Hamburg

Stadtteilschulen in Not – und ein Weckruf des Schulsenators

Mit der beinahe beschaulichen Ruhe in der traditionell umkämpften Schulpolitik könnte es bald vorbei sein. Dass der berühmte zehnjährige Schulfrieden, den CDU, SPD und Grüne 2010 geschlossen haben, brüchiger wird, zeigte sich in dieser Woche. Ziel des Schulfriedens war und ist es, vor allem die fruchtlosen, von Ideologie geprägten Debatten über die Schulstruktur zu beenden und den von zahlreichen Reformen geplagten Schülern, Lehrern und Eltern eine Atempause zu gönnen.

Kern des Schulfriedens war das Zwei-Säulen-Modell aus Gymnasium (Abitur nach acht Jahren) und der neu geschaffenen Stadtteilschule (alle Abschlüsse, Abitur nach neun Jahren). Zeitgleich meldeten sich nun die Vertreter der beiden extremen Gegenpositionen zum aktuellen Schulsystem zu Wort. „Reden wir nicht um den heißen Brei: Das Konstrukt Zwei-Säulen-Modell ist gescheitert“, legte Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus los. Die Stadtteilschulen würden mit der Inklusion und der Beschulung der Flüchtlingskinder allein gelassen.

Ihre Forderung: Nicht allein die Stadtteilschulen, auch die Gymnasien müssten Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Rahmen der Inklusion aufnehmen, und sie müssten ebenso Flüchtlingskinder unterrichten. Erst dann, so Boeddinghaus, wären Gymnasien und Stadtteilschulen „gleichberechtigt“. Boeddinghaus: „Dann hätte das Gymnasium nicht mehr das Alleinstellungsmerkmal der angeblichen Elitebildung und des Unter-Sich-Bleibens.“ In Wahrheit handelt es sich dann um zwei annähernd gleiche Schulformen, was letztlich nichts anderes als die „Schule für alle“ bedeutet – eine alte Bekannte auf der linken Seite des Parteienspektrums mit vielen Sympathisanten vor allem bei den Grünen und auch der SPD.

Die Zahl gymnasial empfohlener Kinder ist auf einen Tiefstand gesunken

Auch Walter Scheuerl, 2010 mit der Initiative „Wir wollen lernen“ erfolgreich beim Volksentscheid gegen die sechsjährige Primarschule und Lobbyist der Gymnasien, stieg in die Debatte ein. Scheuerl schlägt den Stadtteilschulen vor, sich auf ihren „eigentlichen Bildungsauftrag“ zu besinnen und zu konzentrieren: „auf gute und ihrem Namen gerecht werdende Haupt- und Realschulabschlüsse, die den Schülern eine echte Ausbildungsfähigkeit mit auf dem Weg ins Leben geben“. Von wegen Abitur – das bleibt nach dem Willen Scheuerls vor allem den Gymnasien vorbehalten. Das wiederum ist perspektivisch nichts anderes als die Rückkehr zum alten dreigliedrigen Schulsystem – mit der leichten Abwandlung, dass Haupt- und Realschulen unter einem Dach arbeiten.

Richtig ist an den Reaktionen, dass sich die Wahrheit nicht ausblenden lässt: Immer deutlicher zeigt sich eine schwere Schlagseite zulasten der Stadtteilschulen. Die Gymnasien sind mit einer Anmeldequote von 54 Prozent der künftigen Fünftklässler in den Augen der Eltern die eindeutig attraktivere Schulform. Die Stadtteilschulen kommen nur auf gut 42 Prozent der Anmeldungen für die weiterführenden Schulen. Nie war der Abstand größer.

Und dann wurde in dieser Woche bekannt, dass die Zahl der gymnasial empfohlenen Kinder bei den Anmeldungen für die fünften Klassen der Stadtteilschulen auf einen historischen Tiefstand gesunken ist: nur 297 der knapp 6000 künftigen Stadtteilschüler haben eine solche Empfehlung mit der Perspektive Abitur. Fazit: Die neue Schulform hat einen eklatanten Mangel an leistungsstärkeren Schülern.

Ob nun der Schulfrieden aufgekündigt wird oder nicht – offensichtlich ist jedenfalls, dass die Stadtteilschulen an einer entscheidenden Wegmarke ihrer jungen Geschichte stehen. Es geht letztlich darum zu verhindern, dass viele der 58 Standorte zu einer Art „Restschule“ absinken.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) ist diese Problemlage sehr bewusst. Am Freitag nutzte Rabe eine zweitägige Tagung aller Schulleiter der Stadtteilschulen im niedersächsischen Jesteburg, um Klartext zu reden. Rabe forderte in seiner Rede zu Lage und Zukunft der Schulform ein eindeutiges Bekenntnis der Stadtteilschulen zum Leistungsprinzip. Nur so könne es gelingen, die steigende Zahl der Kinder mit Gymnasialempfehlung für die Stadtteilschule zu gewinnen. „Leistung und Leistungsanspruch muss zum Grundvokabular jeder Schulinformationsveranstaltung der Stadtteilschulen werden. Dazu zählen ernst zu nehmende Hausaufgaben, Klassenarbeiten und Anforderungen genauso wie die Begabtenförderung“, sagte der SPD-Politiker unmissverständlich. Beides müsse „auch im Schulalltag sehr ernst genommen und gelebt“ werden.

Für das Selbstverständnis vieler Stadtteilschulen sind das sehr ungewohnte Töne, weil deren Aufmerksamkeit vor allem den leistungsschwächeren Schülern gilt. Auch hier wurde Rabe deutlich: „Wir reden seit fünf Jahren in der Tat über Förderung an den Stadtteilschulen. Aber wir meinen vor allem die Förderung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf.“ Das ist das Thema Inklusion.

Rabe forderte die Teilnahme der Schulen an mehr Wettbewerben und weitere gezielte Maßnahmen. „Sonst gehen die Begabten zum Gymnasium.“ Auch das heiße Eisen der äußeren Differenzierung – also der Unterricht in getrennten Klassen auf zwei Lernniveaus – sprach Rabe an. Nach wie vor setzen die meisten Stadtteilschulen auf die sogenannte Binnendifferenzierung – leistungsstarke und -schwächere Schüler lernen zusammen in einer Klasse. Der Senator lobte das Beispiel der Heinrich-Hertz-Schule in Winterhude und der Gyula-Trebitsch-Schule in Tonndorf. Beide haben sehr hohe Anmeldezahlen und bieten zwei parallele Züge an, die zum Abitur nach acht und nach neun Jahren führen.

So deutlich sein Weckruf einerseits war, Rabe lobte auch die Leistungen der Stadtteilschulen, etwa die Absenkung der Schulabbrecherquote und die hohe Abiturquote von rund einem Drittel der Schüler. Vielleicht lag es ja daran, dass die große Auseinandersetzung in Jesteburg ausblieb. Wahrscheinlicher ist, dass der Problemdruck so groß ist, dass alle an einem Strang ziehen wollen. Die Zeit drängt.