altstadt

Erinnerungen an das Gertig-Haus

Heinz Beckmann war Hausmeister in dem wunderschönen Bürogebäude, das einem „Kasten“ weichen musste

altstadt. Er kann den Anblick noch immer nicht verwinden. Diese abweisende Fassade aus Edelstahl und Glas. Wenn Heinz Beckmann vor dem Allianz-Hochhaus am Großen Burstah steht, hat er immer noch das Gertig-Haus vor Augen, das früher hier stand. Seine prächtige Fassade aus polierten Ziegeln, mit üppiger Ornamentik und Sprossenfenstern. Jeden Winkel kannte er darin.

Erbaut wurde es im Auftrag von Julius Gertig, der an der Ecke Großer Burstah/Bohnenstraße ein Lotteriegeschäft betrieb und mehrere Immobilien besaß, unter anderem das Mühlenkamper Fährhaus in Winterhude.

„Gertigs Büste stand im Eingangsbereich, neben zwei schwarzen Marmorbänken“, erinnert sich Heinz Beckmann. Wie oft er sie abgestaubt hat, weiß er nicht mehr. Auch nicht, wie oft er den Messingdrücker an der mit Intarsien verzierten Haustür geputzt, die Kokskessel im Keller gefüllt, den Marmorboden in der Rundbogenhalle gefeudelt oder die gemusterten Kacheln an den Wänden abgewischt hat. Es war sehr oft. Beckmann, heute 80 Jahre alt, war Hausmeister im Gertig-Haus. In dritter Generation. Bis das Familienamt, das sein Großvater 1925 angetreten hatte, rund 40 Jahre später mit dem Verkauf des Gertig-Hauses an die Allianz jäh endete.

Beckmann musste mit seiner Frau Helga und seinen beiden Kindern aus dem Haus ausziehen, in dessen Hausmeisterwohnung im vierten Stock – drei Zimmer und ein großer Balkon – er mit zwei Geschwistern aufgewachsen war. „Platz genug war erst, nachdem mein Vater, ein gelernter Schiffszimmermann, uns Kindern auf dem Dachboden drei Räume ausgebaut hatte“, so Beckmann. Als der Vater 1952 starb, übernahm der 26-jährige Heinz, zunächst mit seiner Mutter Frieda, seinen Posten. Er war nun „der jüngste Hausmeister auf der Ecke“.

„Das Gertig-Haus war denkmalgeschützt“, sagt Beckmann und fügt mit einem vernichtenden Blick auf das „Silberling“ genannte Allianz-Hochhaus hinzu: „Sie haben es geopfert für einen scheußlichen Neubau mit kalter Fassade und einen ganzen Straßenzug zerstört.“ Tatsächlich gibt es die alte Bohnenstraße, von der aus man über einen Seiteneingang in den Keller des Gertig-Hauses gelangte, heute nicht mehr.

„Im Keller waren das Kokslager und zwei riesige Kokskessel“, erinnert sich Beckmann. „Sie wurden von einer Empore befüllt: morgens 24 Körbe pro Kessel, mittags weitere sechs.“ Als Hausmeister habe man um 4.30 Uhr aufstehen müssen, damit das Koks das Wasser für die Heizung erwärmen konnte, bevor die Mieter das Kontorhaus betraten. „Um sieben, wenn es Frühstück gab, hatte man schon ordentlich was getan.“

Liebevoll blättert er durch eine Broschüre, die um 1910 vom Gertig-Haus angefertigt wurde und die Grundrisse der einzelnen Etagen zeigt. „Das Treppenhaus hatte eine Rückseite aus bleiverglasten bunten Scheiben“, sagt Beckmann und weist auf den Grundriss des Erdgeschosses. „Hier links in der Empfangshalle war der Lift, den wir Bonzenheber nannten, und hier der Paternoster, der Proletarier-Bagger. Außerdem gab es noch einen Lastenaufzug zum Nikolai-Fleet hin. An dessen Seilen sind oft die Ratten hochgeklettert, zum Lebensmittelschrank auf unserem Balkon.“

In die Grundrisse der anderen Etagen haben Vater und Großvater in feiner, akkurater Schrift die Namen der Mieter und die von ihnen angemieteten Quadratmeter eingetragen. „Es gab einen Schneidermeister und einen Teppichhändler, eine Kopfkissenbestickerin, Rechtsanwälte und Steuerberater, einen Wursthändler und den Haarwasserhersteller Dr. Dralle“, zählt Beckmann auf. Die Mietfläche betrug meistens zwischen 18 und 39 Quadratmetern. „Der einzige Mieter mit einem Großraumbüro war der Saatgut- und Fischmehlhändler Köster, der ab 1942 Räume in der zweiten und dritten Etage gemietet hatte“, so der ehemalige Hausmeister.

In dem 1971 fertiggestellten Allianz-Hochhaus gab es ausschließlich Großraumbüros. Rund 1600 Mitarbeiter versammelte der Versicherungskonzern unter dem Dach seiner neuen Verwaltungszentrale. Auch städtebauliche Erwartungen wurden mit dem Neubau verknüpft: Er sollte das Areal mit dem Hopfenmarkt, dem alten Nikolaiturm und dem Hochhaus der Landeskirche aufwerten und dem Großen Burstah aus seiner Randlage verhelfen. Doch obwohl mehrere Läden ins Erdgeschoss zogen, darunter eine Modeboutique, ein Hutgeschäft, ein Juwelier und ein Restaurant, blieb eine dauerhafte Aufwertung aus.

Das Allianz-Hochhaus steht seit 2012 leer, wurde zeitweise zum Lagerplatz für Obdachlose und soll 2017 abgerissen werden. Wieder steht das Areal im Fokus der Stadtentwickler. Geplant ist ein Neubau, der vom britischen Büro Caruso St. John entworfen wird. Der historische Verlauf der Bohnenstraße, die durch das Allianz-Gebäude überbaut wurde, soll wieder hergestellt werden. Das zumindest begrüßt Heinz Beckmann, der schon während seines Hausmeisterjobs Innenarchitektur studiert und später ein Taxiunternehmen aufgebaut hat. Ansonsten fällt es ihm schwer, der Entwicklung etwas Positives abzugewinnen. „Die Ecke wird nie wieder so schön wie damals.“