„Moses & Taps“

Hamburger S-Bahnmaurer: „Den Druck hat doch die Polizei“

„Moses & Taps“ mauerten den Eingang einer S-Bahn zu und leben in Hamburg

„Moses & Taps“ mauerten den Eingang einer S-Bahn zu und leben in Hamburg

Foto: Bundespolizei / dpa

Die Graffiti-Sprüher „Moses & Taps“ mauerten die Tür einer S-Bahn zu. Randalierer oder Stars? Ein Gespräch mit zwei Getriebenen.

Hamburg.  Der Kontakt zu den Phantomen läuft über eine Mittelsfrau – mit klaren Regeln. „Moses & Taps stimmen einem Gespräch zu, aber nur auf schriftlichem Weg“, sagt die Galeristin am Telefon. Die beiden derzeit berüchtigtsten Graffiti-Sprüher der Republik sind scheu, wollen ihre Worte abwägen. Seit die beiden Männer im vergangenen April den Eingang einer Hamburger S-Bahn zumauerten, stehen beide noch mehr im Fokus von Polizeibehörden als zuvor.

In Szenekreisen von Graffiti und Street-Art gelten beide als internationale Stars. Nun sind Leinwandwerke in der Golden Hands Gallery in der Hamburger Neustadt zu sehen, nach Abendblatt-Informationen leben beide Sprüher inzwischen in Hamburg. Im Interview nehmen „Moses & Taps“ exklusiv Stellung zur „S-Bahn-Mauer“, sprechen über den Sinn ihrer Aktionen und die Rivalität mit den Ermittlern.

Hamburger Abendblatt: Die neue Ausstellung heißt „Corporate Identity“. Wofür steht die Marke „Moses & Taps“ ?

Moses & Taps: Interessant ist doch, dass wir tatsächlich als Marke wahrgenommen werden. Ohne dass wir bewusst überhaupt für etwas stehen. Aber dafür stehen wir mit unserem guten Namen.

Wenn Sie für nichts stehen – wozu dann Straftaten in aller Öffentlichkeit?

Moses & Taps: Persönlich stehen wir für vieles – aber als „Marke“ wollen wir niemandem eine Gebrauchsanweisung an die Hand geben. An der Frage nach dem Warum können sich andere die Zahnprothese ausbeißen – Kriminologen, Soziologen, Philosophen. Uns reicht der Selbstzweck.

Die Polizei und viele Hamburger würden sagen: Eine Mauer in eine S-Bahn zu bauen ist nur ein Streich ohne Botschaft.

Moses & Taps: Das würde vermutlich mehr über die Fantasie der beschriebenen Personengruppen aussagen als über den Gehalt einer in der S-Bahn gebauten Mauer. Wir verstehen unsere Arbeiten als Grundstein, als Denkanstoß für eine Geschichte, die jeder selber erdenken muss.

Warum haben Sie es so stark auf den Bahnverkehr abgesehen?

Moses & Taps: Das Werk bestimmt das Umfeld. Züge sind dabei nur einer von vielen Aktionsräumen. Wenngleich sie auch unser traditionelles Medium darstellen. Züge sind als Teil des ÖPNV eben öffentlich und damit auch wunderbar öffentlich wahrnehmbar.

Also geht es um Aufmerksamkeit?

Moses & Taps: Es geht vor allem darum, stattzufinden.

Und das ist auf legalen Flächen nicht möglich?

Moses & Taps: Das ist auch auf legalen Flächen möglich, wie man an unseren Ausstellungen sehen kann. Legalität kann aber keine Bewertungsgrundlage sein. Unterscheidungen wie „legal“ und „illegal“ sind genau wie „dein“ und „mein“ und „schön“ und „hässlich“ menschengemacht, unterliegen damit einem Zeitgeist und dem Wandel. Die Kunst, die heute erlaubt ist, kann schon morgen verboten sein und umgekehrt. Denken wir nur an die Verfolgung „Entarteter Kunst“ ab 1933.

Was war der Ansatz hinter der Maurer-Aktion im vergangenen Jahr?

Moses & Taps: THE WALL™ hat verschiedenste Menschen zu ganz unterschiedlichen Interpretationen, zu Diskussionen und damit zum Denken angeregt. Der Unterschied zwischen Kunst und Werbung ist ja, dass es mehrere Deutungsmöglichkeiten geben kann. Es steht niemandem zu, die Gedanken der Betrachter mit richtig oder falsch zu bewerten – uns, die wir uns nicht dazu hinreißen lassen, derartige Werke nachträglich durch leicht verdauliche Erklärungen zu entzaubern, schon gar nicht.

Graffiti - für Ermittler eine Straftat

Hatten Sie mit dem enormen Echo auf die Aktion gerechnet?

Moses & Taps: Ja. Tatsächlich ist es eine der wenigen Aktionen, die bis zum heutigen Tage zu annähernd 100 Prozent nach Plan verlaufen ist. Inklusive der Aufnahme dieses Interviews in die diesbezüglichen Ermittlungsakten. Was nicht geplant war: Das erste Mal haben unkritischere Geister die Sinnhaftigkeit einer Strafverfolgung wegen Sachbeschädigung für das Errichten einer Mauer und die absurd veranschlagte Schadenssumme von „mehreren Zehntausend Euro“ infrage gestellt.

Gibt es einen „Probelauf“ oder Übung für solch aufwendige Aktionen?

Moses & Taps: Wo das möglich und nötig ist, ja. Ansonsten sind wir aufgrund jahrelangen Pfuschs mittlerweile Meister der Improvisation.

Was ist der schwierigere Part: die Aktion – oder sich nicht erwischen zu lassen?

Moses & Taps: Beides ist ja untrennbar miteinander verbunden. Tatsächlich ist die „Aktion“, so man sie denn auf den bloßen Fertigungsakt beschränken will, oft der einfachere Part. Auch weil eben den weitaus größeren Teil die Vor- und Nachbereitung einnimmt. Das fängt mit der Entwicklung eines Konzeptes, der Planung und dem Organisieren von Materialien und Helfern an und hört bei der Dokumentation längst noch nicht auf. Alles zusammengenommen kann man selbst bei einfachen Aktionen mit einem guten Arbeitstag rechnen.

Das Video war ein Welterfolg. Spüren Sie einen erhöhten Druck der Polizei?

Moses & Taps: Den Druck haben doch vor allem die Ermittler! Sie sind doch in einer bedauernswerten Situation: Personen für Handlungen verfolgen zu müssen, für die sie selber Sympathien hegen. Ansonsten gilt: Die Sieger schreiben die Geschichte. Wahrscheinlich ist, dass ein Kriminaloberkommissar kurzzeitig jemanden an Aktionen hindern kann. Unwahrscheinlich, dass man sich in der Zukunft an seine Heldentat erinnern wird.

Auch Ihre Werke haben meist nur für sehr kurze Zeit Bestand. Danach bleiben nur Bilder und Videos. Ist das besser?

Moses & Taps: Ja, die Vergänglichkeit ist elementarer Teil, dadurch erfährt der Moment des Bestands diesen hohen Wert. Die kurze Lebensdauer zeigt ja den Grad der Auseinandersetzung mit unseren Werken.

Wollen Sie die Polizei vorführen?

Moses & Taps: Nein, nichts liegt uns ferner; die Polizei spielt aktiv keine Rolle und ist schon gar nicht unser Gegner.

Street-Art ist gesellschaftlich inzwischen konsensfähig. Sehen Sie Ihre Arbeit in einer Linie mit Künstlern wie Banksy?

Moses & Taps: Was gesellschaftlich konsensfähig ist, ist nicht Street-Art, sondern deren Ästhetik. Die Massenkompatibilität von Street-Art hört ganz schnell dort auf, wo diese nicht mehr die gefällige Schabloniererei ist.

Das klingt, als müsste Straßenkunst für Sie unbequemer sein.

Moses & Taps: Gute Kunst muss das und ist es auch. Es gibt aber mehr McDonald’s-Filialen als Sterne-Restaurants.

Gibt es Graffiti oder Street-Art, die Sie ablehnen? Wenn ja, welche?

Moses & Taps: Wir lehnen sie nicht ab, aber wir erachten sie als irrelevant; Kunst, deren einziger Zweck darin besteht, zu gefallen. Die, die mehr Fragen beantwortet, als sie stellt.

In jüngerer Vergangenheit haben Sie verstärkt mit Aktionen in Hamburg für Aufsehen gesorgt. Hat die Stadt ungewöhnliche Aktionen besonders nötig?

Moses & Taps: Nicht Hamburg, aber vielleicht seine Bewohner. Vor allem die 1,5 Millionen, welche die Elbphilharmonie niemals von innen sehen werden.

Von denen hat Sie aber kaum jemand gebeten, Stadt und Züge umzugestalten.

Moses & Taps: Das mag stimmen, aber es verlangt auch kaum jemand nach einer Elbphilharmonie. Trotzdem werden sie auf ihre Kosten zwangsbeglückt. Aber was ist mit all den übrig gebliebenen „kaum Jemands“, die um die Umgestaltung bitten? Deren Wunsch ist vernachlässigbar, weil sie die angeblich kleinere Fraktion darstellen?

Sind neue Aktionen in Hamburg geplant?

Moses & Taps: Vielleicht. Geplant ist, die FDP zu unterwandern und dafür zu sorgen, dass sie sich auf ihre traditionellen Farben Gelb und Blau besinnt.

Wie wählen Sie die Werke für die Ausstellung aus?

Moses & Taps: Ganz subjektiv danach, welche Werke uns persönlich am besten gefallen. Arbeiten, die unseren momentanen Entwicklungsstand treffend beschreiben und die eine Geschichte erzählen, die über ihre eigene hinausgeht.

Woher nehmen sie die Inspiration für ihre Werke?

Moses & Taps: Rein bildlich inspiriert uns natürlich unser gesamtes ästhetische Umfeld. Inhaltlich sind es vor allem kritikwürdige Einflüsse, die uns im täglichem Leben betreffen und die wir durch unsere Werke verarbeiten.

Nach dem Tod von „Oz“ schien die Wertschätzung für sein Schaffen deutlich zu steigen. Außer Ihnen sind aber kaum bekannte Sprüher mehr übrig. Wie sehen sie die Graffiti-Kultur?

Moses & Taps: OZ’ Tod war und ist zumindest Anlass für eine anhaltende Diskussion. Das wir nun die letzten bekannten Protagonisten sein sollen, stimmt so aber nicht. Es gibt in Hamburg gute zwei Dutzend international herausragende Künstler aus dem Graffitibereich. Vermutlich sind wir nur die, die durch ihr lautes Geschrei alle feineren Klänge übertönen.

Ist es denkbar, dass Sie irgendwann zu „herkömmlichen“ Künstlern auf legalen Flächen werden?

Moses & Taps: Sollte es irgendwann dazu kommen, dass wir als „herkömmliche Künstler“ (dann auch noch ohne Anführungszeichen!) bezeichnet werden, sind wir hoffentlich schon längst in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Wo werden Sie sein, wenn an diesem Wochenende die Ausstellung mit Ihren Werken öffnet?

Moses & Taps: Haha, netter Versuch.

„Corporate Identity“, Golden Hands Gallery, Kaiser-Wilhelm-Straße 87, Mi–Sa 13–18 Uhr, Tel.: 357 15 57