Der rote Faden

Claudia Fischer-Appelt – lieber anecken als einknicken

Kann mit ihrem Elan mitreißen: Claudia Fischer-Appelt in den Räumen ihrer Agentur Karl Anders.       Sie ist auch Rätin an der Muthesius-Hochschule in Kiel.

Kann mit ihrem Elan mitreißen: Claudia Fischer-Appelt in den Räumen ihrer Agentur Karl Anders. Sie ist auch Rätin an der Muthesius-Hochschule in Kiel.

Foto: Roland Magunia

Die Chefin der Werbeagentur Karl Anders, war früher angepasst und brav. Heute lebt sie ihren Traum vom Spaß beim Geldverdienen.

Einmal um die Alster. Alles im Fluss. Körper und Geist in Harmonie. Überflüssiges Loslassen. Den einen Gedanken festhalten. Daran entlangdenken. „Joggen ist für mich die beste Art des Entspannens“, sagt Claudia Fischer-Appelt, 48. „Außerdem kann ich dabei wunderbar Dinge abarbeiten, die mir im Kopf herumgehen.“

Wasser in der unmittelbaren Lebensumgebung ist für diese Frau unverzichtbar. Das hat mit ihrer Familiengeschichte zu tun. Die Designerin und Chefin der Werbeagentur Karl Anders ist in der Ostsee-Hafenstadt Kiel geboren. Kiel ist aber auch eine Stadt, in der die Deutsche Marine einen wichtigen Stützpunkt hat und von wo aus Vater Harald als Offizier, wie beim Militär üblich, alle drei bis vier Jahre an andere Stützpunkte wechselte. Ehefrau Ute und die Töchter Claudia und Christina mussten mit. „Heimat ist kein Begriff, bei dem ich etwas fühle“, sagt Claudia Fischer-Appelt. „Ich komme eher von der Bewegung her, kann mich gut auf neue Situationen, aber auch Menschen einstellen.“ So ein Verhalten lernt man gezwungenermaßen, wenn man Freunde, Schulkollegen und andere Dinge, die einem ans Herz gewachsen sind, in regelmäßigen Abständen zurückzulassen muss. „Ich hatte dennoch eine behütete Kindheit“, sagt sie.

Ihr künstlerisches Talent zeigte sie früh, doch sie sollte was „Sicheres“ lernen

Vielleicht dauerte es deshalb etwas länger, ehe sich aus dem schüchternen Mädchen jene selbstbewusste Frau herausschälte, die sich heute – mit langen schwarzen Locken, schwarzer Designerbrille und als Hingucker den Mund kräftig rot geschminkt – nicht nur äußerlich auffällig präsentieren kann. „Ich war als Heranwachsende kein rebellischer Typ, eher fleißig, pünktlich, diszipliniert.“ Schon früh zeigte sich aber, dass sie künstlerisch begabt war. Sie tanzte hingebungsvoll Ballett, spielte Klavier, und spätestens als im Kunst-Leistungskurs vor dem Abitur ihre Zeichnungen und Collagen dem professionellen Betrachter auffielen, hätte ihre berufliche Ausrichtung damals schon klar sein können. „Mach was draus“, riet ihr der Lehrer. Doch wie das so ist mit verantwortungsbewussten Eltern, wünschte sich vor allem die Mutter für die Tochter einen sicheren Start ins Leben. Eine Banklehre wurde angedacht und brav absolviert.

„Ich habe mich möglichst unauffällig durchgeschlagen. Das war schwierig als kreativer Mensch in dem spießigen Umfeld“, sagt Fischer-Appelt und schüttelt die tiefschwarze Mähne für den Fotografen zurecht. Schnürstiefel bis zum Knöchel, ein kurzes, körperbetontes Kleid, beides ebenfalls in Agenturschwarz, sind der stoffliche Beweis für einen gelungenen Zeitsprung in die Moderne. Dazu passen die eleganten Tigerköpfe auf der Tapete im altmodisch anmutenden Besprechungszimmer der Agentur eigentlich nicht. Dann schon eher die skurril gestaltete Hausfassade, die neben der Eingangstür einen, nun ja, verfremdeten Osterhasen zeigt? Claudia Fischer-Appelt lacht. „Es ist ein glücklicher Berg, sagt der Urheber Stefan Mosebach. Manche sagen auch Tapir dazu.“

Das passt zum schrägen Humor von Karl Anders und dem Motto: „The brain runs on fun“. Oder frei übersetzt: Um zu funktionieren, braucht das Gehirn Spaß. Und eine besondere Atmosphäre in den Räumlichkeiten, erklärt die Chefin. Die befinden sich in einem ehemaligen Gemeindesaal auf St. Pauli. „Ich finde, man spürt noch, dass es hier um das Miteinander von Menschen ging“, sagt Fischer-Appelt. Neben den üblichen Aufträgen für eine kleine, aber feine Design-Agentur hat sich die Querdenkerin mit ihrem Gründerpartner Lars Kreyenhagen und den derzeit sieben Mitarbeitern auch eine Spielwiese für ganz besondere Kunst gegönnt. Sie nennen es vielsagend „Der Zirkel, der macht“. In dem Kollektiv sind alle Genres willkommen. Einzige Voraussetzung sind unkonventionelle Ideen und die Vision, sie umzusetzen.

Die Angepasstheit einer jungen Bankangestellten erledigte sich jedenfalls seinerzeit mit der Hinwendung zum Kommunikationsdesign. Heimlich und in einem Anfall von Widerstand hatte sie sich an der Kunsthochschule in Kiel beworben – und war zu ihrem Erstaunen sogar angenommen worden. „Ich hatte keinen Plan B. Wenn die mich nicht genommen hätten, wäre ich vermutlich bei der Bank geblieben.“

So aber öffnete ihr die Studentenzeit einen neuen Blick auf die Welt. Es war ein erster wichtiger Wendepunkt in ihrem Leben. Sie lernte, selbstbestimmtes Handeln und Freiheit zu genießen. Lernte, sich und ihrer künstlerischen Ausdrucksweise zu vertrauen. Höhepunkt war ein Semester an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Den Haag, einer der renommiertesten Kunsthochschulen weltweit – passenderweise ebenfalls in einer Stadt am Wasser. Mit dem Diplom in der Tasche ging sie dann nach Hamburg. „Es war der Einstieg in meine eigentliche Berufswelt.“

Ein Jahr lang arbeitet sie frei. Kontakte hatte sie bereits, da sie während des Studiums häufig in Hamburger Agenturen gejobbt hatte. Dann, 1996 bewarb sie sich bei der PR-Agentur Fischer-Appelt, machte Karriere in der Kommunikationsbranche, wurde Kreativchefin, verliebte sich in Bernhard, einen der beiden Inhaber, heiratete ihn, bekam zwei Jungen, Anton und Fritz, und „lebte und arbeitete glücklich bis an ihr Lebensende. Ach nee, ganz so war das nicht ...!“

An dieser Stelle stockt die Unterhaltung. Privates offenzulegen mag sie nicht. Andererseits ist sie in einem Alter, in dem man selbstbewusst zu den Dingen stehen kann. „Mein Ex-Mann und ich, wir waren ein tolles Team. Es war ein hoch intensives Leben. Aber irgendwann ging es nicht mehr.“ Die Trennung vor sechs Jahren erfolgte im Sinne der Kinder. Die Jungen blieben hauptsächlich bei der Mutter, die sich sogar eine Auszeit von einem Jahr nahm, „um meinen Söhnen in dieser schwierigen Zeit hundertprozentig zur Seite zu stehen“. Inzwischen haben beide Elternteile neue Partner und leben friedliches Patchwork.

Dass sie einmal für ihre Kinder die Karriere hintanstellen würde, ist ein großes Zugeständnis an ihre Rolle als Mutter. „Ich bin ziemlich männlich sozialisiert“, sagt sie. „Im klischeehaften Sinn eine gute Mutter zu sein ist nicht so mein Ding: Spielplätze, Hausaufgaben, klassische Mütternetzwerke. Aber das gebe ich auch offen zu.“ Authentisch sein, sich möglichst wenig verbiegen und lieber mal anecken als einknicken, das ist wesentlicher Bestandteil ihres Charakters. Damals, als sie noch mit Ex-Ehemann Bernhard Fischer-Appelt und dessen Bruder Andreas in der gemeinsamen Unternehmensgruppe als Chefin der Design-Agentur Ligalux tätig war, scheute sie sich nicht, sich mit einer Gruppe Menschen anzulegen, die auch in diesem Land eine besonders geschützte Stellung innehat: die der Mütter.

Ihr Ältester, Anton, war gerade geboren, und egal, wo sie sich aufhielt, sie fühlte sich umzingelt, geradezu bedrängt von in ihren Augen geschmacklos designten Produkten für Babys und deren Eltern. Bärchen und Blümchen, Entchen und Pferdchen in Rosa oder Hellblau. Kein Wickeltisch, kein Babyfon, kein Kinderschlafsack, der nicht per Aufdruck signalisierte: Hier ist heile Welt. „Ich konnte das irgendwann nicht mehr ertragen“, sagt Fischer-Appelt. „Dieses Gute-Mutter-Thema hat mich wütend gemacht. Aber auch die ideologischen Auseinandersetzungen dazu, die an Krieg erinnerten.“

Sie entwickelte eine eigene Produktlinie, die sie, in Anlehnung an Yamamoto, den weltberühmten japanischen Designer, vermarktungsclever Mamamoto nannte und verkaufte im Internet mit coolen Piktogrammen versehene Nuckelflaschen. Ihre Puppenhäuser waren aus Holz mit einer Glaswand und ökologisch einwandfrei. Auf ihrer Kinderzimmer-Tapete tummelten sich Affen, die Kokosnüsse mit Bomben oder Macheten knackten. Und auf einer ihrer Muttertagskarten stand „Danke für 623 Liter Muttermilch“. Das Nieder-mit-den-Bärchen-Prinzip, wie es damals in den Medien genannt wurde, fanden allerdings nicht jeder und jede lustig. Es gab harsche Kritik. „Ästhetik ist auch eine Erziehungssache, nichts, was man den Kindern ­überlassen kann“, sagt sie. Für die Familieninitiative Mamamoto wurde sie zweimal mit dem renommierten Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Sogar ein Buch schrieb sie in dieser rebellischen Zeit. „Family Business: Das Buch für Eltern, die nicht perfekt sein wollen“ lautet der Titel. Klingt nach Mission und missionieren? „Ich möchte die Welt besser und schöner machen“, erklärt sie. Und weil man das nicht allein schaffen kann, sucht sie sich bevorzugt Mitmacher. „Es fällt mir leicht, Leute zu begeistern. Ich liebe es, wenn am Ende alle sagen: Yes, wir machen das.“

An dieser Haltung hat sich nichts geändert. Aber die Strukturen sind anders. Die Kinder sind inzwischen 16 und zwölf Jahre alt und auf der Suche nach dem eigenen Weg. Hilfreich ist dabei die neue Selbstbestimmtheit der Mutter. Als Inhaberin einer Agentur kann sie sich ihre Zeit besser einteilen als je zuvor. Das nimmt Stress aus dem täglichen Miteinander einer Alleinerziehenden und ihrer Söhne. Aber auch mehr Selbstverwirklichung ist im Arbeitspaket von Karl Anders seit der Gründung 2011 enthalten. „Ich wollte nach Jahren im Management wieder mehr kreativ sein“.

Zumindest mit dem Namen ihrer Agentur hat sie einen Volltreffer gelandet. Es dauerte einige Zeit, ehe sich im Fast-Food-Anlieferungsgewerbe herumgesprochen hatte, dass die Pizza für Herrn Anders in die Brunnenhofstraße von Frau Fischer-Appelt bestellt worden war ...