Hamburg

Architekten: Baumeister der Sehnsüchte

Der Architekt Sven-Erik Dethlefs mit einem seiner Entwürfe im Hof eines von ihm entworfenen Hauses

Der Architekt Sven-Erik Dethlefs mit einem seiner Entwürfe im Hof eines von ihm entworfenen Hauses

Foto: Roland Magunia

Für Architekt Sven Erik Dethlefs sind Entwürfe vor allem ein Ergebnis des Gefühls, auch seines eigenen. Das kann auch mal Rebellion sein.

Sie waren nicht eingeladen zur Documenta X, damals 1997 in Kassel. Also machten sie ihre eigene Abschlussveranstaltung. Sie gruben ein Loch, stellten einen Sarg daneben, und wenn jemand kam und fragte, was das denn solle, dann antworteten sie, in diesen Sarg könne man schlechte Kunst hineindenken. Später werde man sie begraben. Welche schlechte Kunst?, hieß es meist irritiert von den Besuchern. Daraus entwickelte sich ein Diskurs. Als sie glaubten, genügend provoziert zu haben, versenkten sie den Sarg, schaufelten das Grab zu und steckten ein Holzkreuz darauf.

Sven Erik Dethlefs, 56, schaut amüsiert, während er diese Episode aus wilden Happeningzeiten erzählt. „Das Beste war: Die Polizei hat uns nicht erwischt wie viele andere. Denn wir hatten uns einen etwas abgelegenen Ort für unsere Aktion gesucht. Außerhalb der Achse gewissermaßen.“ Die Achse ist das Ordnungsprinzip der Architektur. Und „wir“, das waren Dethlefs und sein Studienkollege Georg Polke, Sohn des 2010 verstorbenen Malers und Fotografen Sigmar Polke.

19 Jahre ist die Kunstaktion jetzt her. Dethlefs war damals 37 Jahre alt und Architekt. Ein Alter also, in dem andere die Insignien einer bürgerlichen Karriere erreicht und abgearbeitet haben: Familie, Haus, Geld und Ansehen. Er aber tat sich schwer mit der Anpassung ans Establishment. Neben und nach dem Architektur- und Designstudium in Hamburg und Düsseldorf hatte er nur kurze Zeit für große Auftraggeber Entwürfe gezeichnet und Modelle gebaut. „Ich bin ein schlechter Angestellter und ein noch schlechterer Zeichenknecht“, sagt er. Deshalb sei er schon seit 30 Jahren selbstständig. „Ich will mich selbst verwirklichen.“ Beruflich, aber auch privat. „Leben ist nicht dazu da, dass man leidet.“

Anfangs gehörte zur Selbstfindung der Betrieb einer Cocktailbar namens Barock, die wegen ihres Erlebnis-Charakters – der Barkeeper trug Perücke und Kostüm – eine Zeit lang als Hotspot unter den vergnügungswilligen Jung-Hanseaten galt, wirtschaftlich allerdings ein Misserfolg war. „Es hat sich dennoch gelohnt“, sagt Dethlefs. „Es geht ums Ausprobieren. Wenn ich nur mache, wovon ich weiß, wie es geht, habe ich keinen Spaß.“

Eine Familie hat er ebenfalls gegründet. 14 Jahre war er verheiratet, genauso alt ist Tochter Greta, die er seit einem Jahr als „Teilzeit-Alleinerziehender“ betreut, wie er es ein wenig spöttisch nennt. Und auch ein Haus hat er gebaut. In der Bernstorffstraße verwirklichte er seine Idee vom Leben und Arbeiten unter einem Dach. Auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle steht seit 2002 auf 2000 Quadratmetern Nutzfläche das Hybridhaus B99: individualisierter Raum, den die Bewohner nach eigenen Vorstellungen als Büro oder Wohnung gestalten konnten. Es gab ursprünglich keine Zwischenwände. „Jeder Käufer bekam eine leere Kiste mit hohen Decken hingestellt.“ Seine Büroräume im Untergeschoss teilt er sich inzwischen mit dem Landschaftsarchitekten Ando Yoo und einem Unternehmen namens Mookwee. Der begrünte Innenhof zeigt mit orientalischen Lampions und anderen eigenwilligen Gestaltungskompositionen, dass Verschönerungsvorschriften hier keine Gültigkeit haben.

„Es ist ein bisschen gallisch hier“, sagt Dethlefs in Anspielung auf das berühmte Dorf der Comic-Helden Asterix und Obelix. Die Genehmigung für die ungewöhnliche Doppelnutzung erhielt der Architekt von der Behörde, weil er die unterschiedlichen Bauvorschriften für Büros und Wohnungen maximal erfüllte. „Es ist ein Nischenprodukt, das ins offene Altona passt“, sagt er.

Angefangen als Selbstständiger hat er 1987 mit der Gestaltung des Eingangs- und Empfangsbereichs der Werbeagentur McCann Erickson am Neuen Wall. Ein erster großer Auftrag. Er dachte, so geht es jetzt weiter. Steil nach oben. Dort, wo sich die wenigen Großen der Branche tummeln. Doch die Realität lehrte ihn das Kämpfen. „Nach jedem Auftrag fällst du als Einzelkämpfer in ein großes Loch. Du denkst, jetzt kommt der nächste Auftrag. Doch es kommt nichts. Jedenfalls nicht von selbst.“

Die Lösung hieß, die Ziele zu verändern. Geholfen auf dem Weg zum inneren Gleichgewicht haben ihm dabei zwei Semester Psychologie. „Ich habe irgendwann gelernt, wie absurd das Leben sein kann. Wenn man das begriffen hat, fällt das Ernstnehmen schwer.“ Daraus ist ein gewisser innerer Abstand zu gängigen Werten wie Konsum und Güteranhäufung entstanden. „Wichtig sind für mich Gestaltungswille und Gestaltungskenntnis sowie die Freiräume, sich künstlerisch zu betätigen.“ Eine Haltung, die er sich auch aus der Zeit der Mitarbeit bei Haus-Rucker-Co bewahrt hat. Die österreichische Architektur- und Künstlergruppe prägte die Szene in den 1970er- und 1980er-Jahren mit utopischen Wohnobjekten und einer eigenen Auffassung von Bewusstseinserweiterung.

Das Spiel „Raus aus der Pleite“ hat Dethlefs auch kreiert

Wahrscheinlich hat einer wie Deth­lefs, im Zweitjob Gutachter für Baukosten, reichlich Potenzial für beide Seiten seines Berufes, die pragmatische und die künstlerische. Aber er konnte oder wollte sich nicht für eine entscheiden. „Ich bin Generalist“, bestätigt er. Als Jugendlicher spielte er Bass, Klavier, Gitarre in einer Kurzzeit-Band, die sich Combo Inferno nannte. Doch weil er als Sohn eines Kaufmanns und einer Taxifahrerin Güterabwägung früh gelernt hatte – der Vater starb, als er zwölf Jahre alt war –, fiel der Sehnsuchtswunsch Musiker ziemlich schnell durch den Rost der praktischen Überlegungen. „Davon können die wenigsten gut leben.“

Stattdessen machte er seine zweite Leidenschaft zum Beruf, das Handwerken. Schon früh erwarb er sich in der Verwandtschaft den Ruf des Do-it-yourself-Alleskönners. „Egal ob eine Lampe anzubringen, ein Regal aufzubauen oder ein Bild aufzuhängen war:, Bring die Bohrmaschine mit, wenn du kommst, hieß es. Das war liebenswert, ab manchmal nervte es.“

Als Gegenpol zur verwandtschaftlich geforderten Selbstausbeutung fand er einen kreativen Ausweg. Er entwarf und baute Tische, Regalsysteme und Lampen selbst.

Später kamen Accessoires wie eine Aktentasche mit speziellem Innenleben, Klimaskulpturen, ein Schachtisch und sogar ein Spiel hinzu. „Raus aus der Pleite“ heißt es. Fünf Exemplare hat er noch irgendwo in einer Ecke herumliegen. Kernpunkt neben der Insolvenz als Muss sind Regeln, die stets und für alle Mitspieler frei verhandelbar sind. „Das zeigt die Absurdität wirtschaftlichen Handelns.“

Wichtiger als diese Spielereien sind ihm aber seine Kunstaktionen, denen er sich mehr und mehr zuwendet. Beispielsweise das Container Art Projekt, mit dem er gerade eine Woche lang in Südafrika war. In den Blechkisten wurden ausrangierte Instrumente für bedürftige Kinder kostenlos transportiert. Die Innenwände sind mit Fotos beklebt. Menschen hatten auf dem Reeperbahn Festival 2014 ihre wichtigsten Wünsche abgelichtet. „Es geht um Sehnsüchte“, sagt Dethlefs. „Diese Container transportieren sie.“

Er hofft, in der Zukunft mit all den anderen Kunstschaffenden und Unterstützern dieses Projekts noch ganz andere Dinge zugunsten junger Kulturschaffender in die globalisierte Welt hinaus verschiffen zu können. „Mir schwebt ein Theaterstück vor, dessen Requisiten aus Tokio nach Hamburg gebracht werden, damit es hier aufgeführt wird. Denn das ist mein Architekturbegriff: Sehnsucht definiert die Bewegung des Raumes.“

Wir sind beim Herzensthema dieses Mannes angelangt. Vor ein paar Jahren sei ihm klar geworden, bei allem, was er tue, gehe es um den Raum. „Es ist ein unfassbar schönes Gefühl, wenn man etwas entwerfen darf. Ich denke mir den Raum dazu aus. In meiner Welt existiert er fortan als Gedankengebilde. Mehr noch: Meine Gedanken sind dasselbe wie mein Gefühl.“

Dethlefs nimmt ein Blatt Papier zeichnet mit dem Kugelschreiber ein großes Rechteck hinein. „Nehmen wir einmal an, das ist ein Operationssaal. In diesem Fall bestimmt die Nutzung den Raum. Für den Arzt, den Patienten, die Putzfrau und den Controller hat er unterschiedliche Bedeutungen. Er besteht aus Vorstellungen und Emotionen. Ohne Mauern ist er sogar nur ein Feldlazarett.“

Und dann gibt er noch ein bisschen Denkfutter mit für den Weg zurück ins Büro. „Sie haben ja ihren Interviewraum immer dabei.“ Die Journalistin als Raumgestalterin – eine interessante Idee.