Kirche Hamburg

Zeit zum Reden – und Zeit zum Schweigen

Schweigen kann weise sein, aber auch feige. Wie schmal der Grat ist, erleben wir im aktuellen Konflikt um den türkischen Präsidenten.

Hamburg. Die Sprache ist die Quelle vieler Missverständnisse, unzähliger Kränkungen, aber auch vieler notwendiger Klärungen. Manchmal dient sie als Mantel, unter dem versteckt werden kann, was benannt werden muss, aber nicht offen gesagt werden darf. Ebenso ist es mit dem Schweigen: Es kann weise sein, aber auch feige. Wie schmal der Grat ist, erleben wir im aktuellen Konflikt um die Grenzen und Möglichkeiten von Satire und die Freiheit der Meinung. Scharfe Kritik gehört zum geistvollen Sprechen dazu. Wie schwer es ist, hier die Grenzen auszuloten, zeigt sich gerade in dem Konflikt um den türkischen Präsidenten.

Kluge Rede, wesentliche Gespräche und gerade gekonnte Satire brauchen meist nur wenige Worte, um prägnant zu sein. Und es sind oft gerade die Pausen zwischen den Sätzen, die Gesagtes bedeutsam machen. Wer wirklich etwas sagen will, macht sich Gedanken und Worte bewusst und lernt zuzuhören. Ein gelingendes Gespräch lebt davon, dass man auch nicht spricht. Freiwillig zu schweigen ist Teil der Wortkunst.

Es ist eine uralte geistliche Qualität: für Tage ins Schweigen zu gehen. Klöster bieten Schweigezeiten an, in denen Menschen sich innerlich klären können und bewusst wahrnehmen, was da so alles in ihnen redet. Schweigen kann Gebet sein. „Als ich immer weniger zu sagen hatte, … konnte ich hören, was Gott mir sagen wollte“, schrieb der dänische Philosoph Kierkegaard.

Bei Pilgerwanderungen erleben viele Menschen gerade die langen Phasen des Schweigens als heilsam und klärend. Die Gespräche, die sich anschließen, haben eine andere Qualität. Man spricht über Wesentlicheres, berichten viele Pilgernde. Solche Gespräche sind echte Glücksmomente.

Schweigen lernen – ein heilsamer Weg aus der Überflutung mit Worten. Schweigen lernen – damit das, was wir zu sagen haben, auch wieder klar und prägnant ist. So können wir uns auch besser bewusst werden, wann wir den Mund aufmachen müssen und wann Schweigen sinnvoll ist.

lohse@jacobus.de