Die Woche im Rathaus

Wie eine parteilose Feministin die Hamburger AfD aufwühlt

Jens Meyer-Wellmann

Jens Meyer-Wellmann

Foto: Bertold Fabricius

In der Politik dreht sich nicht alles um die Gefühle eines Professors – es geht bekanntlich immer auch um die Partei.

Hamburg. Natürlich war wieder mal seine Frau schuld. Das glauben jedenfalls einige in der AfD. Schließlich habe die ja an einer linken Uni studiert und sei durch und durch liberal und, sagen wir es offen: womöglich sogar Feministin! Also habe Carola Groppe, Professorin für Erziehungswissenschaft, ihrem Gatten, dem Hamburger AfD-Fraktionschef Jörn Kruse, nach dem Stuttgarter Parteitag bestimmt erst einmal beigepult, wie schlimm das neue Grundsatzprogramm sei. Am Dienstag wurde der 67-jährige emeritierte Professor dann von einer Journalistin angerufen – und ließ einfach mal alles raus: Das AfD-Programm sei in puncto Islam, Klimawandel, Zuwanderung und Familienpolitik „unpräzise, unsinnig, töricht, unsäglich, vorgestrig und frauenfeindlich“, in Wahrheit „totaler Schwachsinn“, diktierte der AfD-Fraktionschef der „Welt“-Kollegin und resümierte: „Ich schäme mich dafür.“

Nun ging die Scham gleichwohl nicht so weit, dass Kruse aus dem Laden austrat, den er angeblich so furchtbar findet. Denn dann müsste er wohl auch den Job des Fraktionschefs an den Nagel hängen, und der bringt ihm mit der dreifachen Diät neben seiner Professoren-Pension noch rund 8000 Euro pro Monat ein. Die kann man ja auch als eine Art Schmerzensgeld verstehen, mit dem es sich schöner schämen lässt.

Allerdings dreht sich in der Politik nicht alles um die Gefühle eines Professors – es geht bekanntlich immer auch um die Partei. Man stelle sich mal vor, Spitzenleute von SPD oder CDU würden die Politik der eigenen Leute öffentlich als „unsäglichen Schwachsinn“ bezeichnen. Möglicherweise hätte das die eine oder andere Konsequenz. Die AfD aber, sonst auf einem knallharten Feldzug gegen ein „links-grün versifftes 68er-Deutschland“ mit all seiner Disziplinlosigkeit, beließ es in der Causa Kruse bei antiautoritärer Pädagogik. Die Parteispitze um Chef Bernd Baumann stellte lediglich per Pressemitteilung und Mail an die rund 500 Hamburger Mitglieder fest: „Der Landesvorstand steht hinter dem Programm.“ Kein Wort über Kruses Tiraden.

In einem Telefonat versicherte der Fraktionschef dem Parteivorsitzenden Baumann, dass er sich künftig eines anderen Vokabulars bedienen wolle – damit war die Sache vom Tisch. Kruse soll Fraktionschef bleiben, man habe keine Lust auf Zerwürfnisse, hieß es. Daran änderte auch die Wertung von Bundesparteisprecher Jörg Meuthen nichts, der Kruses Aussagen als „parteischädigend“ bezeichnete – ebenso wenig wie Austrittsforderungen aus Bayern und östlichen Bundesländern. Schließlich, so das Hamburger AfD-Selbstverständnis, habe man mit den Rechtsnationalen aus dem Osten sowieso wenig gemeinsam. Und: Was bitte haben die Bayern den Hamburger zu sagen? Auch Jens Eckleben, Chef der AfD Hamburg-Nord, in der Kruse Mitglied ist, mag in dessen Äußerungen keine Parteischädigung erkennen. „Ich hätte mir aber gewünscht, dass er sie als persönliche Meinung kennzeichnet“, so Eckleben. Außerdem habe Kruse das beschlossene Programm noch gar nicht gekannt.

Bei all dem ist nicht ausgeschlossen, dass Kruse, enger Weggefährte des von den Radikaleren aus der AfD gedrängten Ex-Chefs Bernd Lucke, auch weiterhin sagt, was er für richtig, oder besser: für Schwachsinn hält. Wenn auch mit anderen Worten. „Meine Wortwahl war überzogen. In der Sache habe ich nichts zurückzunehmen“, sagte Kruse dem Abendblatt jetzt in gewohnt selbstbewusster Manier. Es sei falsch, den Islam, wie im Grundsatzprogramm, „generell zu verdammen“. Und: „Dieses Frauenbild, nach dem Frauen am besten nur noch Kinder bekommen, kochen und putzen sollen, das ist so dermaßen rückwärtsgewandt, dass wir uns nicht wundern müssen, dass wir wenig weibliche Wähler und kaum weibliche Mitglieder haben.“

Da es kein „imperatives Mandat“ gebe, sei er als Abgeordneter nicht verpflichtet, alles zu vertreten, was die AfD beschließe. Zurücktreten werde er erst, wenn er keinen Rückhalt in der Fraktion mehr habe – und dort laufe die Zusammenarbeit „sehr gut und vertrauensvoll“. Praktisch für Kruse: Auch die Führung der Landespartei liegt in der Hand von Bürgerschaftsabgeordneten. So hat er auch von dort nichts zu befürchten. Vielleicht ist mancher sogar ganz glücklich, dass sich Kruse in der nach rechts gerückten AfD immer noch als liberales Feigenblatt hergibt. Insofern ist er sein Geld womöglich wert.

Mit seiner Frau Carola Groppe übrigens, früher SPD- und dann selbst AfD-Mitglied, diskutiere er „häufig über Politik, Soziologie, Geschichte und die Krise unserer Gesellschaft, die von vielen noch gar nicht als solche erkannt worden ist“, sagt Kruse. Und zwar immer „auf Augenhöhe“. Auch das noch! Ein Grund mehr, den nächsten Ausfall des Fraktionschefs zu fürchten. Denn einige erinnern sich noch an den Hamburger AfD-Gründungsparteitag 2013, an dem auch Groppe teilnahm. Sie stellte den allerersten Antrag – auf gendergerechte Umformulierung der Satzung. „Sie wollte, dass da alles auch in weiblicher Form drinsteht“, erinnert sich einer. Guter Witz! So ein „links-grün versiffter“ Blödsinn in der AfD? Dafür gab es fast keine Stimmen. Groppe ist längst wieder ausgetreten – und zieht dafür nun vom Frühstückstisch aus die Fäden. Man könnte Jörn Kruses Interviews als ihre späte Rache deuten.