Hamburg

Stadtteilschulen fehlen starke Schüler

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Peter Ulrich Meyer

Immer weniger haben eine Gymnasialempfehlung. Senator Rabe will die Schulform attraktiver machen. CDU fordert „gerechte Verteilungsmaßnahmen“

Hamburg.  Die vor fünf Jahren ins Leben gerufene Schulform der Stadtteilschulen muss sich gegen die starke Konkurrenz der bei Eltern beliebten Gymnasien behaupten. Ein Problem: Den Stadtteilschulen fehlen vor allem in den unteren Klassen die leistungsstärkeren Schüler. An 13 der 58 Schulen gibt es im laufenden Schuljahr keinen Fünftklässler mit einer Gymnasialempfehlung, also mit der Perspektive Abitur. An weiteren sieben Standorten ist es jeweils nur ein Schüler.

Insgesamt ist die Zahl der gymnasial empfohlenen Fünftklässler an den Stadtteilschulen auf den niedrigsten Wert seit ihrer Gründung gefallen: 297. Vor zwei Jahren hatten von den knapp 6000 Fünftklässlern an Stadtteilschulen immerhin noch 394 Jungen und Mädchen eine Gymnasialempfehlung.

Die Zahlen sind Teil der Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der CDU-Bildungspolitikerin Karin Prien. Es zeigt sich: Zu den wenigen Stadtteilschulen, die imstande sind, gymnasial empfohlene Fünftklässler in größerer Zahl anzuziehen, zählen die Max-Brauer-Schule (Bahrenfeld) mit 41 Kindern, die Goethe-Schule Harburg mit 20, die Gyula-Trebitsch-Schule Tonndorf mit 22 und die Ida-Ehre-Schule (Harvestehude) mit 18.

In der Mehrzahl liegen die Schulen ohne gymnasial empfohlene Schüler in sozial schwierigen Stadtteilen. Auf der anderen Seite sind es häufig genau diese Schulen, an denen der Anteil der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Zuge der Inklusion besonders hoch ist. Es gibt Standorte mit deutlich mehr als 100 Kindern mit Förderbedarf. Ein Beispiel: Die Stadtteilschule Hamburg-Mitte besuchen – verteilt über die Klassen 5 bis 13 – 146 Jungen und Mädchen mit sonderpäda-gogischem Förderbedarf. Dagegen gibt es kein Kind des aktuellen Jahrgangs 5, das eine Gymnasialempfehlung hat. „Wir müssen extrem aufpassen, dass unsere Stadtteilschulen nicht zu neuen Hauptschulen werden“, sagt CDU-Schulpolitikerin Karin Prien. Wenn ein Standort keine Schüler mit Gymnasialempfehlung habe, führe das „zwangsläufig zu einem Qualitätsverlust“. Angesichts der Herausforderung durch die Inklusion, vor allem in sozial schwächeren Stadtteilen, werde es für die Lehrer immer schwieriger, das Niveau zu halten.

Es seien zudem gerade diese Schulen, an denen die meisten Flüchtlingskinder in Vorbereitungsklassen unterrichtet würden. „Es ist an der Zeit, dass der Schulsenator endlich aufwacht und dem drohenden Untergang mancher Stadtteilschulen mit gerechten Verteilungsmaßnahmen entgegensteuert“, fordert die CDU-Politikerin.

Doch Schulsenator Ties Rabe (SPD) ist offensichtlich bereits entschlossen, die Probleme der Stadtteilschulen anzugehen. Im Gespräch mit dem Abendblatt weist der SPD-Politiker zwar darauf hin, dass der Anteil gymnasial empfohlener Schüler an den früheren Gesamtschulen schon seit der Jahrtausendwende stark rückläufig war. „Das ist keine aktuelle Entwicklung, sondern ein langfristiger Trend“, so Rabe. „Aber die Zahl der Kinder ohne Gymnasialempfehlung nimmt insgesamt immer weiter ab.“ Wenn sich eine Schulform schwerpunktmäßig auf die leistungsschwächeren Schüler konzentriere, sei sie perspektivisch ein „schrumpfendes System“.

Die aktuellen Zahlen belegen das: Bei der Anmelderunde für die fünften Klassen des kommenden Schuljahres wurden 54 Prozent des Jahrgangs für ein Gymnasium und nur gut 42 Prozent für eine Stadtteilschule angemeldet – nie war der Abstand größer. Rabe sieht es als unerlässlich an, dass sich die Stadtteilschulen intensiver als bisher mit der Leistungs- und Begabtenförderung beschäftigen. „Mein Ziel ist es, die Stadtteilschulen für Kinder mit Gymnasialempfehlung attraktiver zu machen“, sagt der Senator.

Der SPD-Politiker will mit Schulleitern, der Wirtschaft, Kammern und Verbänden „gemeinsam über weitere Schritte nachdenken“. Rabe hält es für sinnvoll, an das Reizthema innere und äußere Differenzierung „unvoreingenommen und auf allen Seiten frei von Ideologie“ heranzugehen. Bei der äußeren Differenzierung, die „nicht allein selig machend“ sei, werden Schüler entsprechend ihrem Leistungsstand in getrennten Klassen unterrichtet.

Rabe weist auf die Erfolge der Heinrich-Hertz-Schule (Winterhude) und Gyula-Trebitsch-Schule (Tonndorf) hin, die das Abitur in zwei Geschwindigkeiten nach acht und neun Jahren anbieten. Zudem müssten die Stadtteilschulen noch mehr darauf achten, dass der Fachunterricht auch von den entsprechenden Fachlehrern gegeben wird. „Ich wünsche mir eine Diskussion ohne Schaum vor dem Mund und frei von Ideologie“, betont Rabe.

Seite 2 Leitartikel

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