RAF-Terror

Die späte Sühne der „Landshut“-Entführerin Andrawes

Souhaila Andrawes am 29.4.1996 kurz
vor Beginn der Hauptverhandlung im
Hamburger Strafjustizgebäude

Souhaila Andrawes am 29.4.1996 kurz vor Beginn der Hauptverhandlung im Hamburger Strafjustizgebäude

Foto: picture-alliance / dpa

Andrawes ist die einzige Überlebende jener vier Terroristen, die 1977 auf Mallorca die Lufthansa-Maschine „Landshut“ gekapert hatten.

Die Szene ging 1977 um die Welt. Eine junge Frau liegt auf einer Trage. Hose und T-Shirt sind blutdurchtränkt. Sie reckt den linken Arm hoch, bildet mit Zeige- und Mittelfinger das Victory-Zeichen und schreit mit schriller Stimme: „Kill me! Kill me!“ Um sie herum stehen schwer bewaffnete Bewacher. Sie lassen sich von der fanatisch wirkenden Verletzten nicht provozieren. Sie wird abtransportiert. 19 Jahre später, im April 1996, wird sie in Hamburg vor dem Oberlandesgericht angeklagt.

Souhaila Sami Andrawes as-Sayeh, damals 24 Jahre alt, geboren in Beirut und Tochter eines Palästinenser-Ehepaares, ist die einzige Überlebende jener vier Terroristen, die fünf Tage zuvor auf Mallorca die Lufthansa-Maschine „Landshut“ gekapert, auf einen Irrflug nach Mogadischu in Somalia gezwungen und bei der Zwischenlandung in Aden im Südjemen den deutschen Piloten Jürgen Schumann erschossen hatten. Die arabischen Extremisten unterstützten nach eigener Aussage mit ihrer Aktion das Kommando „Siegfried Hauser“ der deutschen Terror-Organisation Rote Armee Fraktion (RAF). Sie forderten die Freilassung von elf RAF-Häftlingen aus deutscher Haft sowie von zwei Palästinensern in der Türkei und drohten, den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer zu töten.

Bei der gewaltsamen Befreiung der 87 Geiseln tötete die deutsche Anti-Terror-Einheit GSG 9 zwei Männer und eine Frau des Palästinenserkommandos, Andrawes wurde im Kugelhagel an den Beinen schwer verletzt. Am Morgen nach der Befreiungsaktion fand man die RAF-Terroristen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin tot in ihren Zellen in Stuttgart-Stammheim. Einen weiteren Tag später wurde die Leiche von Hanns Martin Schleyer gefunden.

Andrawes wurde zwar in Somalia der Prozess gemacht; das Urteil lautete auf 20 Jahre Haft. Doch nach zwei Jahren Gefängnis wurde sie bereits wieder entlassen. Nach Aufenthalten in verschiedenen arabischen Ländern heiratete sie einen palästinensischen Journalisten, von dem sie eine Tochter bekam, siedelte nach Norwegen über und baute sich dort eine neue, bürgerliche Existenz in Oslo auf. Obwohl das offenbar kein Geheimnis war, wurden deutsche Behörden erst 1994 tätig. Die Ereignisse in Mogadischu waren hierzulande noch immer ungesühnt. Und der Name der Palästinenserin stand auf den Fahndungslisten neben den Namen gesuchter RAF-Terroristen.

Die Bundesrepublik beantragte die Auslieferung. Ein Jahr später betrat Andrawes auf dem Flughafen in Fuhlsbüttel erstmals deutschen Boden. Das war nach den Bestimmungen des Gerichtsverfassungsgesetzes der Grund für den Gerichtsstandort Hamburg. Fast auf den Tag genau vor 20 Jahren begann der erste Gerichtstag, den Journalisten aus aller Welt live verfolgten. Die Anklage lautete auf gemeinschaftlichen Mord, erpresserischen Menschenraub und Geiselnahme.

Es mutet wie eine Posse der Zeitgeschichte an, dass ausgerechnet an diesem Tag der umstrittene Palästinenser-Führer Jassir Arafat im Hamburger Rathaus zu Besuch war. Dieses Ereignis hatte die Angeklagte zu Prozessbeginn als Hinweis dafür gewertet, dass sie vor diesem Gericht keine Gerechtigkeit erwarten könne. Ihre Begründung klang politisch wirr. „Alle Welt weiß, welch schwerer Verbrechen sich Jassir Arafat und Yitzhak Rabin haben zuschulden kommen lassen“, sagte sie. „Und ich werde zum zweiten Mal bestraft.“ Der Palästinenser und der Israeli hatten 1994 für ihre Bemühungen um den Frieden im Nahen Osten den Nobelpreis erhalten.

Sieben Monate nach Prozessbeginn war es wieder eine Kampfgeste, die den Zuschauern im Gerichtssaal das eigentümliche Rechtsbewusstsein dieser Frau zeigte. Auf Krücken gestützt humpelte sie zu ihrem Platz, die Faust zur Siegerpose geballt. Doch statt des vielleicht erwarteten Freispruchs verurteilte sie Richter Albrecht Mentz zu zwölf Jahren Haft. Wer wie diese Frau die Erschießung des Piloten Schumann „mit Handgranaten absicherte, sich über das grauenhafte Geschehen lustig machte, es rechtfertigte, muss sich die Mordtat voll zurechnen lassen“, begründete er sein Urteil.

Ein Jahr später wurde ihr gestattet, die Reststrafe in Norwegen abzusitzen. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes wurde sie 1999 begnadigt. In Interviews äußerte Andrawes später Bedauern über ihre Teilnahme an der Tat.