Wirtschaft

Hamburger Firmen zeigen Industrie 4.0 auf Hannover Messe

Vom 3-D-Druck bis zur Elektromobilität. Bei der Hannover Messe präsentieren 35 Unternehmen aus der Hansestadt neue Fertigungsmethoden.

Hamburg.  Teile kommen aus dem 3-D-Drucker statt der Fräsmaschine, Roboter steuern die Fertigung und Maschinen geben Signale, bevor Ausfälle oder Störungen drohen: Die Industrie 4.0 verändert die Produktion nachhaltig und bestimmt die Hannover Messe, die am heutigen Montag beginnt. In diesem Jahr kommen mit 5200 Firmen 400 Aussteller mehr als zur vergleichbaren Vorveranstaltung von 2014. Partnerland sind die USA mit 465 Firmen.

Aus Hamburg kommen 35 Unternehmen nach Hannover

„Es werden in Hannover mehr als 100 konkrete Anwendungsbeispiele für die Industrie 4.0 gezeigt“, sagt Messe-Vorstand Jochen Köckler. Das sei weltweit einzigartig. Darunter sind Roboter, die eigenständig durch die Fabrik navigieren oder digitale Produktgedächtnisse steuern die Auftragsabwicklung und ermöglichen selbst kleinste Losgrößen. So steht der Begriff Indus­trie 4.0 für die vierte industrielle Revolution, in deren Verlauf die klassische Produktion mit dem Internet zusammenwächst. „Bei der sogenannten vorausschauenden Wartung erkennen Sensoren in einer Maschine, ob ein Defekt kurz bevorsteht und können Gegenmaßnahmen einleiten“, sagt
Köckler. Inzwischen wird auch schon über Maschinen nachgedacht, die sich selbst zusammensetzen. Bergungs- und Forschungsroboter können so an unzugängliche Orte gelangen und ihre funktionsfähige Form erst dort entfalten.

Aus Hamburg kommen 35 Unternehmen nach Hannover, sechs weniger als im Vorjahr. Die Schwerpunkte dieser Aussteller liegen im Bereich intelligente Energiesysteme und dem 3-D-Druck, also dem computergesteuerten Lasern des Produkts aus Materialpulver statt durch Abfräsen eines Blocks von Rohmaterial, wie das in der Regel bei traditioneller Fertigung geschieht.

Zu den Ausstellern aus Hamburg gehört das Laser Zentrum Nord (LZN), das zu den weltweit führenden Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der laseradditiven Fertigung gehört. „Wir wollen einem breiten Publikum aufzeigen, welche Möglichkeiten der
3-D-Druck heute schon bietet und hoffen auf viele interessante internationale Kontakte“, sagt Tim Marten Wischeropp vom LZN.

Die neue Fertigungstechnik eröffnet der Auto-, Flugzeug- und Maschinenbau-Industrie sowie der Medizintechnik völlig neue Möglichkeiten. Noch mehr Zukunftsmusik steckt in der Verbindung zwischen intelligenten Werkstoffen und 3-D-Druck. Auch beim sogenannten „bionischen“ Design forscht das LZN. So können Teile gefertigt werden, die unter Umwelteinflüssen ihre Form verändern. Damit sind Wasserrohre denkbar, die sich selbst entfalten oder je nach Wasserdruck ihren Durchmesser ändern.

Bereits 46 Prozent der Industrieunternehmen nutzen Industrie-4.0-Anwendungen, wie aus einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom hervorgeht. Sie wollen damit vor allem ihre Prozesse optimieren und die Kapazitätsauslastung in ihren Fabriken verbessern. 19 Prozent planen solche Projekte. Zulasten der Arbeitsplätze soll die neue Technik nicht gehen. 86 Prozent der Firmenchefs sagen, wegen Industrie 4.0 keine Entlassungen zu planen. „Die neue Technologie verbannt den Menschen nicht aus den Werkshallen“, sagt Bitkom-Präsidiumsmitglied Frank Riemensperger. „Aber es werden sich viele Berufsbilder verändern, was ein hohes Maß an Weiterbildung nötig macht.“

Auch in diesem Jahr präsentiert sich Hamburg nicht mit einem Gemeinschaftsstand als Forschungsstandort – im Gegensatz zu fast allen Bundesländern. „Für einen Hamburger Gemeinschaftsstand gibt es keine hinreichende Nachfrage aus der Wirtschaft“, sagt Susanne Meinecke, Sprecherin der Wirtschaftsbehörde. „Im Mittelpunkt der Industriemesse stehen Produkte und keine Standorte.“ Deshalb buchten die Hamburger Firmen ihre Stände in den Hallen, in denen auch ihre Mitbewerber vertreten sind.

Die Digitalisierung spielt auch im Energiebereich der Hannover Messe eine tragende Rolle. Dabei geht es darum, wie aus einem ehemals statischen zentralen Energiesystem ein flexibles dezentrales Netz mit vielen Akteuren werden kann. Zu den Hamburger Ausstellern gehört auch das mittelständische Unternehmen Hartmann, das ein breites Spektrum an elektronischen Dienstleistungen anbietet. „In Hannover sind wir mit Lösungen zur Elektromobilität vertreten“, sagt Projektleiter Johannes Christiansen. Hartmann entwickelt und baut Ladestationen für Elektroautos. Ein Trend dabei ist, vorhandene Ladestationen mit zusätzlichen Ladepunkten zu erweitern. Gleichzeitig werden die Ladestationen immer komplexer. „Im betrieblichen Bereich sind verschiedene Steuerungen besonders sinnvoll, etwa die Aufladezeiten mit dem Energieverbrauch des Unternehmens abzustimmen“, sagt Christiansen. Denn so kann verhindert werden, dass der Strom für die Elektroautos nicht gerade fließt, wenn der Verbrauch ohnehin besonders groß ist. „Im Mittelpunkt der Messe steht das Gespräch mit unseren Kunden“, sagt Christiansen. „Die Abschlüsse kommen sicher im Anschluss.“

Im Energiebereich der Messe präsentiert sich auch der Hamburger Windenergieanlagenbauer Nordex. Ausgestellt werden Windräder für Stark- und Schwachwindstandorte. „Unser Fokus liegt im Moment auf dem Heimatmarkt“, sagt Felix Losada von Nordex. Da sich die Förderbedingungen für Windstrom in Deutschland ab 2017 verändern sollen, hofft das Unternehmen jetzt noch möglichst viele Anlagen ans Netz zu bringen.

Nachfrage aus dem Ausland hat merklich nachgelassen

Die Hannover Messe gilt auch als Konjunkturbarometer. Das Hamburgische WeltWirtschaftsinstitut (HWWI) erwartet in diesem Jahr nur noch ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent nach 1,7 Prozent im Vorjahr. Ursache sei die globale Konjunkturschwäche, die sich in zurückhaltenden Investitionsentscheidungen niederschlage, sagt Jörg Hinze vom HWWI. „Die Nachfrage aus dem Ausland hat merklich nachgelassen.“

Viele Unternehmen hoffen deshalb auf neue Impulse durch die Hannover Messe. In der Elektroindustrie zeichnet sich eine solche Entwicklung schon ab, wie der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) berichtet. Obwohl die Liste der globalen Konjunkturrisiken lang ist, gehen drei Viertel der Unternehmen von einem Umsatzanstieg von zwei Prozent oder mehr in diesem Jahr aus. Die Hoffnungen des exportorientierten deutschen Maschinenbaus ruhen angesichts der Wachstumsschwäche Chinas in diesem Jahr vor allem auf den USA. Drei von vier Unternehmen sind zuversichtlich, mehr Geschäfte jenseits des Atlantiks zu machen, wie aus einer Umfrage des Branchenverbandes VDMA hervorgeht.