Halt gebende, Sicherheit spendende, die dann wichtiger wird, wenn sich das Beziehungsspektrum des Kindes in die Außenwelt erweitert.

Wann geschieht dies?

Schulte-Markwort: Etwa ab dem dritten Lebensjahr. Kinder beginnen dann, aus der Elternbeziehung herauszutreten. Das ist eine große psychische Leistung. An dieser Stelle ist der Vater sehr wichtig und eine zentrale Figur.

Welche mütterlichen Eigenschaften sind für Kinder besonders wichtig?

Schulte-Markwort: Eine gute Mutter nimmt die Gefühle ihrer Kinder auf und reagiert darauf angemessen. Sie sagt etwa: Du bist jetzt aber müde, du hast wohl Hunger, wir müssen die Windeln wechseln. Das ist sehr wichtig, weil Kinder über dieses sogenannte Containing lernen, Gefühle richtig zuzuordnen und sich entsprechend zu artikulieren. Wenn die Mutter jede Unmutsäußerung des Säuglings so übersetzt, dass er wohl Hunger hat, lernt er ein falsches Gefühl. Die meisten Mütter beherrschen das Containing sehr gut. Eine gute Mutter zeichnet zudem aus, dass sie nicht ihre Bedürfnisse und Persönlichkeitsstrukturen auf das Kind überträgt, sondern die Bedürfnisse des Kindes erkennt und ihr Handeln danach ausrichtet.

Wie viel Zuwendung braucht ein Kind?

Schulte-Markwort: Man kann ein Kind nicht übermäßig lieben – an Zuneigung sollten Eltern nie sparen. Gleichwohl müssen Kinder auch lernen, mit Frustrationen umzugehen. Man kann und sollte ihnen nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Wichtig ist, dass sich ein Kind sicher gebunden fühlt, wie es in der Psychologie heißt. Dazu braucht es komplettes Vertrauen in die uneingeschränkte Liebe seiner Eltern, die absolute Sicherheit, meine Mutter ist für mich da, sie ist verlässlich, aber sie traut mir auch etwas zu und kann sich zurücknehmen, wenn ich etwas wage.

Muss eine gute Mutter möglichst viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, oder genügen auch wenige Stunden pro Tag, in denen sie ihrem Nachwuchs besonders viel Aufmerksamkeit widmet, etwa morgens vor dem Besuch der Kita und danach?

Schulte-Markwort: Sie spielen auf den vor allem im englischsprachigen Raum verbreiteten Begriff „Quality time“ an, der aufkam, um den Druck von Müttern zu nehmen und sie zu beruhigen, dass Beruf und Familie vereinbar seien. Ob ein Kind mit wenig „Quality time“ zurecht kommt, hängt von seiner Persönlichkeit ab. Manche Kinder vertragen es besser, andere schlechter. Ich finde, dass wir unseren Kindern sehr viel Trennung zumuten.

Was ist schlecht an Trennung, wenn es „Quality time“ gibt?

Schulte-Markwort: Kinder müssen sich sehr anstrengen, mit der Trennung zurechtzukommen. Wenn man Kleinkinder fragen könnte, würden die doch nie sagen: Ich möchte in die Kita. Um das zu wollen, müssen Kinder mindestens vier, fünf Jahre alt sein. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Wenn eine Mutter sich entscheidet, ihr Kind früh in die Kita zu geben, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass es dem Kind schadet. Aber wenn Mütter mich fragen, ermuntere ich sie immer, noch einmal darüber nachzudenken, ob eine Trennung in einem bestimmten Ausmaß wirklich notwendig ist und ob es nicht auch andere Möglichkeiten gibt oder sie die Zeit der Trennung verkürzen können. Und ich frage immer, ob nicht auch der Vater einspringen kann.

Aber ist es nicht gut für die Selbstständigkeit des Kindes, früh in eine Kita zu kommen?

Schulte-Markwort: Das kann sein. Wir wissen aber, dass diese Selbstständigkeit auch noch später kommt. Kinder, die später in die Kita kommen, sind nicht unselbstständiger, sondern unter Umständen sicherer.

Sind Mütter heute glücklicher, weil es für sie einfacher ist, sich zu verwirklichen?

Schulte-Markwort: Nein. Mein Eindruck ist, dass Mütter vielmehr unter einem größeren Druck stehen. Viele Mütter sind wahnsinnig angestrengt, weil sie nach wie vor die Hauptlast der Erziehung tragen. 65 Prozent aller Schulkinder sagen, dass sie ihre Hausaufgaben nur mit Mamas Hilfe bewältigen. Die Mütter jonglieren mit etlichen Bällen gleichzeitig – und ständig fällt einer herunter. Sie müssen sich um ihren Beruf kümmern, ihre Karriere, betreuen die Kinder und geben alles, damit der Nachwuchs seine Talente entfalten kann. Und Ehefrau sollen sie natürlich auch noch sein.

„Mama-Logistik“ haben Sie das mal genannt.

Schulte-Markwort: Ich habe sehr viel Mitgefühl mit den jungen Müttern von heute. Sie müssen viel mehr Rollen übernehmen, ohne dafür etwas abgeben zu können.

Was ist anders als früher?

Schulte-Markwort: Wir sind heute viel aufmerksamer gegenüber dem Seelenleben der Kinder. Das finde ich an sich sehr schön. Früher wurden viele psychische Störungen übersehen. Auf das Wohl der Kinder achten aber vor allem die Mütter. Ich habe im Klinikalltag immer wieder auch mit erschöpften Kindern zu tun, mit dem Thema Burn-out. Ich frage dann nach Inseln der Gemeinsamkeit. Also: Wer ist in der Familie eigentlich wann zu Hause, und was macht man dann miteinander?

Und?

Schulte-Markwort: Meistens stellt sich heraus, dass hauptsächlich die Mutter für ihre Kinder da ist. Es ist leider immer noch so, dass viele Väter sich früh aus der Erziehung zurückziehen. Sie haben mehr Angst vor Gefühlen, und wenn es Probleme mit dem Kind gibt, überlassen sie es lieber den Müttern, zu einem Kinderpsychiater wie mir zu gehen. Ich freue mich über jeden Vater, der beim Erstgespräch dabei ist. Es ist schon oft vorgekommen, dass ich gerade Manager-Vätern gesagt habe: Sie können mir nicht erzählen, dass zwischen 18 und 20 Uhr in ihrem Büro tatsächlich jeden Tag etwas so Entscheidendes passiert, dass sie nicht früher zu Hause sein könnten. Die meisten Väter sagten daraufhin: Ja, da haben Sie wohl recht. Ich könnte die Mittagspause abkürzen und früher kommen. Das sind Kleinigkeiten, die Mutter und Kind aber sehr gut tun.